Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 29 Jan

ld / 1 / 17 (Ergänzung: Eine Jukebox in Pittsburgh)

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | 4 Kommentare

 

 
 
 

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Vor ein paar Tagen beschrieb ich hier meinen ersten luziden Traum des Jahres, mit dem Knalleffekt, dass ich zum Ende des Traumes einen neuen Song von Eno hörte. Ich wünschte mir so eine Premiere in einem Partyraum und bekam ihn auch gleich auf einer mittelprächtigen Anlage serviert. In einem Klartraum gibt es nicht die Art von Selbsttäuschung, die wir aus unseren gewöhnlichen Trübträumen kennen. Man wähnt einen besonders tiefsinnigen Gedanken erhascht zu haben, und nach dem Aufwachen stellt man fest, dass es sich um kompletten Blödsinn handelt. Oder man hat eine grossartige Idee für einen Roman, und nach dem Aufwachen stellt man fest, dass er schon lange geschrieben wurde. Nein, so etwas ist im luziden Traum nicht möglich. Gäbe es die Möglichkeit (ein Thema, das in der SF-Literatur öfter aufgegriffen wurde), unsere Träume und ihre Tonspuren aufzuzeichnen, es könnte sich ein echtes Copyright-Problem ergeben. In diesem konkreten Fall eher nicht. Ich würde Brian in seinem Studio in Notting Hill besuchen, ihm die Kassette auf den Tisch liegen, und er wäre begeistert, könnte es bei meiner Aufzeichnung belassen, oder eine Neuaufnahme des Songs angehen.

 

2

 

Wie ist das möglich? Zwei Tage vor dem besagten Traum entdeckte ich in Kreuzberg nicht nur die zwei ersten Kraftwerk-Platten, sowie Nancy and Lee von Lee Hazelwood und Nancy Sinatra, sondern auch eine alte Ausgabe der SOUNDS vom Januar 1980 (s. Photo). Darin gab es nicht nur den heute leicht verfehlt anmutenden Totalverriss Alfred Hilsbergs von The Clash und ihrem Album London Calling (oh, der Verrat des wahren Geistes der Punk-Ära!), sondern auch ein langes, von essayistischen Passagen durchzogenes Interview von Lester Bangs mit Brian Eno. Ich kannte es natürlich aus uralten Zeiten, Aber was für eine Freude, das Teil eine halbe Stunde später in einer überschätzten Berliner Kaffeebraustube erneut zu lesen. Dabei kam das Thema u.a. auf die Produktionszeit von Brian Enos Songalbum Before and After Science: angeblich, so Lester Bangs, habe Eno damals an die hundert Songs oder Songfragmente gehabt, und gerade mal ein Zehntel habe es letztlich auf das Album geschafft. (Kein Leser dieser Zeilen auf diesem Blog wird das Album nicht kennen, falls doch, möge er sich sofort mal auf Youtube den Song „Here He Comes“ anhören.)

 

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Das bereitete den Boden für Enos Lied in meinem Klartraum. Denn als ich am nächsten Morgen den Traumtext aufschrieb, ordnete ich den Song sogleich zeitlich ein, in die Phase von – bingo! – Before and After Science. Mein Unbewusstes hatte die Idee der unfertigen Stücke jener Schaffensphase von Eno aufgegriffen, und – offen hörbar im Sound jener Jahre – ein brandneues Lied komponiert, aus vielen Facetten zusammengesetzt. Sie haben gemerkt, dass ich vorhin – ohne groß nachzudenken, es ist mir einfach „rausgerutscht“ – das Wort „Kassette“ verwendete, auch ein Tool jener Jahre, wenn es um das Aufzeichnen von Liedern ging. Es ist ja ein altbekannter Spruch, der Mensch würde nur fünf Prozent der Kapazitäten seines Gehirns nutzen. In luziden Träumen vergrössert sich dieser Raum wohl ein wenig.

