Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archiv: Dezember 2016

2016 31 Dez

Es war einmal in Paris

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„Le Chat qui Pêche,
Rue de la Huchette.
Paris at night,
and the strains of a ghost saxophone.“

(Robert Wyatt, Old Europe)

2016 31 Dez

[jetzt tauchen die sichtbaren teile]

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jetzt tauchen die sichtbaren Teile
der Geschichte auf, eine Folge von flimmernden
Resten, die zum Wiedererkennen
aufbewahrt und hervorgeholt sind. Musik
in den Hauptstädten; Schwermut, Spiegelschriften,
Schönheitswettbewerb. Noch abends wird
an den Bretterzäunen gehämmert, die Wind
ablenken, Geruch aus den Öfen. Die Nachbarin
steht noch im Pflaumenbaum. Epochen
werden verschoben, bis die Erinnerung unruhig
wird, bis man hört, quer durch den Schlaf,
das Rollen der Transporte. Möhren,
Tabak, Sonnenblumen, die zeitfreien Wörter
in einem Notizbuch, das vielleicht einmal
weitervermacht wird; noch sind die Gärten
nicht leer. Die Reihenfolge ist wieder ganz
anders; anfangen kann man mitten
im Sommer, unter Lautsprechern zwischen Bäumen

 

Jürgen Becker

 

was noch zu sagen wäre …

 

Das sich nun zu seinem Ende neigende Jahr hat uns so viel wirklich gute Musik gebracht … und doch, es war so traurig, denn unglaublich viele herausragende Musiker, die uns über lange Zeit mit so guter Musik beschenkt haben, sind gestorben. Wenn ich nun an die für mich wichtigsten Musiker, Musikproduzenten und Tonmeister erinnere, möchte ich auch gleich jeweils ein hervorragendes Werk der Verstorbenen nennen.

 
 
 

 
 
 

03.01. Paul Bley: „Tears“ Eine wunderbare Soloplatte des Meisters, aufgenommen in Paris und veröffentlicht auf dem OWL-Label, produziert von Jean-Jacques Pussiau.

05.01. Pierre Boulez, er studierte Harmonielehre bei Olivier Messiaen, das nur nebenbei (!). 1981 wurde in Donaueschingen „Répons“ uraufgeführt, ein Werk für sechs Solisten, Ensemble und Live-Electronic.

10.01. David Bowie! Erinnern möchte ich an meine erste Bowie-Platte „Space Oddity“ von 1969.

08.03. George Martin: 1966 und 67 von Martin produziert und im Juni 1967 veröffentlicht: The Beatles „Sgt.Pepper´s Lonely Hearts Club Band“.

09.03. Nana Vasconcelos: Zwischen den Jahren 1978 und 1982 erschien „Codona“, mit Collin Walcott und Don Cherry.

Am 11.03. verstarb Keith Emerson und am 07.12. folgte ihm Greg Lake, letzterer, Sänger und Gitarrist, arbeitete bei King Crimson und war Mitbegründer von Emerson, Lake and Palmer. Keith Emerson, Keyboarder bei Nice, gründete 1970 ebendiese Band, von der ich das 1971 vorgestellte Live-Album „Pictures at an Exhibition“ auswähle.

02.04. Gato Barbieri. Der Tenorsaxophonist arbeitete oft mit Nana Vasconcelos, auch mit Dino Saluzzi und vielen anderen. Auf dem großartigem Album, das unter der Leitung von Carla Bley entstand, „Escalator Over The Hill“, wirkte er mit.

Am 15. August verstarb Bobby Hutcherson, ein Vibraphonist, den ich besonders verehrt habe, zahlreiche LPs von ihm finden sich in meinem Plattenschrank. 1994 veröffentlichte er zusammen mit McCoy Tyner „Manhattan Moods“.

Eine Woche später, am 22.08. verließ uns Toots Thielemans, der Mundharmonikaspieler. Er wirkte auf so vielen Platten mit, spielte mit NHOP, mit Joe Pass, Shirley Horn und eben auch mit Bill Evans, 1979 erschien das wunderbare Album „Affinity“.

