Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2016 30 Nov

Soundbreaking

von: Jan Reetze Abgelegt unter: Blog | TB | 4 Kommentare

Der Untertitel verspricht viel. Wenn man die Liste der mitwirkenden Stars, Sterne und Sternchen sieht, verstärkt sich der Eindruck noch. Und spätestens der Trailer macht neugierig. Soundbreaking besteht aus acht jeweils 55-minütigen Folgen:

 

  1. The Art of Recording. Hier geht es um die alte Frage: Was macht eigentlich ein Musikproduzent?
  2. Painting with Sound. Die Möglichkeiten früherer und heutiger Tonstudios, bis hin zu dem Punkt, da das Studio selbst zum Instrument wird.
  3. The Human Instrument. Unerschöpflich: Die Gesangsstimme.
  4. Going Electric. Die Entwicklung der Musikelektronik, von der elektrischen Gitarre über Effektgeräte bis zum modernen Synthesizer. Die Folge erweckt den Eindruck, die wahren Pioniere seien Beaver & Krause, The Who, Tonto’s Expanding Head Band und Stevie Wonder gewesen. Namen wie Klaus Schulze, Kraftwerk, Tangerine Dream werden nicht mal im Vorbeigehen erwähnt; wenigstens darf Giorgio Moroder kurz ein paar Worte über „Love To Love You Baby“ verlieren, auch Hans Zimmer taucht kurz auf. In einer Folge mit solcher Themenstellung Benny Goodman oder Muddy Waters unterzubringen ist ein Kunststück für sich.
  5. Four on the Floor. Hier geht es um den Beat, ganz klar. Sehr viel James Brown, Little Richard, Madonna und Bee Gees. Und nochmal Giorgio Moroder mit Donna Summer, bis die Folge dann  schließlich bei EDM ankommt, vertreten hier durch Moby.
  6. The World is Yours. Das Thema ist Sampling, als Technologie wie als Stil. Hier allerdings wird Sampling in erster Linie als die Geburtsstunde des Hip-Hop gesehen und so gut wie ausschließlich durch diese Brille betrachtet. Kraftwerk wird kurz erwähnt („Trans Europa Express“), aber lediglich als Trigger für Afrika Bambaataas „Planet Rock“ dargestellt. (Dass dessen Stück nicht mal gesampelt, sondern eine simple Coverversion ist, fällt den Autoren nicht auf.)
  7. Sound and Vision. Der Start von MTV und die Entwicklung des Musikvideos.
  8. I Am My Music. Hier geht es um alte und neue Hörgewohnheiten und Formen der Musikpräsentation, von der Single bis zum Langformat-Konzeptalbum (dessen Erfindung hier seltsamerweise Frank Sinatra zugeschrieben wird (In The Wee Small Hours von 1955, einer seiner größten Flops und eines der wenigen Sinatra-Alben, die ich mag)).

Soundbreaking ist eine Produktion des (weitgehend spendenfinanzierten) Public Broadcasting System. Das heißt: Die Filme haben das typische „Flavour“, das aus irgendwelchen Gründen allen PBS-Dokumentationen eigen ist. Weil man dort immer davon ausgeht, dass das zahlende Publikum ausschließlich an den USA interessiert ist, sind alle Folgen fast vollständig US-zentriert — in diesem Fall mit ein paar kleinen Abstechern nach England, die vor allem wohl George Martin zu verdanken sind, der Co-Produzent der Serie war.

