Manafonistas

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Archiv: Januar 2017

2017 31 Jan

Triplicate

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Bob Dylan macht mit seiner Rod-Stewart-Nummer weiter
 
 
 

 
 
 

Ich frage mich: Fällt dem Nobelpreisträger nichts mehr ein? Ist ihm langweilig? Will er noch schnell ordentlich Geld scheffeln und sich zur Ruhe setzen? Fallen Angels war das erste Dylan-Album, das ich nicht mehr kaufte. Ach nein, da fällt mir ein: Das Weihnachtsalbum habe ich auch nie gehört. (Oder falls doch, habe ich es vergessen.) Zuerst hielt ich es für einen Scherz – vielleicht war es sogar einer?

I miss Bob Dylan.

2017 31 Jan

„Schubladentext“ zu einer Minilangspielplatte von David Virelles

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Das ist nicht der Sound seiner brillianten ECM-Arbeit MBOKO, auf der sich der Pianist David Virelles auf die sakrake Musik Kubas einliess, im geschützten Raum eines klimatisierten Studios. Das Teil hier heisst ANTENNA und klingt, als hätte sich der Keyboarder für manche Feldaufnahme ins nicht ganz ungefährliche Hinterland Havannas begeben. Und den Rest in einer kleinen Strohhütte aufgenommen, in der ab und zu recht prominente Gäste wie der Saxofonist Henry Threadgill vorbeischauten. Rituelle Rhythmen, ein fiktives Perkussionsensemble. Der Buena Vista Social Club hat seine Pforten geschlossen, hier, auf ANTENNA, wird die Musik zum puren Abenteuer mit unsicherem Ausgang. Ein kubanisches Klanglaboratorium. Wenn jetzt noch ein paar unerbittliche Grooves geschöpft werden, ohne den pittoresken Havanna-Longdrink-Nostalgie-Mumpitz, könnte David Virelles etwas gelingen, was vor vielen Jahren Nils Petter Molvaer mit dem Album KHMER anzettelte. Virelles‘ Piano hat nur einen kurzen Auftritt, ansonsten bearbeitet er alle möglichen Gerätschaften, eine Hammond B3, elektrische Klaviere von Wurlitzer und Vermona, und der gute alte Roland Juno-6 kommt auch ins Spiel. Das ist rohe, im besten Sinne unfertige, ungezähmte Musik.

 

… und jetzt sei dran erinnert (slightly remixed), wo doch bald, am 14. März, die Royal Post den seltenen Schulterschluss mit grosser Rockmusik befördert und Bowie facettenreich auf die Briefmarken bringt. I really hope when that happens, Ian will send me a letter with the HEROES COVER STAMP! :) – in diesem kleinen Text geht es um ein, zwei spezielle „Quartette“ von Alben, und ein weiteres hatte ich bei mir, als ich im Januar 2016 die Northwestern Highlands im Land Rover befuhr – the most lonesome travel adventure of my life. Astral Weeks, Lord of the Rings, Taking Tiger Mountain (By Strategy) – und Blackstar.

 
 

Was soll denn Album des Jahres werden, wenn nicht Blackstar von David Bowie?! Natürlich spielt der Faktor des Abschiednehmens eine Rolle, wie sonst könnte ein Album, das mit seinen alles andere als gemässigten Jazztexturen (und seiner auch sonstigen Radikalität im Ausdruck) die Billboard-Charts stürmen? Und sich wohl in ähnlichen Verkaufsregionen bewegt wie sein kommerziellstes, von Nile Rodgers, produziertes Werk?

Natürlich ist es nur ein Zufall, dass ich an dem Tag, der nun als sein Todestag gilt, mich nichtsahnend hinsetzte und meine Begeisterung in Worte fasste sowie die paar Bowie-Alben Revue passieren liess, die mir am meisten bedeuteten, ein Quartett nun, Low, Heroes, Scary Monsters, und Blackstar. Interessant, im Rückblick von Ian, von frühen Songs zu hören, die mir völlig unbekannt waren. Interessant, in Mojo und Uncut über die „Berliner Jahre“ zu lesen, über die Entstehung der „Scary Monsters“.

Bei Bowie ging es ja stets um ein Spiel mit Maskeraden und Identitäten. Dabei ein wie immer geartetes „Ich“ nicht ganz den Flieh- und Auflösungskräften auszusetzen, war auch eine Kunst. Ein klassischer „burn-out“ nach der Phase von Ziggy Stardust. Als die ersten beiden Berliner Platten entstanden, arbeiteten Bowie und Eno manche Nacht durch und waren am Morgen so erschöpft, dass sie nur noch rohe Eier schlürfen konnten.

