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2017 28 Feb

How do I get close? UNTERWEGS mit G. S. TROLLER

von: Lajla Nizinski Abgelegt unter: Blog | TB | 9 Kommentare

 

 
 
 
Get close to the sinners trying hard to repent
Get close to the homeless wasters and the innocent
Get close to the souls ignored and forgotten by the establishment

 
(The Kinks)
 
 
Hier sind einige gewichtige Stimmen aus dem Äther genannt worden. Georg Stefan Troller ist mein Journalistenglück. Sein wienerischer Klang verrät die Herkunft. Seine herbe, mannsstarke Stimme aber nicht, dass er als GI bei den Amerikanern gekämpft hat. Sein Cartier-Bressonscher Fotoblick für Amourszenen könnte ihn in Paris ansiedeln. Alle Vermutungen stimmen.

Troller lebt noch heute in Paris, er stammt aus Wien und verbrachte die Kriegsjahre auf der Seite des Feindes. Seine Stimme hörte man im Rias, WDR und ZDF. Er war wirklich ein Meister der Interviews und Portraits. 70 Folgen von „Personenbeschreibungen“ und 150 Dokumentarfilme hat dieser faszinierende Vielbegabte produziert. Könnte er heute noch einen Film drehen, Troller ist jetzt 95 Jahre alt – würde er die israelischen Ärzte filmen, die heimlich im Gazastreifen operieren.

Für seinen Mut und seinen Witz, für seine ungeheuren kulturpolitischen Kenntnisse und sein sozialpsychologisches Engagement verehre ich ihn sehr. Das zuletzt erschienene Buch, mit dem der Alte noch auf Lesereisen geht, heisst: „UNTERWEGS auf vielen Strassen“. Es ist auch eine schöne Zeitreise in die damalige Aufnahmetechnik. Zunächst schleppte er sich an einem 25 kg schweren Arriphon ab, später bekommt er ein Uher Gerät.

Seinen Fehlern bei Interviews widmet er ein eigenes Kapitel. Herrlich ist folgende Reportage während des Krönungszugs von Queen Elizabeth: “ … und da ist der kleine Prinz Charles in einem hellblauen Sommerkleidchen … , äh, ich meine natürlich die Prinzessin Anne in einem schicken Matrosenanzug. Nein, was ich sagen will, ist, der Prinz trägt diesen Anzug, während die Prinzessin dieses blaue, dieses hellblaue, nein eher scheint es mir himmelblau … .“ Längst war der Zug schon vorbeigezogen und Troller stotterte immer noch an diesen Kostümen herum.

Ich empfehle sehr seinen Dokumentarfilm „Deutschland in den 70er Jahren.“ Immer wieder ist es ein jung machender, witzig gedrehter Film über meine besten Jahre. Ich mag das Interview, das er mit Gisele Freund gemacht hat, besonders. Mit welch herbem Charme die Fotografin ganz einfache Fragen von Troller wie z. B. „Konnten sie als Kleinkind aus dem Fenster gucken?“ mit enormer Aussagekraft beantwortet. Sie kannte ja ebenfalls Gott und die gesamte damalige Kulturwelt.
 
Get close to the refugees and to the Lost
Get close to the brave doctors on the Gaza coast

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 28. Februar 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

9 Kommentare

  1. Uwe Meilchen:

    Über die Jahre habe ich Troller auf zwei Lesungen erlebt: beeindruckend.

    Solche Journalisten und Radio- und Fernsehsendungen gibt es leider nicht mehr!

  2. Lajla:

    Ich habe ihn leider nie live erlebt. Erinnerst du dich noch daran, was er gelesen hat?

  3. Uwe Meilchen:

    Ja, aus seinem Buch Selbstbeschreibung (2014).

  4. Martina Weber:

    Danke für den Tipp, Lajla.

    Es gibt einiges auf Youtube. Ich schaue mir gerade ein Interview mit Axel Corti aus dem Jahr 1989 an. Sehr viel Lebensweisheit. Troller hat auch ein Portrait über den Lyriker Thomas Brasch gemacht, wie ich gerade sehe …

  5. Uwe Meilchen:

    Ein aktuelles Interview …

  6. Lajla Nizinski:

    Super, Uwe. Danke.

  7. Jan Reetze:

    Als bekennender Wienliebhaber musste ich natürlich Trollers „Das fidele Grab an der Donau“ haben; im Untertitel „Mein Wien 1918-1938“.

    Es ist mir in drei Anläufen nicht gelungen, einen Zugang zu dem Buch zu finden. Ob ich einen vierten wage, weiß ich noch nicht. Anhand des Namensregisters habe ich gelesen, was Troller über Fritz Lang und dessen Filme „Die Nibelungen“ und „Metropolis“ schreibt. Er erklärt sie quasi zu Wegbereitern des Nationalsozialismus. Nun muss man beide Filme nicht mögen und kann auch vieles an ihnen kritisieren, aber es ist mir nicht nachvollziehbar, wie man Filme dermaßen missverstehen kann — außer, man will dahinter persönliche Gründe vermuten, was ich aber nicht unterstellen möchte.

    Auch so etwas gibt’s.

  8. Michael Engelbrecht:

    Die selektive Wahrnehmung eines Antifaschisten. Andererseits hat Hitler Lang haben wollen als Aushängeschild, da erzählte Lang dann gerne, wie er die Kurve machte und das Land verliess. Schon klar, warum Goebbels und Hitler angeblich grosse Freude an Metropolis hatten – so ein Film lässt sich schon instrumentalisieren, wie Wagnermusik. Aber letzterer war auch schon zu seiner Zeit ein Antisemit.

  9. Michael Engelbrecht:

    Trollers Reise durch Deutschland in den 70ern ist ein Hochgenuss. Auf Youtube zu sehen. Ich war damals wirklich schon auf der Welt …

    Bekam vor kurzem lauter Mitschnitte von Onkel Pö aus alter Zeit: bei Chet Baker 1979 war womöglich Jan dabei. Sehr guter Sound. Baker in grosser Spiellaune.


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