Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2016 28 Okt

Novemberintensitäten (revisited)

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | 2 Kommentare

Der depressionsfreudige Monat naht, und mit ihm Gruselgrau, Dauerregen und Kaminfeuer. Unser „album of november“ wird von Ingo J. Biermann vorgestellt, und ich habe bislang noch nie etwas von dieser Sängerin gehört. Musikalische Szenen sind so unendlich weit gefächert, dass ein 360-Grad-Überblick gar nicht mehr möglich, auch nicht erstrebenswert ist. Gerade deshalb sind ENTDECKUNGEN jederzeit  möglich, zumal, wenn vertrauten Stimmen sich zu Wort melden.

Da Ingo J. Biermann jüngst Manfred Eicher bei einer Studioproduktion mit Kamerateam begleitete, dürfte ihm als Kenner der ECM-Welt (die gerade, in pataphysischer Manier, und ganz im Sinne Cortazar’scher Cronopien und Famen, selbst die Sylter Jukebox-Szene erfasst hat), unsere novemberige Vinylecke, reich an alten ECM-Werken, gefallen. Unserm grossen Vinylexperten und Stammleser Norbert Ennen ohnehin, der da einiges Lesefutter vor sich hat. Der Text existiert jetzt in einer neuen Fassung.

Für das Grau(en) in allen Schattierungen bis ins tiefste Caravaggio-Schwarz sorgt meine Thriller-Empfehlung, die bei aller Plot- und Schreibqualität in ähnliche Dimensionen des Horrors und der Umnachtung vorstösst wie einst Robert Bollanos dunkelstes Werk. Nett wie ich nun mal bin, enthält meine inhaltsfreie Vorstellung neben einer ausdrücklichen Warnung auch die etwas heller gestimmte Alternative, ein gewitztes Frühwerk von Don Winslow, das, folgen wir mal dem Spass des Klappentextes, den „besten Detektiv Amerikas nach London“ verschlägt.

Der Knaller aus der Abteilung „Philosophica“, die diesmal eher „Psychologica“ lauten sollte, ist den kreativen Potentialen von Fehlern, Zufällen, Desorganisation und anderen geplanten wie ungeplanten Verwirrspielen und Missgeschicken gewidmet: MESSY geht los mit Vera Brandes, Keith Jarrett und dem „Köln Concert“, mit David Bowie und Brian Eno in Berliner Tagen, womit sich gleich mehrere manafonistische Kreise schliessen. Lars Gustafsson hat einst den feinen Kurzgeschichtenband „Die Kunst, den November zu überstehen“ herausgebracht (wo es viel ums Reisen geht, auch um die einundzwanzig Eisenbahnen von Iserlohn) – ich bin sicher, unsere Empfehlungen können (wenn man mal unseren „Alptraumthriller“, dessen erster Teil nicht zu Unrecht „Böse Träume“ lautet, aussen vor lässt) dabei wertvolle Hilfe leisten.

Nicht zuletzt auch DETECTORISTS, die zwei Staffeln umfassende britische TV-Serie, welche im ländliche Suffolk den dezenten Obsessionen und Weltverlorenheiten  der Protagonisten nachspürt:  dass diese neue Kolumne „Bingewatch Trance“ lautet, stellt dem flapsigen englischen Ausdruck fürs „Komagucken“ jene bewusstseinsverändernde Qualität an die Seite („Trance“), die ein Alltagsphänomen ist und nicht das Privileg ausgefuchster Hypnosetechniken. Das rationale Bewusstsein ist ein Teilzeitarbeiter, und überlässt oft genug dem Unbewussten das Feld, gerade auch da, wo wir in andere Welten eintauchen.

 

P.S. Anlässlich der im November in Hamburg wochenlang zu erlebenden Installation von Brian Eno’s THE SHIP wird die Besprechung dieses Meisterwerkes (im LP/CD-Format) in Kürze wieder ins „Blogtagebuch“ transportiert. Incl. Brians Kommentar zu unserem Text! Ob es tatsächlich das manafonistische Album des Jahres wird, zeigt sich in der Abrechnung zum Jahresende hin. 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 28. Oktober 2016 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

2 Kommentare

  1. ijb:

    Ja, von den Vinyls habe ich gleich bei Erscheinen Rypdal und vor allem Peacock / Garbarek / Stanko /DeJohnette erworben.

    Die übrigen folgen sicher demnächst. Peacock hatte ich vor zwei Jahren bei den Aufnahmen zu „Now This“ im Rainbow Studio erleben dürfen (ohne Kamera), und über meinem Schreibtisch hängt seitdem seine LP „December Poems“.

  2. I.M.:

    Ah, Sie erwähnen den Roman „2666“, Herr Engelbrecht! Santa Teresa ist in dem Roman dem nordmexikanischen Ciudad Juárez nachgebildet. Die 400 Mordfälle an Frauen – einfachen Wanderarbeiterinnen und Prostituierten – gab es wirklich. Es gab auch Journalisten, die recherchierten und dann tot aufgefunden wurden. Die Morde blieben ungeklärt. Wie Steine auf dem Feld, so liegen diese Toten in der Wirklichkeit herum. Und so hat sie Bolaño in seinen Roman übernommen. Sie fügen sich zu keinem Ganzen. Aber sie sind mehr als nur eine Zahl. Bolaño hat das Schicksal von 108 der Verbrechensopfer (nun natürlich der fiktiven) aufgeschrieben. Es sind grausige Porträts. Sie berichten aus der Ermittlerperspektive, wo die Leiche aufgefunden wurde, auf welche Weise das Opfer vergewaltigt und wie es ermordet wurde. Mehr als diese Knochen des Erzählens gönnt sich Bolaño in diesen Passagen nicht. Und doch sind sie so etwas wie Grabsteine, die den vergessenen Opfern eine letzte Ehre erweisen. Sie aus der Einsamkeit des Todes erlösen. Und das ohne allen Kitsch. Die radikalste Form der Einsamkeit ist es, ermordet, nicht identifiziert und womöglich nicht einmal vermisst zu werden.

    Einsamkeit ist das große Thema des Romans. 2666 wirkt wie ein Satellit, der seinem Autopiloten überlassen ist, ein kosmisch-verlorenes Auge, das durch die Sphären des Universums gleitet, mal den einen Planeten in den Fokus nimmt, mal den anderen – aber die Verknüpfung dessen, was in den Blick gerät, zeugt von keiner menschlichen Ordnung mehr. Kein im klassischen Sinne motivierender Plot verbindet die Informationsmassen, die einen trotzdem, auch wenn sie oft wie unerklärliche Abschweifungen erscheinen, jedes Mal in ihren Bann ziehen.

    Einmal sagt eine Politikerin, die über die unerklärlichen Morde sinniert: »Die Wirklichkeit ist wie ein bekiffter Zuhälter. Finden Sie nicht?« Und das könnte jetzt die poetische Sinnstiftung sein, eine Metapher, die das Unerträgliche und Unverständliche in ein Bild überführt. Aber wenige Absätze später sagt dieselbe Politikerin: »Die Wirklichkeit ist wie ein bekiffter Zuhälter in einer Gewitternacht.« Und dem Leser wird klar, dass er sich diese Form von Metaphern auch schenken kann.

    I.M.

    P.S. Beckstedts „Tryptichon“ erzählt eine etwas „konventionellere“ Story, ist exzellent geschrieben, mit dem Rasiermesser sozusagen, und hervorragend konstruiert (so gut, dass man die Konstruktion vergisst). Ein Roman, der atemlos macht. Man sollte ihn nicht im Urlaub lesen, sondern hinterher besser Urlaub machen.


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