Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 20 Mrz

Was??

von: Hans-Dieter Klinger Abgelegt unter: Blog | TB | 2 Kommentare

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Vorgestern habe ich – wie Ian auch – Brian Enos Reflection wiedergehört. Es ist ein wunderbares Stück, das ich am liebsten hören würde in einem lichtlosen Raum, wo die Klangfarben aus allen Richtungen tönen, voll frischer kühler Luft, an einem See aus Klang.
 
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Für Reflection würde ich in unseren Zeiten nicht meilenweit gehen. Vor 50 Jahren hätte ich es getan. Da wäre es ein unerhörtes, nahezu innovatives Stück gewesen.
 
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Reflection habe ich gehört im Anschluss an eine LP, für die ich vor fast 50 Jahren – um im Bild zu bleiben – meilenweit gegangen bin. Ich habe sie wohl im Radio gehört und mich auf die Suche begeben.
 
 
 

 
 
 
FOLKE RABE, Was??
 
Musik ohne Rhythmus, ohne Melodie und Harmonik
Klang, nur allmählich changierend
wie Reflection ein Member von Game Of Drones
schon 1967 entstanden
 

Folke Rabe (*1935):
 
Bereits vor vielen Jahren begann ich mich für die Zusammensetzung verschiedener Schallphänomene zu interessieren. Die physikalischen Grundvoraussetzungen waren mir bekannt; doch ich wollte die Bestandteile des Schalls mit meinem Gehör erleben. Ich versuchte, in die verschiedenen Klänge hineinzuhören, um die Komponenten zu erfassen, aus denen sie zusammengesetzt waren. Ich erlebte, wie die Obertöne in einem Klavierton sich langsam verändern, indem sie verklingen. Ich versuchte auch, soweit dies möglich war, die komplizierten Abläufe herauszuhören, die bei der Entstehung eines Schalles vorkommen. Gleichzeitig mit diesem Horchen beschäftigte ich mich mit Monotonie.

[…]

In den abendländischen Kompositionen sind Intervalle, Rhythmen, Klangfarben, soweit sie sich der Notenschrift entzogen, zu untergeordneten Teilen einer philosophischen oder zumindest einer motivisch-formalen Idee geworden. Die klingende Tatsache an sich ist mehr in den Hintergrund getreten, und das Abendland hat in ethno-zentrischer Selbstvergötzung die Überlegenheit seiner kulturellen Tradition statuiert (sei es bei Beethoven oder bei Coca-Cola).
Doch es gibt in der Welt viele musikalische Bereiche, in denen das Qualitative aus dem direkten Klang wächst. In solcher Musik wird man Formenelemente im westlichen Sinne vergebens suchen und deshalb diese Musik als primitiv, sinnlos oder gar provokant empfinden. In Wahrheit aber handelt es sich um zwei verschiedene Möglichkeiten einer musikalischen Gestaltung.

(aus dem Beiheft zu WERGO 60047)

 
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Zurück zu Ians Artikel über Olivier Alarys eindrucksvolles Album Fiction / Non-Fiction
brandneu
Alary und Rabe, offenbar Geistesverwandte

For me the texture of sound is as evocative as a strong melody or harmonic progression. I also love to blur the boundaries between the geography of instruments and music genre.

(Alary, zitiert nach Fatcat Records Ltd)

5

Nach Brian Eno, Folke Rabe und Olivier Alary muss man in diesen Tagen nicht mehr meilenweit gehen. Sie sind nur wenige mouse clicks entfernt bei Streaming Portalen anzutreffen. Folke Rabe auf Vinyl ist eine nicht ganz billige Rarität.
 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 20. März 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

2 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Zeit der Entdeckungen! Das wäre mal eine neue Reihe mit dem Meilenweit-Gehen. Wieviele Meilen und wofür? Das Innovative ist für mich kein allein ausreichendes Kriterium für eine lange Wanderung. Wesentlicher ist da noch, wenngleich noch weniger messbar, die Tiefe der „Berührung“ durch ein Musikstück, es gibt da kitschigere Ausdrücke:)

    Das Stück WAS?? (es gab mal einen Polanski-Film, der WAS hiess, ich habe ihn damals im Kino gesehen und komplett vergessen) berührt mich und fesselt mich auch , aber es geht bei mir lang nicht so „tief“ wie REFLECTION, für das ich dann doch, gäbe es das Teil nur in einem Plattenladen in Würzburg, sehr lange und sehr weit gehen würde, mit diversen Übernachtungen. Für WAS?? Immerhin bis zum Bushof. Ein bisschen wenig „Soul“ nehme ich hier wahr, im Vergleich zu anderen Electronica, in denen erstmal Kühles, Systemisches, sich in „soul“ wandelt, den „deep human factor“, und ein weites emotionales Spektrum auffächert.

    Ein weites Feld der Tradition scheint es aber auch für WAS?? zu geben, eine allerdings eher lineare als zyklische Komposition. La Monte Youngs Musik in seinem Dream House, die uralten Drones der indischen und australischen Musik etc. – aber, eine Entdeckung allemal, genau wie die von Ian aufgetane Musik!

  2. Hans-Dieter Klinger:

    Ich blicke zurück auf ein intensives Hörwochenende, mit Entdeckungen, Wiederentdeckungen und zahlreichen Assoziationen.

    Brian Eno – Reflection
    Folke Rabe – Was??
    Olivier Alary – Fiction / Non-Fiction
    Karlheinz Stockhausen – Stimmung
    La Monte Young – eine Rundfunksendung aus dem Jahr 1992

    Auslöser ist REFLECTION gewesen. Vor Wochen schon, als ich Enos Opus zum ersten Mal hörte, kam mir WAS?? in den Sinn: ich muss das Stück wieder hören …

    Es stimmt, das Innovative ist kein ausreichendes Kriterium für eine lange Wanderung. Es muss also mehr als das Neuartige gewesen sein, was mich veranlasst hat, meilenweit zu gehen, um WAS?? zu finden. Kurz nach 1970 bedeutete das:

    bei Radio Schramm in Helmbrechts nachfragen?
    ach was …

    Ob Radio Adler in Nürnberg es auf Lager hat?
    vielleicht, dicke Kataloge zum Nachschauen waren jedenfalls vorhanden …

    Es stimmt, ein bisschen wenig „Soul“ muss man WAS?? attestieren.
    Anders gesagt: REFLECTION gefällt mir besser.

    Folke Rabe und La Monte Young sind beide 1935 geboren. Youngs berühmte Composition 1960 #7 kam mir gleich in den Sinn. Mir scheint, Folke Rabe folgt – bewusst oder unbewusst – La Monte Youngs Konzept der zeitlich lang ausgedehnten Komposition. Wie ich in der Rundfunksendung über La Monte Young erfahre, gehören – wie er selbst sagt – zu seinen frühesten musikalischen Eindrücken das Rauschen des Windes und das Summen von Hochspannungsleitungen in seiner Heimat Idaho. Das beeinflusste seine kompositorischen Ideen.

    Die Auseinandersetzung mit langen Klängen sensibilisierte Young schon früh in Bezug auf das Tuning. Damit beschäftigte er sich ausführlich seit Anfang der 60er Jahre. Er entwickelte daraus seine eigene nicht-temperierte Stimmung, eingegangen in die Komposition The Well Tuned Piano. Ein well tuned piano höre ich auch in Track #13 von Alarys Album.

    Klangbeispiele

    #13

    Young


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