Manafonistas

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2016 26 Okt

Visitenkarten

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | 6 Kommentare

Irgendwann in den 80er Jahren muss es gewesen sein, als meine Eltern damit anfingen, sich Briefpapier mit unserer Adresse und Telefonnummer sowie Adressaufkleber für Briefumschläge anfertigen zu lassen. Die Aufkleber hatten eine goldene Schrift, eine Schrifttype, die in Richtung Schreibschrift ging, und ich habe mich jahrelang dagegen gewehrt, dergleichen als Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk zu bekommen. Das Ganze hatte etwas Festgelegtes und Etabliertes, was mir missfiel. Visitenkarten gab es sicherlich schon früher, aber ich vermute, dass sie sich in den 80er, eher noch in den 90er Jahren allmählich auch unter der normalen Bevölkerung verbreiteten. Visitenkarten zu sammeln hatte in bestimmten Kreisen etwas davon, die eigene Bedeutung aufzuwerten. Beziehungen, Kontakte, Chancen, vor allem beruflicher, und auch privater Art. Professor W. beschwor im Journalismusseminar, – und wir haben hier einen großen Zeitsprung gemacht – den möglichst lässigen Austausch von Visitenkarten im Rahmen beruflicher Termine. In dieser Zeit stellte sich dann für ordnungsliebende Menschen die Frage, wie sie ihre Visitenkarten zweckmäßig aufbewahren könnten, und es gab verschiedene Modelle von Sammelordnern auf dem Markt. Ich selbst fand es immer romantischer, Telefonnummer oder Mailadresse handschriftlich auf irgendeinem Zettel zu notieren. „That´s her handwriting, that´s the way she writes.“ Eine völlig aus dem Zusammenhang gerissene Zeile eines Go-Between Songs, und bei der Gelegenheit möchte ich Robert Forster für den nächsten Lyrics-Nobelpreis vorschlagen. Auf der Buchmesse wurde ständig nach einer Visitenkarte des Verlages gefragt, ich ließ die Interessenten eine Postkarte mit einem Buchcover auswählen und notierte auf der Rückseite die Mailadresse, an die Manuskripte oder Grafikbewerbungen geschickt werden können. Dann schrieb ich eine SMS an den Verleger. „Hast du Visitenkarten? Wir könnten auch noch Frühjahrskataloge brauchen.“ Schon seit längerer Zeit war mir andererseits aufgefallen, dass sich die Qualität der Visitenkarten oft umgekehrt proportional zur Qualität der Arbeit desjenigen verhält, der die Visitenkarte verteilt. Das ist vor allem bei angehenden bzw. planmäßig angehenden Schriftstellern und /innen so, die, bevor sie auch nur ein einziges wirklich gutes Gedicht hinbekommen, schon eine eigene Homepage eingerichtet haben. Eine auf schick gemachte Lady ca. ü 60, die einen Verlag für ihren ersten Gedichtband sucht, sich aber nicht mit Gegenwartslyrik beschäftigt hat, überreichte mir eine Visitenkarte, die größer und schwerer als eine Postkarte war. In goldener Schrift war ihre Unterschrift auf der Karte eingestanzt. Sie weiß nicht, dass sie damit gegen sich selbst arbeitet. Der Verleger brachte, wie ich erwartet hatte, keine Visitenkarten mit. Er sagte, er bräuchte keine und zählte ein paar bekannte Verleger auf, die niemals Visitenkarten verteilen würden. Es gibt das Internet, und die meisten Menschen haben mehr Kontakte als sie emotional und intellektuell zu bewältigen in der Lage sind. Die Bedeutung der Visitenkarte hat sich verändert. Es geht jetzt wieder darum, Exklusivität zu demonstrieren. Ich werde mir ein paar Kärtchen mit handgeschriebener Mailadresse zurechtschneiden, ein beiläufig wirkendes Design. Back to the roots.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 26. Oktober 2016 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

6 Kommentare

  1. Jan Reetze:

    Ich habe nur einmal im Leben Visitenkarten besessen. Meine Mutter hat sie mir zu Weihnachten geschenkt. Ich habe sie niemals benutzt, weil in der Berufsbezeichnung der Bindestrich fehlte (man fragt sich manchmal, wozu die Drucker ihren Kopf haben), außerdem kam wenig später die Änderung auf fünfstellige Postleitzahlen.