Und all die Stile, die seinen Weg kreuzten: Bowie wurde im Soul fündig, in der Ambient Music, im Discosound, und nun auch im Jazz. Nicht der gepflegte, gediegene Jazz, den manche nutzen, um etwas Eleganz und Glanz zu produzieren. Sting und Branford Marsalis, meine Güte. Der Jazz, der Pforten öffnet. Wie das früher Robert Wyatt gelang (Rock Bottom), Tim Buckley (Starsailor) oder Van Morrison (Astral Weeks). Diesen drei Titeln (im nachhinein sprechen sie Bände, „rock bottom“ heisst „Abgrund“) kann man nun Blackstar hinzufügen, und wieder ergibt sich ein besonderes Quartett.

Wenn ich ins Filmtheater gehe, suche ich einen Platz in der Mitte des Raumes. Meistens habe ich dann freie Sicht auf die Leinwand, sie erscheint so groß, dass man nicht alles gleichermaßen im Blick hat, die Augen können und müssen im Bild wandern und seit Jahren kommt der Schall nicht nur von vorne, sondern von allen Seiten. Ich bin ja froh, dass die meisten Besucher andere Gründe für ihre Platzwahl haben.

Bei vielen Filmen, die ich im Kino anschaue, verlasse ich als letzter den Saal, so etwa bei Wiplash oder The Revenant. Schuld daran ist die Filmmusik. Die Namen der vielen Mitarbeiter ziehen vorbei ohne dass ich mich bemühe, sie mir zu merken. Aber es passiert hin und wieder, dass ein Name aufhorchen lässt – wenn ich das so sagen darf.

 
 
 

 
 
 

Heute wird Philip Glass 80 Jahre alt. Deshalb habe ich vor einigen Stunden Koyaanisqatsi wieder gesehen, am Bildschirm. Der Film verdankt seinen andauernden Ruhm nicht nur, aber auch der Musik von Philip Glass. Andererseits hat in den frühen 80er Jahren gerade dieser Film die Popularität des Komponisten Glass außerhalb des Kreises der Minimal Music Kenner beträchtlich gesteigert.

In den letzten 35 Jahren hätte ich auf die Frage nach Godfrey Reggio passen müssen. Dass Walter Bachauer als Music Consultant und als Dramaturg Anteil nahm, weiß ich erst seit der Lektüre eines Essays von Walter Bachauer, erschienen in

 
MusikTexte – Zeitschrift für Neue Musik Heft 3, Februar 1984

Verlag MusikTexte Köln

Postfach 190155, 50498 Köln

 

Dieser „Filmreport“ dürfte nur für jene von Interesse sein, die den Film Koyaanisqatsi schätzen und gelegentlich wiedersehen. Ich darf ihn mit freundlicher Genehmigung von Gisela Gronemeyer (Verlag MusikTexte) hier vorstellen. Wegen seiner Länge erscheint er in der Kommentar-Rubrik.