Die Folgen halten sich konsequent an die derzeitige Dokumentarfilm-Mode, auf jeden erklärenden Off-Kommentar zu verzichten und ausschließlich sehr dynamisch geschnittene (und bebilderte) O-Töne aneinanderzuhängen und mit Musik zu unterlegen. Das kann man so machen, es setzt aber voraus, dass man vorher genauestens überlegt, was der Film rüberbringen soll, um dann entsprechend erklärende Schnipsel als O-Ton zusammenzutragen. Hier jedoch sind die Filmemacher offenbar mit der Idee losgezogen, erst einmal so viele Statements wie möglich einzufangen, um dann auszuwählen, welche verwendet werden können. Die Folgen beginnen in der Regel bei ihrem jeweiligen Thema, fasern aber alsbald in ein nichtendenwollendes und sich vom ursprünglichen Thema immer weiter entfernendes Geschwalle aus. Tatsächlich kompetente Gesprächspartner sind ohnehin eher selten, und selbst deren Beiträge sind meist so gekappt, dass kaum Substanzielles übrigbleibt — wohl, weil man fürchtet, mehr als zwei zusammenhängende Sätze würden das Tempo rausnehmen oder die Zuschauer intellektuell überfordern. Wirklichen Hintergrund gibt es folglich so gut wie gar nicht. Statt dessen erleben wir in jeder Folge mindestens dreimal das Statement, Künstler X, Y oder Z habe die Welt der Musik „für immer“ verändert — wodurch aber, das bleibt stets das Geheimnis der Filmemacher.

Das alles schließt nicht aus, dass jede Folge ein paar interessante Aussagen und Musikschnipsel hat, die das Zuschauen letztlich doch wert sind. Irgendwelche fundamentalen Neuigkeiten hat mir die Serie aber nicht vermittelt.

Soundbreaking gibt es im US-Netflix, vielleicht ja auch bald in Deutschland. Ansonsten kann man die DVDs vielleicht bald gebraucht kaufen oder sie in der Bibliothek ausleihen. Viel Geld ausgeben jedenfalls würde ich dafür nicht.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 30. November 2016 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

4 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Danke für diesen Text. Ich bin nun ganz sicher, dass ich das nicht brauche.

    Da sind ja Irreführungen und Ausblendungen der Regelfall, allerdings gilt meines Wissens dieses Sinatra-Album tatsächlich als erstes Konzeptalbum, auch wenn es nicht seine Stücke sind.

    Alles dreht sich bei der Auswahl der Lieder und ihrer Interpretation um den Verlust seiner grossen Liebe (Ava Gardner?). So wird es jedenfalls immer erzählt. Aber vielleicht sitze ich da auch einem propagierten Irrtum auf.

  2. uwe Meilchen:

    Danke, Jan !

    Was diese Doku auf PBS angeht, schade. Ich hatte mir, wie Jan schon schreibt, aufgrund der Tatsache, dass Sir George Martin Co-Produzent war, etwas anderes darunter vorgestellt …

    Dass „In The Wee Small Hours …“ das erste Konzeptalbum, weil Songs aus einer Nacht und von seiner grossen, verflossenen Liebe handelt (handeln soll), habe ich auch so irgendwo einmal gelesen.

  3. Jan Reetze:

    Ich bin vor vielen Jahren auf „In the Wee Small Hours“ aufmerksam geworden, weil sich Laurie Anderson in „Home of the Brave“ auf den Song bezieht („Smoke Rings“). Dass ein Konzept hinter dem Album steht, ist mir nie aufgefallen, ich werde es mir unter diesem Aspekt noch einmal anhören.

    Das andere Album von Frank Sinatra übrigens, das ich noch hörenswert finde, ist „September of my Years“ von 1965. Auch das war, wie ich später gelesen habe, ein Riesenflop, wie schon die „Wee Small Hours“. Ob das Zufall ist?

  4. Michael Engelbrecht:

    Sinatra hatte doch, nicht in der Gegenkultur, aber ansonsten, eine riesige Fangemeinde, deshalb wundern mich diese Flops. Das waren ja keine experimentellen Sachen, sondern schlichte oder elegante Crooner-Nummern. Ofer haben seine Fans Singles bevorzugt a la My Way or Strangers in the Night – oder ihn nur als Teil des Rat Pack geschätzt (mit Dean Martin und Konsorten)…


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