Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archiv: August 2016

2016 23 Aug

die auf dem boden ausgeschüttete angst. Lyrik im Anthropozän

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Über die Frage, was politische Lyrik ist, wurde schon viel diskutiert, aber im Prinzip gibt es zwei Zugänge: Entweder geht das kritische Element von der inhaltlichen Ebene aus (also von der message) oder vom sprachlichen Zugang, davon also, die Sprache nicht als Werkzeug zur Überbringung von Botschaften zu betrachten, sondern den Widerstand gegen den Mainstream oder die herrschenden Verhältnisse in den Umgang mit der Sprache zu legen. Der Hintergrund wird zum Vordergrund. Ein Teilbereich der politischen Lyrik ist die Poesie, die sich mit der Veränderung der Erde durch den Menschen beschäftigt. Dieses Zeitalter nennt man Anthropozän. Vor einigen Wochen erschien dazu im Kookbooks Verlag eine Anthologie. „All dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän“, herausgegeben von Anja Bayer und Daniela Seel. Das Buch versammelt auf 333 Seiten Gedichte 124 zeitgenössischer Lyrikerinnen und Lyriker vor allem der jüngeren und mittleren Generation sowie drei Essays und hat, allein schon wegen des Themas, das Zeug zum Klassiker. Wer sich lieber (oder: außerdem) eine Lesung anhört, findet auf YouTube die Dokumentation eines Leseabends zum Thema Lyrik im Anthropozän, aufgenommen im Deutschen Museum in München, mit zeitgenössischen und etwas älteren Gedichten.

 
 
 


 

2016 23 Aug

Heute in Berlin

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Die Tafel hängt jetzt am Haus Schöneberger Hauptstraße 155.
 

Es war Sommer
Und DU hattest immer noch die Cahiers von Simone Weil in deiner teuren Eastpak Ledertasche
Im Schwimmbad
Sagtest DU es gebe wenig Gerechtigkeit und Engagements in der Gewerkschaft
Am Beckenrand
Nahm ein magersüchtiges Mädchen seine earphones raus.
People want to hear songs about love
Auf der Liegewiese
Hast DU in die Sonne geblinzelt und leise gesungen: You never know what the future holds in the shallow soil of Monsanto
In der Umkleidekabine
hörtest DU wie ein Mann schimpfte: Jetzt bekommen die Bauern nur noch 17 cent pro Liter für ihre Milch, China nimmt keine mehr ab
People want to hear songs of love
VW betrügt uns
People want to hear about love
Südkorea stoppt Verkauf von Volkswagen
People want to hear about love …

2016 22 Aug

Die Schmallenberger Woche

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wenn ich komme, ins tiefe sauerland, im september, sind alle sonnenschirme aus den strassen verschwunden

 

2016 22 Aug

You lost your little boats, you never posted letters to me

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You can transform a piece of prose into a theatre play and it´s even easy if there´s a story line. But what about a saucerful of poems with a deliberately chosen chaotic structure? As a theatre manager you might pitch your own version, choose some pictures, leave out what doesn´t seem to make sense, mix it up and put it together. What seems to be kind of central idea you take as a stage setting. So, in this case there were hundreds of hand-folded paper ships on the stage. A woman in a transparent rain coat and a cowboy hat stood under a waterfall (or did she just imagine standing there?), she unrolled a pell and read aloud a message. There were others around, nobody listened. Time travel, place travel. Loop me in, could you? Since I was a child and a spotted the first graffiti I remember (which sayd: I was here) I´ve always dreamed of writing a message on a lamppost. What did it mean to be here, anywhere? There was no dog, no barking. I can´t choose what I would remember. It´s all about taking part in something you don´t know. This as all a digression. There is no centre. That´s not what I wrote. I´m not like the picture you might have in your mind. No more stars at the end of the night. I recognized those poems and I didn´t. It was part of my life and it wasn´t. I read everyone was a mixture of the five most nearest persons in his or her life. This is not a matter of time or place. I nearly didn´t dare to breathe.

 
 
 

 
 

Thanks to Jan Wambsganß

 

2016 21 Aug

Art, Hobbies, Sex (from „Justified“)

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Raylan Givens: I once met a man who made model reconstructions of famous aviation disasters.

Art Mullen: Hmph.

Raylan Givens: Tenerife. Sioux City. Lockerbie. Scaled down fusilages blackened and torn. Little engines and furrowed earth. I don’t know. I figure people are entitled to their hobbies and I’m entitled to think those people are creepy. No offense Vincent.