    Ach doch, als ich als Studienleiter in einem Markt- und Meinungsforschungsinstitut gearbeitet habe, da hatte ich auch Visitenkarten. Dienstliche. Ich habe sie nie benötigt, sie waren billiger Laserdruck, und so sahen sie auch aus. Das passte zu der Firma. Ich war dort nur ein Jahr.

    Die dämlichste Visitenkarte, die ich je gesehen habe, war vom Vertreter eines japanischen Musikinstrumenteherstellers: Prägedruck auf Aluminium. Kaum weniger nutzlos: Die Karte eines Architekturbüros, die aus Klarsichtplastik bestand und die Beschriftung als Hologramm enthielt. Konnte man in beiden Fällen weder kopieren noch scannen. Wenn deren Produkte ebenso gut durchdacht sind …

    Dann gab es natürlich noch die Spezialisten, die vorgaben, gerade keine Visitenkarte bei sich zu haben, die dann statt dessen in ihrer Jackentasche suchten und dort todsicher eine alte, sehr prestigeträchtige Eintrittskarte „fanden“, auf deren Rückseite sie dann ihre Telefonnummer schrieben.

    Gibt es eigentlich immer noch die Druckereien, die einem einreden wollen, man solle doch gleich 500 Stück nehmen, das sei doch viel billiger?

  2. Martina Weber:

    2.000 Stück sind noch preiswerter, Jan :)

    Prägedruck auf Aluminium hört sich aber raffiniert an.

    Ich erinnere mich an die Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen. Ab da fing es damit an, dass ich mir die Postadressen von Freund/innen nicht mehr merken konnte. Und auch die Briefbögen meiner Eltern wurden Makulatur.

  3. Wolfram Gekeler:

    Neulich oder noch etwas länger her, da fiel mir auf, dass keine Martina mehr unter den Manafonistas zu finden war. Zum Glück war ein paar Tage später alles wieder in Ordnung; die genauen Betrachtungen oft kleiner Dinge hätten mir gefehlt; manches wäre im Unbewußten verdrängt geblieben wie die kleinen metallic umrahmten Adressaufkleber, die ich als Grundschüler für die verhassten Geburtstagskarten an Patenonkelundtanten ausgehändigt bekam. Hier liegt einer der Ursprünge meiner chronischen neurotischen Schreibhemmung. Hätte es die Bäpper doch mit Grußtext gegeben!

  4. Martina Weber:

    Es ist schon ein paar Monate her, Wolfram, und der Grund für meinen Austritt aus dem Blog hat sich dann glücklicherweise als Missverständnis erwiesen, so dass ich wieder zurückgekehrt bin :)

    Es ist für mich nicht fassbar, welche Auswirkungen diese selbstklebenden Adressaufkleber bei dir hatten. Aber es gibt eine Menge Techniken, mit denen du einer Schreibhemmung begegnen kannst. Ich finde zum Beispiel das Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron ziemlich gut. (Den leicht esoterischen Hauch, den sie immer mal wieder einbringt, kannst du einfach überlesen.) Cameron beschreibt als eine der Techniken die Morgenseiten, die am besten (meiner Meinung aber nicht zwingend) möglichst zeitnah nach dem Aufwachen geschrieben werden. Es geht dabei darum, in einen Schreibfluss zu geraten, nicht geht es darum, druckreife Texte zu produzieren. Das Buch ist als 12-Wochen-Kurs konzipiert, mit vielen Übungen und Anregungen, da gibt es viele Gelegenheiten, die von allen Manafonistas geschätzten Listen zu allen möglichen und völlig abwegigen Themen anzufertigen. Am Anfang zum Beispiel den Monstersaal. Mehr erkläre ich aber nicht dazu.

  5. Wolfram Gekeler:

    Die Aufkleber stehen für den Komplexbereich schön-ordentlich-pünktlich-gern-Weihnachtsbriefe-Urlaubskarten-Danksagungen-Hausaufgaben schreiben zu müssen; ab der 5.Klasse konnte ich mich etwas befreien und machte die wichtigsten Hausaufgaben im Bus. Ein Hang zu Schreibblockaden blieb jedoch. Und deshalb bin ich gespannt auf Julia Cameron.

  6. Martina Weber:

    Auf Sylt hattest du den Band „Autobiographien New York – Berlin“ von Richard Kostelanetz dabei. Ich habe es gekauft und mag es sehr. Eigentlich besteht das Buch aus zahlreichen originellen Anregungen für Listen! Auch ein Weg, in einen Schreibrausch zu geraten.


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