 

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Warum ich mir, wenn schon im Traum mein Bewusstsein „eingeschaltet“ war, den Song nicht einfach eingeprägt habe, um ihn im Wachsein laut auf meinen MD-Recorder zu singen? Das kann ich beantworten. Ich war ja in einer Situation (Party, Suche nach einer alten Schulliebe etc.), in welcher die Musik so etwas wie den Soundtrack der letzten Traumminuten darstellte. Und nachdem ich rasch erkannt hatte, dass dies kein bekannter Eno-Song ist, auch kein für mich erkennbarer „Coversong“, wollte ich einfach nur hören, geniessen, eintauchen, staunen, lauschen, zerfliessen. Dann willst du nicht eine Notation festhalten, oder das Klangbild analysieren. Du willst dich ganz und gar der Situation hingeben – „surrender to the moment and make it last“. Ich kann natürlich nicht ausschliessen, dass mein Unbewusstes sich einen – von meinem Bewusstsein vergessenen – Song (eines anderen Künstlers) hergenommen hat, und ihn von Eno interpretieren liess. Selbst dann wäre das Resultat mehr als verblüffend – denn vom Gesang bis zu den Texturen der Musik war alles „vintage Eno“.

 

5

 

Jan, unser Manafonist aus Pittsburgh, hat ja gerade einen Roman besprochen, in dem eine Frau ihre Geschichte mit Adorno aus den wilderen Jahren der Bundesrepublik ausbreitet. Sie hatte sich gewiss so tief in die Gedankenwelt Adornos hineinbegeben wie ich, seit mir Taking Tiger Mountain (By Stratgey) in die Hände fiel, in die Songwelten von Eno eintauchte. My favourite singer. Klar, dass sich da enorm viel Material in den Tiefen des Gehirns abspeichert. Und, im Unterschied zu Gisela von Wysocki, hatte ich keine Konflikte mit dem Stoff und ihrem Urheber, es war und blieb Seelennahrung. Würde Jan beispielsweise einen luziden Traum erleben, er könnte sich einen neuen Song von John Fogerty (einer seiner Favoriten) und Creedence Clearwater Revival wünschen, und würde, mit etwas Glück, aus den Staunen nicht mehr herauskommen. Es ist relativ leicht, in luziden Träumen eine Jukebox zu finden, die mit nie zuvor gehörten Singles bestückt ist.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 29. Januar 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

4 Kommentare

  1. Jan Reetze:

    Ich habe schon Musikstücke geträumt und erinnert.

    Ich erinnere mich an einen unglaublichen Blues von Diamanda Galás, den sie in der Hamburger Fabrik nie gesungen hat. Und als ich in den 80ern selbst noch auf meinen Synthesizern herumgespielt habe, da habe ich einmal ein Stück geträumt und am folgenden Tag eingespielt. Doch, das geht.

    Karlheinz Stockhausen übrigens hat auch mal ein Stück geträumt und dann einfach „nur“ aufgeschrieben: „Trans“.

  2. Michael Engelbrecht:

    Schöne Beispiele. Und es ist eben noch um vieles aufregender, wenn man beim Hören solcher Musik w e i s s, dass man träumt. Bei deinen Beispielen scheint es sich um klare Traumerinnerungen zu handeln.

    Und das stimmt natürlich: aich in „normalen“ Träumen können Eingebungen erfolgen, die Wert haben. R.L. Stephenson hat nachts oft geträumt, wie ihm kleine Gestalten geflüstert haben,
    wie eine Geschichte weitergehen sollte. Und es funktionierte.
    Keine Ahnung, ob und wie luzide diese Träume waren.

  3. Jan Reetze:

    Ja, das waren eindeutig klar *erinnerte* Träume, keine Klarträume. Ich habe allerdings durchaus schon Träume erlebt, in denen ich wusste, dass ich träume, ohne deren Ablauf allerdings beeinflussen zu können. Meist waren das eher nervende Träume, in denen bestimmte Dinge wieder und wieder passieren.

  4. Michael Engelbrecht:

    Hättest du da eingegriffen, wären aus diesen präluziden luzide Träume geworden, du hättest die Wiederholungen sofort unterbrechen können, und den jeweiligen Traum in eine spannendere Angelegenheit verwandeln können.

    Jon Hassell nimmt auf die Tradition luziden Träumen bezug, mit dem Titel seines Albums DREAM THEORY IN MALAY. Dort erzählen sich (also bei den Senoi) die Stammesmitglieder morgens ihre Träume – hat ein Kind etwa Alpträume, wird es ermutigt, beim nächsten Mal nicht vor dem Löwen davon zu laufen, sondern ihm gegenüberzutreten und ihm zu sagen: Ich habe keine Angst, was willst du? (Mir wollten ja gleich drei Löwen auf den Pelz rücken, in meinem luziden Traum – vergeblich:))


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