Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2016 25 Okt

„The time is now“ (Nina Simone)

von: Lajla Nizinski Abgelegt unter: Blog | TB | 1 Kommentar

Sie war bereits als 10 Jaehrige nach Italien ins Sommercamp geschickt worden, nur unter der Obhut von abenteuerlustigen Studenten. Schon damals hatte sie das Gotthard Gefühl gespürt. Bei der jetzigen 10 minütigen Tunnelfahrt hatte sie gehofft, dass der Freudsche Urschrei ausbliebe und ihr das Hineinschiessen in das Helle der Welt wieder jenen orgiastischen Auftrieb bescherte. Genauso wiederholte sich der Schuss in die sonnige andere Seite. Sie war glücklich. Über ihr Ziel, den „Monte Verita“ hatte sie im ICN folgendes gelesen:

 

„1900-1920. Kleine Gruppe von Idealisten aus dem Norden ließen sich hier nieder, um alternativ zu leben. Das dauerte bis 1920, ein Lebensexperiment fernab von Hektik, Kapitalismus und sozialen Regeln, naturverbunden und strenger Diät: Beeren, Nüsse, Obst, kein Wasser.“

 

Gründer waren die Klavierlehrerin Ida Hofmann und ihr Partner Henri Oedenhoven. Der Monte Verita liegt sehr schön oberhalb von Ascona und dem Lago Maggiore. Mit den Überspannten dieser Zeit hatte sie wenig gemeinsam. Viel zu sehr war sie den vorallem abendlich auftauchenden Wünschen nach einer Currywurst verfallen und zudem liebte sie edle Kleidung, auf die sie nicht verzichten wollte. Sie frönte gern exklusivem Essen mit gutem Gewissen: „Solang es noch möglich ist …“ Im Bauhausrestaurant auf dem Monte Verita dachte sie, dass sie den Stil nicht mochte, diese Strenge, diese bigott eingesetzte Ökonomie, das erinnerte sie an Martha Nussbaum. Sie bestellte sich das Risotto von Dimitri. Sie mochte diesen herzlichen Clown, der hier in der Gegend zuhause war, schon immer. Dimitri hatte oft hier gesessen und einmal hatte er sein Rezept mitgebracht: Risotto mit Safranblüten und Himbeer Coulis. Sellerie Pesto und knusprigem Venus Reis.

 
 
 

 
 
 

1926-1964 war der rätselhafte Baron Eduard von der Heydt aus Wuppertal der Besitzer des Monte Verita. Viele internationale Künstler zog es auf diesen magischen Berg. Unter ihnen weilte auch die russische Malerin Marianne Werefkin. Als sie 1938 starb, nahm die gesamte Stadtbevölkerung von Ascona von ihr Abschied. Ein Teil ihrer grossen, grossartigen Gemälde hängen in dem von ihr gegründeten Museum in der Altstadt. Keine Siegerkunst, wie erholsam.

 

Als sie die 1000 Treppen vom Monte hinunterstieg, zählte sie auf, was sie alles verpassen würde:

 
– Vanessa Rubin im Jazz Cat Club Ascona

– Paolo Conte, der hier mit 80 noch tourt

– die Kastanienfeste
 

Alles hat seine Zeit.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 25. Oktober 2016 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

1 Kommentar

  1. Wolfram Gekeler:

    Während andere Manafonistas bei mir Erinnerungen an Musik, Bücher, kleine Dinge wie z.B Adressaufkleber wecken, fallen mir beim Lesen Deiner Texte oft Reiseerlebnisse ein. Zu den schönsten Momenten gehört die Ausfahrt aus dem San Bernardino-Tunnel. Jede Tunnelausfahrt gehört zum Schönsten überhaupt, aber hier geht es innerhalb von wenigen Minuten von einer Welt in eine ganz andere: hier Grau, Regen, Kälte, Herbst; dort der Süden, Sonne, Wärme, und der Supermarkt San Antonino bei Bellinzona. Das erste Mal fuhr ich diese Strecke zu einem Yoga-Kurs direkt am Ufer des Lago Maggiore; meine Bereitschaft zur Esoterik reichte dank des entspannenden Frühlings für den Kurs, nicht aber für alle der Weltanschauungen auf dem Monte Verita. Erich Mühsam schildert die apolitische Szene in seinem bekannten „Gesang der Vegetarier“ (Untertitel: „Ein alkoholfreies Trinklied“):

    „Wir essen Salat, ja wir essen Salat
    und essen Gemüse von früh bis spat.
    Auch Früchte gehören zu unserer Diät.
    Was sonst noch wächst wird alles verschmäht.

    Wir sonnen den Leib, ja wir sonnen den Leib,
    das ist unser einziger Zeitvertreib.
    Doch manchmal spaddeln wir auch im Teich,
    das kräftigt den Körper und wäscht ihn zugleich

    Wir rauchen nicht Taback, nein wir rauchen nicht Taback,
    das tut nur das scheußliche Sündenpack.
    Wir setzen uns lieber auf das Gesäß
    und leben gesund und naturgemäß.“

    (gekürzt)

    PS 1-3
    Das Bauhaus-Hotel ist wunderschön.
    Die Bilder von Marianne Werefkin sind wirklich großartig.
    Vanessa Rubin singt wie Billie Holiday. Fast.


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