1964 wurde „A Love Supreme“ von John Coltrane veröffentlicht, er hat es aufgenommen, viele andere legendäre Platten in seinem Tonstudio produziert; Rudy Van Gelder, er starb am 25. August.

Am 7. November dann verließ uns Leonard Cohen, „You Want It Darker“ ist inzwischen meine liebste Platte von ihm.

Pauline Oliveros folgte ihm am 24. November, sie war eine Komponistin und ganz außergewöhnliche Akkordeonistin. 2006 veröffentlichte sie „The Roots Of The Moment“.

 
 
 

 
 
 

Noch ein letztes: schade, manchmal entdecke ich im Dezember noch Schallplatten, die ich zu gerne mit in die Bestenliste des Jahres eingebracht hätte, aber leider, zu spät. Dieses Jahr geht es mir so mit zwei ganz wunderbaren Veröffentlichungen des Pianisten Stéphan Oliva, die eine zusammen mit Francois Raulin „Correspondances“ (hier kann man das Stück „Jimmy (á Paul Bley)“ hören oder eine besonders hörenswerte Version von „Sometime I Feel Like A Motherless Child“), die andere gemeinsam mit dem Klarinettisten Jean-Marc Foltz: „Gershwin“, eine Platte, die, hätte ich sie früher entdeckt, unter die ersten 10 Lieblingsplatten des Jahres 2016 gekommen wäre. Anyway!

2016 29 Dez

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2016 28 Dez

Weiter, wohin (2)

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Schon ganz früh, als ich mich in dem einen oder anderen Jahr für moderne Lyrik begeisterte, kreuzten schmale Bändchen von Jürgen Becker meinen Weg. Er kam aus einer anderen Zeit, Jahrgang 1932, und doch erlebte ich ihn wie einen vertrauten Begleiter, der die Geschichte der Bundesrepublik, und das sogenannte Alltägliche, immer neu sondierte, und  – bei aller Nüchternheit der Beobachtung (Felder, Eingezäuntes, Blicke durch Fenster) – einen Pfad ins Unsichtbare öffnen konnte, bar jeder Metaphysik. Das Gedicht „Weiter, wohin“ enhält alles, was ich an seiner Lyrik liebe.

Ich habe mich beispielsweise niemals für die Musik an Westfälischen Adelshöfen interessiert. Aber ich habe selten eine feinere Annäherung an das Verschwundene gelesen als diese, in den ersten drei Zeilen des Gedichts. Und dann landet die Stimme des Gedichts in einem Frühsommer, der diverse Anzeichen schneller Verflüchtigung bereithält. Die Vorstellung, noch einmal im alten Zelt zu schlafen, „together“ (wie ein Überbleibsel der Ära der Beatles, als uns das Englische leicht auf der Zunge lag), wird dann abgelöst durch eine nun nahezu rauschhaft-nüchterne Spurensichtung der Leere, abermals verschwindender Räume, voller Cembaloklänge, Vögel, und Wasserstrassen. Das ist unfassbar, und bringt etwas zum Klingen, das ich nicht in Noten fassen könnte.

2016 28 Dez

Baguette-Verkaufsautomat in Verdun

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2016 28 Dez

Phrasen 2016

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Die abgedroschensten Dauerphrasen und schiefsten Bilder des vergangenen Jahres in den Medien.