 
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2017 31 Jan

Keys For Nothing

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Als ich nach meinem Abitur endlich aus der elterlichen Wohnung auszog, war es eine Zeit der Wohnungsnot. Mein Budget war begrenzt und mir wurde wieder eine Art Sozialauslese durch finanzielle Mittel bewusst. K, die ich aus der Schule kannte, hatte über irgend jemanden ein günstiges Zimmer in einem Hinterhaus in der Mitte Heidelbergs bezogen, direkt gegenüber der Heiliggeistkirche. Es wurde ein Zimmer im unteren Stock frei, und ich zog ein. Der Vermieter pflegte in Zeiten, die vor jeder Genderdebatte lagen, die Philosophie, die Zimmer in seinem Haus nur an Frauen zu vermieten. Da war eine dunkle Bar, aus der Kerzenständer aus Messing leuchteten, da gab es das Hotel Ritter, und dazwischen lag der lange Gang, der in einen kleinen Hinterhof führte und dann zur Treppe in unser Haus. Nichts war abgeschlossen. Jeder neugierige Tourist hätte sich an meine Zimmertür verirren können. Wir stellten unsere Fahrräder in den Innenhof, und in den Mülltonnen entdeckte ich einmal eine Ausgabe der Kosmopolitan, nahm sie mit in mein Zimmer und ließ mich von einer schlüpfrigen Story mitreißen. Ich dachte, jetzt müsste ich die richtigen Entscheidungen treffen, es müssten die richtigen Zufälle passieren, und mein eigentliches Leben könnte beginnen. Einmal entdeckte ich im Germanistischen Seminar das Buch „Becoming a Writer“ von Dorothea Brande, aber jemand musste es falsch abgelegt haben, ich fand es nicht wieder und verlor jeden Faden. Die Treppe in unser Haus war aus Holz, sie knarrte bei jedem Schritt. Ich hatte mir ein aufregendes Leben mit K erhofft, aber sie traf sich mit einem Schauspieler, der mehr als dreimal so alt war wie sie und der, wenn wir doch einmal zu dritt ausgingen, sich darüber lustig machte, dass ich gerade solo war. Ks Zimmer roch nach einer Mischung aus Schwarztee und Schokolade und ich wünschte, mein Zimmer würde auch so riechen. Die Fenster waren einfach verglast, hier habe ich die schönsten Eisblumen gesehen, in diesem einen Winter. Die Glocken der Kirche schlugen so regelmäßig, dass ich mir immer wieder überlegte, was ich in der eben vergangenen Viertelstunde getan hatte. Das Zimmer war winzig, das Haus war so schlecht isoliert, dass ich jeden Schritt der Studentin über mir hörte und es schien mir, sie lief den ganzen Tag in ihren bunten Socken auf einem schäbigen Teppich in ihrem Zimmer hin und her. K und ich nannten sie unter uns den Tiger. Mein Zimmer war so wenig repräsentativ, dass einer meiner Nachhilfeschüler, der zwanzig Kilometer zu einer Nachhilfestunde angereist kam, vor Entsetzen nie wieder das Haus betrat. Als ich einzog, hing an der Wand neben dem Schreibtisch eine kleine goldenfarbene Uhr an einer Kette. Sie funktionierte noch und die Art, wie sie da mit ihrer Kette schwungvoll drapiert war, gefiel mir. Auf dem Fußboden hatte die vorherige Bewohnerin eine kleine Schachtel aus mittelbraunem Holz liegen gelassen, mit einer schlichten Gravur auf dem Deckel. Die Schachtel behielt ich, auch als ich ein paar Monate später auszog. Ich sammelte kleine Schlüssel darin, Schlüssel für Fahrräder, für Fahrradkörbe, später den Schlüssel für meinen PC, den Schlüssel für ein Schloss, das ich für einen Spind in die Uni mitnahm. Irgendwann lagen darin nur noch Schlüssel für Schlösser, die ich längst aufgegeben hatte und die es nicht mehr gab.

Ich habe hier schon einmal über den wunderbaren Ballettdirektor Martin Schläpfer berichtet. Seine Choreographien verbindet er stets mit Musik, die meinem Geschmack entspricht. Damals legte er Anne Clark auf. Jetzt hat er drei Choreographen eingeladen, die ebenfalls mit übergreifender Kunst arbeiten. Remus Şucheană, sein Nachfolger, zeigte ein Ballettstück auf der Basis von Alfred Schnittkes Concerto grosso Nr. 1. Die Tanzgruppe hält sich mit hohen Sprüngen, quirligen Drehungen und ganz eigener Energie nicht immer an Schnittkes polystilistisch manipulierten Klangwelten. Hier wird alles verlooped (lb. Martina): 70er Jahre Sound, Vivaldi, Alltagsmusik, Fremdgeräusche.

Das zweite Stück „Lonesome George“ fand ich sehr packend. Es ist von dem Chreographen Marco Goecke. Er hat Schostakowitsch ausgewählt, was ein Grund meines Besuchs in der Oper war. Schostakowitsch hatte das Streichquartett Nr. 8 damals in einer Krisenzeit in der DDR komponiert. Er war hin- und hergerissen zwischen Förderung und Ablehnung der Sowjetunion bis zum definitiven Abschied seiner Heimat. Diese Abschiedsatmosphäre spürt man in dem Stück sehr deutlich. Sie scheint den Choreographen ebenso erfasst zu haben. Er versucht, das Absterben der Artenvielfalt am Beispiel der 2012 auf den Galapagos Inseln im Alter von 100 Jahren verstorbenen Riesenschildkröte als Allegorie zu zeigen.