Vincent Hanselman: Next time you’re in Cincinnati, come by the gallery. I think you’ll be quite surprised.

Raylan Givens: Honestly, I think I’d rather stick my dick in a blender.

Art Mullen: That might solve a few problems.

Derzeit muss ich die Tage so durchplanen, wie zuletzt in meinem „goldenen Jahrzehnt“ im Radio, in den Neunzigern, als ich noch quer durch die alte Bundesrepublik düste, mit dicken Tonbändern im Gepäck für Michael Nauras „Klanglaboratorium“, oder einer Kiste Musik für „Radio Unfrisiert“ im Hessischen Rundfunk.

Die einzige Konstanten der kommenden Tage sind der Morgencappuccino bei Larry und die Begradigung meiner Steuerschluderei. Und dann, vier Tage lang, in Klausur, für eine „englische Vorlesung“ in abgedunkeltem Raum! Mein Aufnahmegerät für Interviews hat nach so vielen Jahren den Geist aufgegeben – ein Ersatz muss her, für ein, zwei Interviews beim Punktfestival.

Nach den letzten 9 1/2 Wochen, einer Mischung aus Medizin- und Psychothriller (alles begann mit dem von Opium begleiteten „High“ nach dem Aufwachen aus einer Vollnarkose), frei nach dem fröhlichen Motto: „Schluss mit dem Eiertanz!“, darf, neben dem Auftritt beim Punktfestival, ein frühseptemberlicher Aufenthalt in einer sauerländischen Klosterklinik als echtes Highlight meditativer Unternehmungen gewertet werden. In der Schmallenberger Klinik wird an mir eine ASS-Deaktivierung durchgeführt, was erst mal nach Philip K. Dick klingt, und dann doch eine prosaische Angelegenheit mit potentiellen Nebenwirkungen der unlustigen Art ist.

 
 
 

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Wegen meiner so gut wie sicheren Allergie gegen Salicylsäure (vermuteter Hauptgrund für wiederkehrende Probleme in den Nebenhöhlen, die somatischen Reaktionen laufen, Tücke und Segen zugleich, im Verborgenen ab) werde ich auf sanft steigende Dosierungen von ASS eingestellt, in der Hoffnung, der Körper reagiert in Zukunft eher wohlwollend auf diesen Stoff, der viel verbreiteter in unseren Nahrungsmitteln und Getränken ist als die Gefahrenliste der weitaus populäreren Lactose-Allergie. In der Zeit, in der ich gezielt ausser Gefecht gesetzt bin, beneide ich Wolfram und Gregor, die  am 9. September in Stuttgart King Crimson live erleben könnten.

Im Sauerland sagt man früh abends den Füchsen gute Nacht, und da strenge Klosterschwestern mich kaum in Wallung bringen, habe ich einen exezellenten Pageturner im Gepäck (die ersten 60 Seiten getestet, wow!): „Regengötter“ von James Lee Burke, der in Deutschland ein hochverdientes Revival erlebt. Meine Thrillerspezialistin aus Düsseldorf ist gerade im Burke’schen Leserausch.

(Abschweifung: wer mehr an Sachliteratur interessiert ist, oder unserer monatlichen „Philosophica“-Rubrik, dem empfehle ich das bei Bloomsbury herausgekommene Buch „Oblique Music“, ein wahrlich multiperspektivisches Buch über Brian Eno. In einem der dort versammelten Essays werden auch die Manafonistas ausführlich zitiert, und im Quellenverzeichnis exakt verlinkt.)

 
 
 

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Und für den Notfall (die Notfälle treten im Leben zuweilen seltsam gedrängt auf) gibt es im tiefen Sauerland auch Akuteingriffe (bei schweren Asthmaanfällen oder anaphylaktischem Schock), sowie „Glut und Asche“ (kein Alternativplan für die Einäscherung, sondern der mit in die graue, von Kreuzen und Bibeln nur so wimmelnde, gespenstische Grossanlage geschmuggelte Nachfolgeroman der „Regengötter“).

Wenn das alles so halbwegs happyendig ausklingt, mit einer Jazzsendung am 23. September, dann schlage ich drei agnostische Kreuze, berausche mich spät abends (ganz dezent) mit „The Enchanted Path“ von Molly Dooker – zur unprätentiösen, neuen Zufallmusk von Peter Broderick, oder Glenn Jones‘ Gitarrenklängen -, und besteige in den Tagen danach, in Düsseldorf oder Frankfurt a.M., ein riesengrosses Flugzeug. Natürlich kann es auch ganz anders kommen.