 

  • biodeutsch
  • Bestsellerautor
  • Alpha-Journalist
  • der ein oder andere
  • Wahldebakel
  • Kostenexplosion
  • unschuldige Frauen und Kinder
  • abstrafen
  • befüllen
  • Angriff auf die Lachmuskeln
  • unter den Teppich kehren
  • Der Wettergott zeigte sich gnädig
  • Fachexperten
  • konkrete Einzelfälle
  • am Ende des Tages
  • Hausaufgaben (nicht) gemacht haben
  • Urnengang
  • Wahlschlappe
  • sektorielle Bereiche
  • Da bin ich ganz bei Ihnen.
  • zeitnah
  • nachbessern
  • kein Einzelfall
  • steht unter Beschuss
  • mit Hochdruck
  • Nerven liegen blank
  • die Eliten
  • die Kuh vom Eis holen
  • erdrutschartiger Sieg
  • knallharte Dokumentation
  • freilich
  • selbsternannt
  • Thank you for being a valued customer
  • unsäglich
  • ein Stück weit
  • Wahl zwischen Pest und Cholera
  • Rock-Röhre
  • Star-Architekt
  • Blutbad
  • was das anbetrifft
  • lichtdurchflutet
  • wertig
  • ungekrönter König
  • fröhliche Urständ
  • die Märkte
  • Weltraumbahnhof
  • der Fisch stinkt vom Kopf her
  • Blaupause
  • einpreisen
  • Nebelkerze
  • wenn Sie mögen

 

Die nächsten Medienphrasen lesen Sie mit ziemlicher Sicherheit Ende 2017 wieder hier. Das können Sie schon mal einpreisen — wenn Sie mögen.

2016 27 Dez

Weiter wohin

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Was du nicht hören kannst, Musik
an Westfälischen Adelshöfen. Und geräumt die Vitrinen,
falls du fragst nach Neuigkeiten im Repertoire.

Anfang Sommer kam schon das Gelb, zuerst
die Kirschbaumblätter, dann Gurken und Tomaten;
wir wollten noch einmal schlafen, together, in
unserem alten Zelt.

Im Leeren segeln die Regenflächen, im Leeren zwischen
Glasfassaden, immer jüngeren Gesichtern, Heu,
in dieser Seltenheit der Leere.

Sprich alle an! Wie nachts der Kuckuck, den es
nachts nicht gibt. Es gibt mehr als einen
Sender rund um die Uhr, und gleich hinterm Schnee der Eifel,
ob nachmittags oder Oktober, rollt sie heran, die See.

Cembalo, Harfen, Wind in der Pappelallee; etwas
bringt dich irgendwann weiter, unter den Reihern her,
die unterwegs zu Wasserstraßen sind.

 

(Jürgen Becker)

Es ist mindestens 15 Jahre her, dass ich Fahrenheit 451 als Film gesehen habe. In diesem Science-Fiction Klassiker von Ray Bradbury aus dem Jahr 1953 fällt ein Satz, an den mich immer wieder erinnere. „Mir erzählte einmal jemand, früher hätte die Feuerwehr nicht Brände gelegt, sondern Brände gelöscht,“ sagt das Nachbarmädchen zu Guy Montag, einem Feuerwehrmann, dessen Aufgabe darin besteht, Häuser, in denen sich Bücher befinden, komplett abzubrennen – notfalls mitsamt der Menschen, die die Bücher dort versteckt haben, falls sie sich weigern, das Haus zu verlassen, um anschließend verhaftet zu werden. Fahrenheit 451, das ist die Temperatur, bei der Papier Feuer fängt, zu brennen beginnt. In den Wohnungen und Häusern gibt es Großbildschirme, auf denen billige Alltagsunterhaltungssendungen laufen, Talkshows, Seifenopern, den ganzen Tag. Schöne neue Welt. Es sind nicht alle Bücher gefährlich. Wissenschaft ist erlaubt, auch Fachzeitschriften. Auf dem Index stehen Soziologie und Literatur, Romane, Gedichte. „Ein Nichts / waren wir, sind wir, werden / wir bleiben, blühend: / die Nichts-, die / Niemandsrose.“ Da kann man schon in Tränen ausbrechen, wenn sich Zusammenhänge zeigen.

Jetzt habe ich die Hörspielfassung aus dem Jahr 1994, die neulich unter der Rubrik „Mitternachtskrimi“ im Deutschlandunk lief, auf eine Reise mitgenommen und heute Abend gehört. Seltsam, wie leicht das Ende war.


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