Ich konnte diese Assoziation nicht herstellen. Mir fielen andere Bilder ein. Die Tänzer trugen alle einfache schwarze Hosen zu freiem Oberkörper. Diese zitterten, flatterten, zuckten wie unter Elektroschocks. Das Bühnenbild war vollkommen dunkel gehalten, nur im Hintergrund rauchte bleicher Nebel. Zuerst dachte ich der surrealen Momente wegen an DEVO „Are we not men? We are Devo!“ Dann fielen mir Textpassagen aus Der Arbeiter von Ernst Jünger ein. Die heftige Tanzarbeit liess mich in ihren Pausen auch an Arno Breker denken, der gerne Muskeln in den Stein meißelte. Marco Goecke war selbst Maler bevor er den Tanz für sich entdeckte. Möglicherweise hatte er Neo Rauch im Sinn, was ja den Kreis hin zur DDR schließen würde.

Das dritte Tanzstück in der Ballettreihe b. 30 ist von Natalia Horenca, sie kommt aus der Slowakei. Sie nennt ihr Stück „Wounded Angel“. Sie lässt den verwundeten Engel genauso wie ihn der Finne Hugo Simberg gemalt hat, hereintragen. Ich habe das große Ölbild in Helsinki im Original gesehen. Es ist mein Lieblingsbild in der finnischen Malerei. Natalia Horenca hatte noch eine Überraschung für mich. Sie ließ zu ihrer wohl eigens geschaffenen Partitur von Bela Bartok und Alban Berg das New Yorker DUO PROBOSCI auftreten: Tim Harris an der Violine und Gary Riley, Sohn von Terry Riley!!

Die beiden Musiker entführten das Publikum mit ihren volksnahen Melodien (war es Balkan?) ins Mysterienspiel. Die Tanzenden bewegten sich dazu wie Figuren in einer Spieluhr. Vielleicht hat diese Choreographin am intensivsten an dem gemeisamen Thema über Ausgrenzung in der Gesellschaft gearbeitet. Trotzdem hat mich ihre Arbeit nicht ganz so begeistert wie die von den anderen beiden Choreographen. Mir haben die Kostüme nicht gefallen, bisweilen erinnerte das Ganze an die Schlümpfe.

Das Düsseldorfer Ballett muss wirklich gelobt werden. Es hat zudem das Glück, asiatische Tänzerinnen zu haben, die mit ihrer weissen Alabasterhaut im Bühnenlicht allein schon wie Feen oder Engel wirken.

 
 

 
 

So where did the dog in the film come from? “I don’t know,” Solondz says, dreamily. “It’s a cute little dog, the dachshund, and that cuteness was attractive for my purposes. The movie is not really about the dog, its trials and triumphs: that would be Lassie. This dog is more a filter through which I explore things like mortality.”

 

This is one of saddest films I’ve seen in recent years. Damn, I got it all in one sitting in the dark. The full package. A hard one for me having lost my dog not too long ago. You very well do know the word heartbreaking. It’s not too easily used, cause too many things are exactly that: heartbreaking. Like this movie. For a film (as being something that is set up) it is extremely heartbreaking. You want to shake some of these people on the screen, make their bones rattling. But you can’t! You’re watching – petrified, smiling, hoping (and believe me, for the most, hoping in vain!) – everything going into pieces, falling apart, being squashed. There is a sense of humour from time to time that makes this little masterpiece by Todd Solondz even  more subversive. I think of all the people who may buy this DVD with a look at the cover only – oh, I’m so sorry for their loss of entertainment! You may want to, but you will never forget this movie. Amongst other things, you will see & hear a fucking funny song, in the middle of it, out of nowhere, and an utterly melancholic one. Before that one is sung by a child, you see three Mexicans in the back of a car: „In America … so lonely and sad and depressing … like a big fat elephant drowning in a sea of despair.“ They prefer their well-known Mexican sadness. Don’t be afraid, Mr. Scumbag will raise the wall high.