Und deswegen lande ich schon mal vorab an dem einzigen Ort, der einem wirklich sicher ist, der Gegenwart, und sehe mir nun jenen Film (zum wiederholten Male) an, der meine ganz persönliche „Resilienz“ (das Modewort für Widerstandsfähigkeit) genauso kräftigt wie die erste Staffel von „Justified“ – das Movie namens „Frank“ handelt nicht zuletzt von der Suche nach unerhörten Klängen – nie nostalgisch wie der Brian Wilson-Film, lässt „Frank“ jenes Quantum Verstörung zu, das nicht so ganz selten (neben allem Enthusiasmus und „flow“) Teil des kreativen Prozesses ist.

In der Betriebsküche hatte ich den Honigtopf umgeschmissen. Passiert schon mal kurz vor vier in der Nacht, wenn die Stimme geölt wird. Die ECM-Stunde lief auf einen schönen Schluss zu. Ich hatte ein Stück aus Jon Balkes fantastischer Solo-CD WARP ausgewählt, das genau drei Sekunden, bevor Rio Reiser im „Kalenderblatt“ anlässlich seines 20. Todestages losrockte, zu Ende war. Eine saubere Abgrenzung zweier Welten.

Und dann hatte ich in einer Nacht, in der bis dahin alles reibungslos funktionierte, vergessen, den „Auto Stop“ zu drücken, wodurch Jon Balke einfach weitermachte, mitten in den rockenden Reiser hinein. Grrrhh. Das ärgerte mich. Auch wollte ich statt GATEWAY (der doppelte Abercrombie in der Anteilung 76 war zuviel des Guten) Terje Rypdals AFTER THE RAIN spielen – nicht so stark wie ODYSSEY (1975), ein interessantes Soloalbum allemal. Aber das Album hatte sich in meinem Archiv versteckt.

Die zweite kleine Panne dann nach dem allerletzten Stück des jamaikanischen Dub-Rausches aus den frühen Siebzigern. Ich hatte einen Schalter (in gutem Glauben) deaktiviert, der de facto das Signet für die Nachrichten blockierte (hundemüde, leichte Trance, leichte Kopfschmerzen). So fiel mir beim Abblenden des letzten Tracks auf, dass gleich Coxsone Dodds „Nairobi“ die Stimme des Nachrichtensprecher als leicht bekiffter Klangteppich grundieren würde, was erboste Höreranrufe zur Folge gehabt hätte. Ich streckte die Abblende, so dass das Schlimmste verhindert wurde, sagte im Schaltraum Bescheid (mea culpa!), und kümmerte mich um den umgekippten Honigtopf. (me)

 

 

Scott Walker: Childhood Of A Leader / Sinikka Langeland: The Magical Forest / Ian William Craig: Centres / Kacirek & Klein: Selekt 03 / Tigran Hamasyan: Atmospheres

Pierre Favre: Drum Sights /  Throws: Throws / Sten Urheim: Strandebarm / Darren Hayman: Thankful Villages Vol. 1 / Erland Epneseth Trio: Det andere rommett / Mats Eilertsen: Rubicon

Barre Phillips: Mountainscapes /// Arild Andersen: Clouds In My Head /// John Abercrombie – Ralph Towner: Sargasso Sea /// Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet: Dansere /// Abercrombie – DeJohnette – Holland: Gateway //////////// Jakob Bro: Streams /// Tord Gustavsen: What Is Said /// Rolf Lislevand: La Mascarade /// Jon Balke: Warp

Joni Mitchell: Court And Spark / Joni Mitchell: Hejira / Joni Mitchell: Don Juan’s Reckless Daughter / Joni Mitchell: Mingus / Joni Mitchell: The Hissing Of Summer Lawns

Van Morrison: It’s Too Late To Stop Now II, III & IV

Soul Jazz Records presents: Studio One Dub Fire Special

 