 

 
 
 

1

 

Vor ein paar Tagen beschrieb ich hier meinen ersten luziden Traum des Jahres, mit dem Knalleffekt, dass ich zum Ende des Traumes einen neuen Song von Eno hörte. Ich wünschte mir so eine Premiere in einem Partyraum und bekam ihn auch gleich auf einer mittelprächtigen Anlage serviert. In einem Klartraum gibt es nicht die Art von Selbsttäuschung, die wir aus unseren gewöhnlichen Trübträumen kennen. Man wähnt einen besonders tiefsinnigen Gedanken erhascht zu haben, und nach dem Aufwachen stellt man fest, dass es sich um kompletten Blödsinn handelt. Oder man hat eine grossartige Idee für einen Roman, und nach dem Aufwachen stellt man fest, dass er schon lange geschrieben wurde. Nein, so etwas ist im luziden Traum nicht möglich. Gäbe es die Möglichkeit (ein Thema, das in der SF-Literatur öfter aufgegriffen wurde), unsere Träume und ihre Tonspuren aufzuzeichnen, es könnte sich ein echtes Copyright-Problem ergeben. In diesem konkreten Fall eher nicht. Ich würde Brian in seinem Studio in Notting Hill besuchen, ihm die Kassette auf den Tisch liegen, und er wäre begeistert, könnte es bei meiner Aufzeichnung belassen, oder eine Neuaufnahme des Songs angehen.

 

2

 

Wie ist das möglich? Zwei Tage vor dem besagten Traum entdeckte ich in Kreuzberg nicht nur die zwei ersten Kraftwerk-Platten, sowie Nancy and Lee von Lee Hazelwood und Nancy Sinatra, sondern auch eine alte Ausgabe der SOUNDS vom Januar 1980 (s. Photo). Darin gab es nicht nur den heute leicht verfehlt anmutenden Totalverriss Alfred Hilsbergs von The Clash und ihrem Album London Calling (oh, der Verrat des wahren Geistes der Punk-Ära!), sondern auch ein langes, von essayistischen Passagen durchzogenes Interview von Lester Bangs mit Brian Eno. Ich kannte es natürlich aus uralten Zeiten, Aber was für eine Freude, das Teil eine halbe Stunde später in einer überschätzten Berliner Kaffeebraustube erneut zu lesen. Dabei kam das Thema u.a. auf die Produktionszeit von Brian Enos Songalbum Before and After Science: angeblich, so Lester Bangs, habe Eno damals an die hundert Songs oder Songfragmente gehabt, und gerade mal ein Zehntel habe es letztlich auf das Album geschafft. (Kein Leser dieser Zeilen auf diesem Blog wird das Album nicht kennen, falls doch, möge er sich sofort mal auf Youtube den Song „Here He Comes“ anhören.)

 

3

 

Das bereitete den Boden für Enos Lied in meinem Klartraum. Denn als ich am nächsten Morgen den Traumtext aufschrieb, ordnete ich den Song sogleich zeitlich ein, in die Phase von – bingo! – Before and After Science. Mein Unbewusstes hatte die Idee der unfertigen Stücke jener Schaffensphase von Eno aufgegriffen, und – offen hörbar im Sound jener Jahre – ein brandneues Lied komponiert, aus vielen Facetten zusammengesetzt. Sie haben gemerkt, dass ich vorhin – ohne groß nachzudenken, es ist mir einfach „rausgerutscht“ – das Wort „Kassette“ verwendete, auch ein Tool jener Jahre, wenn es um das Aufzeichnen von Liedern ging. Es ist ja ein altbekannter Spruch, der Mensch würde nur fünf Prozent der Kapazitäten seines Gehirns nutzen. In luziden Träumen vergrössert sich dieser Raum wohl ein wenig.

 

4

 

Warum ich mir, wenn schon im Traum mein Bewusstsein „eingeschaltet“ war, den Song nicht einfach eingeprägt habe, um ihn im Wachsein laut auf meinen MD-Recorder zu singen? Das kann ich beantworten. Ich war ja in einer Situation (Party, Suche nach einer alten Schulliebe etc.), in welcher die Musik so etwas wie den Soundtrack der letzten Traumminuten darstellte. Und nachdem ich rasch erkannt hatte, dass dies kein bekannter Eno-Song ist, auch kein für mich erkennbarer „Coversong“, wollte ich einfach nur hören, geniessen, eintauchen, staunen, lauschen, zerfliessen. Dann willst du nicht eine Notation festhalten, oder das Klangbild analysieren. Du willst dich ganz und gar der Situation hingeben – „surrender to the moment and make it last“. Ich kann natürlich nicht ausschliessen, dass mein Unbewusstes sich einen – von meinem Bewusstsein vergessenen – Song (eines anderen Künstlers) hergenommen hat, und ihn von Eno interpretieren liess. Selbst dann wäre das Resultat mehr als verblüffend – denn vom Gesang bis zu den Texturen der Musik war alles „vintage Eno“.

 

5

 

Jan, unser Manafonist aus Pittsburgh, hat ja gerade einen Roman besprochen, in dem eine Frau ihre Geschichte mit Adorno aus den wilderen Jahren der Bundesrepublik ausbreitet. Sie hatte sich gewiss so tief in die Gedankenwelt Adornos hineinbegeben wie ich, seit mir Taking Tiger Mountain (By Stratgey) in die Hände fiel, in die Songwelten von Eno eintauchte. My favourite singer. Klar, dass sich da enorm viel Material in den Tiefen des Gehirns abspeichert. Und, im Unterschied zu Gisela von Wysocki, hatte ich keine Konflikte mit dem Stoff und ihrem Urheber, es war und blieb Seelennahrung. Würde Jan beispielsweise einen luziden Traum erleben, er könnte sich einen neuen Song von John Fogerty (einer seiner Favoriten) und Creedence Clearwater Revival wünschen, und würde, mit etwas Glück, aus den Staunen nicht mehr herauskommen. Es ist relativ leicht, in luziden Träumen eine Jukebox zu finden, die mit nie zuvor gehörten Singles bestückt ist.

2017 29 Jan

Serienblinzeln

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„Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern? – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.“

(F. Nietzsche)

 

Abstandnahme ist eine Technik der Wahrnehmung. Nach meinem Eintritts-Debut in die Schöne Neue Fernsehwelt im vorletzten Herbst mit vier Staffeln Mad Men drehte ich der Madison Avenue den Rücken zu, um dann nach einem Jahr zurückzukehren. Wie vertraut mir die Charaktere doch geworden waren, wie angenehm und erbaulich auch dieses Werk zu schauen war. Was sich aber verändert hatte, war der inzwischen möglich gewordene Vergleich mit anderen Serien – man kommt halt viel rum. Gestern nun der Anfang der finalen Staffel von Sons of Anarchy, wiederum nach längerer Pause. Back to Charming. Ich war sofort drin, erkannte die unzweifelhafte Qualität in allen Dingen. Aber diese extremen Gewaltdarstellungen hatten mich doch unterschwellig immer sehr gestört, wie eine Gräte in vorgeblich filletiertem Fisch: es blieb einem oft im Halse stecken. Auch fehlte ja die Distanznahme mittels ironischer Überzeichnung ins Groteske und Absurde, wie beispielsweise in den Filmen Quentin Tarantinos. Nein, das ist schon Shakespeare-Kost hier: Macbeth at its best. Und wie diese Gemma im Namen ihres persönlichen Gottes, des bedingungslosen Familienzusammenhalts (eine Alternative zum Grundeinkommen), über Leichen geht, das lasse ich mir bis zum Ende nicht entgehen. Man möchte sie genüsslich durch den Fleischwolf drehen. Selbstverständlich wird dieser Staffellauf abgeschlossen, hinter der Ziellinie winkt auch schon Sneaky Pete, die Serie der Stunde. Ich sah kürzlich die erste Episode, was zur Folge hat, dass ich mich auf die nächsten neun freue. Vorfreude zählt ja bekanntlich zu den angenehmsten Prä-Emotionen in postfaktischen Zeiten. Man trifft hier Walter White wieder, jenen Drogenbastler aus Breaking Bad, der im richtigen Leben ja immer noch Bryan Cranston heisst und von Beruf Schauspieler ist. Doch Max Frisch lässt grüssen: solch eine Paraderolle wird man schwerlich los, sie haftet einem auf ewig an. Warum aber ist Sneaky Pete so gut? Weil man sofort drin ist und ab geht der fliegende Teppich. Die Handlung macht Spass, perlt leicht und augenzwinkernd dahin, ist zudem spannend, jedoch nicht allzu aufreibend. Die Schauspieler sind klasse und die Bilder erlesen. Das alles und noch viel mehr erinnert verdammt an Breaking Bad. Und sowenig wie man der Gewaltdarstellungen wegen auf die anarchischen Söhne verzichten wollte, fiele es einem im Traum ein, eine grandiose Serie einer personalen Antipathie wegen zu canceln. Wobei, Rosamunde Pilcher hatte ich ja dereinst auch verworfen, aber da handelte es sich ja um einen ganzen Clan voller Abneigungen – von den Brutalitäten verharmlosender Klischeewelten ganz zu schweigen.


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