So mag ich den Sommer. Ich bin nicht verreist, habe ein paar große Brocken meiner to-do-Liste abgehakt und genieße die Ruhe der Stadt während der Zeit der Sommerferien, die hier überall spürbar sind. Ich mag es, wie das Licht in die Wohnung fällt, ich habe noch fast die Hälfte der siebten Staffel von Mad Men vor mir und freue mich schon auf weitere Romane von Steve Erickson, die ich dann endlich lesen will. Amnesiascope. Ich hätte nicht gedacht, dass ich irgendwann einmal die Dienstleistung eines Krans beanspruchen würde, aber ich werde ihn morgen wahrscheinlich buchen. Es geht hier um die Verwirklichung eines lang gehegten Traums, eines schallgeschützten Zimmers. Auf dem Werbeprospekt sieht man in der einen Hälfte des Hauses dunkle Gestalten, ausgelassen tanzend in blauem Licht, das wie in einer Disko unberechenbar durch die Räume zielt, an der Hausfassade wilde Graffitis. Es sieht nach mindestens ungefähr 90 Dezibel aus und in der anderen Haushälfte sitzt eine Lady in einem warm beleuchteten Wohnzimmer in einem Sessel und blättert lässig in einer Zeitschrift herum. Ein freundlicher Mitarbeiter hat mir das heute Nachmittag demonstriert. „Welche Musik wollen Sie hören?“ fragte er und ich sagte Jon Hassell, aber er hatte dann doch nur irgendeine Popmusik ohne Identität, die aus einem kleinen Gerät dröhnte. Er stellt das Ding in die Silentbox und setzte den Deckel auf. Und dann war es fast still. Wie schätzen Sie die Lautstärke ein? 85 Dezibel, sagte er. Das Silentboard gibt es seit etwas drei Jahren, und es funktioniert so, dass parallel zur Wand in einem Abstand von etwa 13 Zentimentern eine weitere Wand, bestehend aus einzelnen längs verlaufenden Platten über eine an Decke und Fußboden verlaufende Metallschiene eingebaut wird, wobei der Hohlraum mit einer Dämmmasse befüllt wird. Die Platten sind so schwer, dass die praktikabelste Lösung darin besteht, sie mit Hilfe eines Krans in die Wohnung zu befördern, sagte der Mitarbeiter. Ein Kran? Das Zimmer, das ich mit der Wand versehen lassen will, wird dadurch zwar einige kleiner, aber ich hätte dann doch mehr Privatraum. Ich würde es dann nicht mehr mitbekommen, wie das Nachbarmädchen mit ihren Freundinnen spielt und ihre Fähigkeiten auf dem Xylophon weiter entwickelt. Ich könnte einfach auf der Matratze liegen, auf den Baum vorm Fenster schauen und was lesen. Und „City. Works of Fiction“ auch mal lauter stellen.

2016 14 Aug

Airport

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Man soll doch keine Billiglatschen tragen, wenn man unter Zeitdruck endlose Strecken durch Flughafenkorridore abzulaufen hat, es rächt sich.

Und weil es mir immer wieder auffällt: Wenn man den Transatlantikflug hinter sich hat und das Gate für den mehr oder minder regionalen Anschlussflieger sucht (wie etwa den von Toronto nach Pittsburgh), dann werden die Korridore und Gänge immer länger und immer enger, immer wärmer, immer schlechter belüftet, der Bodenbelag ist unter den Rädern von Millionen Rollkoffern längst wellig geworden, an den Wändern flackern verbrauchte Leuchtstoffröhren, die der Einfachheit halber nur einmal im Monat ausgetauscht werden. Der Gesamteindruck wird mit jedem Meter schäbiger. Die Getränkebuden am Wegrand wechseln von Starbucks und McDonald’s zu meist namenlosen Tante-Emma-Theken mit fünf Barhockern. Die Fenster, so überhaupt vorhanden, könnten auch mal wieder einen Eimer Wasser vertragen, so wie die Wände einen Eimer Farbe, die Sitze in den Wartezonen sind immer enger zusammengestellt, werden unbequemer und vor allem immer weniger, so dass zwangsläufig Leute auf dem Boden sitzen müssen, der auch schon lange keinen Besen mehr gesehen hat. Man kommt man sich vor wie im Wartesaal 2. Klasse im Bahnhof von Cloppenburg am Sonnabend nach 18 Uhr.

Am Ende findet man das Gate schließlich am äußersten Ende der gesamten Flughafenanlage, muss aber darauf gefasst sein, dass es sich bis zum Abflug noch dreimal ändern wird. Zehn Minuten nach der regulären Abflugzeit teilen die Leute am Boarding-Schalter in einem gnadenlos unverständlichen Lokaldialekt mit, das Flugzeug sei zwar da, aber die Crew nicht, we apologize for any inconvenience. Die eine Hälfte der Umsitzenden nimmt dies mit meditativer Ruhe zur Kenntnis, die andere Hälfte lacht.

Das einzige, was zuverlässig auf dem gesamten Gelände funktioniert, sind die automatisierten Sicherheitsdurchsagen, die alle paar Minuten kommen. Sie haben etwas Mantrahaftes an sich und machen auch nach zwei Stunden Wartezeit klar, dass die Zeit noch nicht stehengeblieben ist.

Was würde Jacques Tati daraus machen!


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