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2016 27 Jun

The Film Music of Howard Shore

von: Jan Reetze Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , | 6 Kommentare

 

 
 
 

Fünf Jahre lang, von 1975 bis 1980, war der kanadische Komponist Howard Shore der „musical director“ der wöchentlichen US-Fernsehshow Saturday Night Live, zu deren Schöpfern er auch gehörte. Um dieselbe Zeit herum begann er auch mit dem Regisseur David Cronenberg zusammenzuarbeiten und hat seitdem die Musiken zu 15 Filmen geschrieben, darunter Crash, Naked Lunch, Ed Wood, Se7en, The Silence of the Lambs und Mrs. Doubtfire. Auch eine Oper, The Fly, hat Shore komponiert. Seine bekanntesten Musiken aber sind ganz sicher jene für die Lord of the Rings- und The Hobbit-Trilogien.

Die gab es natürlich auch alle in Ausschnitten im gestrigen „Pops“-Konzert des Pittsburgh Symphony Orchestra zu hören. Die „Pops“-Konzerte, bis zu dessen Tod im Jahr 2012 von Marvin Hamlisch geleitet, erkennt man vor allem daran, dass die Musiker Weiß statt Schwarz tragen, das Publikum auch während der Stücke durch die Gänge rennt, nach den Stücken nicht nur geklatscht, sondern auch gejohlt wird (denn wegen der Smartphones in der Hand ist Klatschen in vielen Fällen nicht mehr möglich) und die altehrwürdige Heinz Hall (benannt nach dem Ketchupfabrikanten) mit einer PA und buntem Licht aufgepeppt wird.

Offensichtlich, das wurde mir schnell deutlich, eignet sich nicht jede Filmmusik automatisch zur Konzertmusik. Auch die im ersten Teil des Abends praktizierte Methode, die Musik aus den Hobbit-Filmen zu einer vierteiligen Suite zusammenzufassen, ist nicht ideal, zumal mir die Dramaturgie innerhalb der Teile nicht immer stimmig zu sein schien und die Unterbrechungen mir auch etwas beliebig gesetzt vorkamen. Aber man muss wohl in Rechnung stellen, dass heutige Filme wie diese mit einem fast permanenten Soundteppich unterlegt sind, während Filme noch in den 70er Jahren kaum mehr als insgesamt 15 oder 20 Minuten Musik enthielten. Da fallen Suiten leicht mal auseinander.

Zudem fiel mir auf, dass Shore keine Handschrift besitzt, die man sofort erkennen würde. Filmmusiken von Künstlern wie Nino Rota, Ennio Morricone, John Williams, John Barry oder Hans Zimmer erkennt man nach wenigen Takten am Stil oder der Melodieführung. Nicht so bei Shore. Handwerklich ist er fit, Melodien sind aber eindeutig nicht seine Stärke. Dafür allerdings bieten seine Kompositionen einem Orchester die Möglichkeit, ein paar Dinge aufzufahren, die im sinfonischen Programm sonst eher selten vorkommen – etwa Bongotrommeln, Metallklänge, Singende Säge, Donnerbleche, Regenmaschinen.

Unter der Leitung des Dirigenten Ludwig Wicki, der bewegungstechnisch permanenten Alarmzustand signalisierte, selbst wenn die Musik völlig ruhig dahinfloss, traten außerdem eine Reihe von Solisten auf – die Mezzosopranistin Eva Rainforth, die leider latent gewürgt klang, der exzellente Altsaxophonist Terry Steele, die Dudelsackpfeifer Colleen Poe und Palmer Shonk, der Knabensopran Maksim Shcherbatyuk (der spätestens in einem halben Jahr aus dieser Rolle herausgewachsen sein dürfte). Und – für mich der Hauptgrund des Konzertbesuches – Lydia Kavina am Theremin.

 
 
 

 
 
 

Wer mal irgendjemanden (wie etwa Jean Michel Jarre oder sich für postmodern haltende Popgruppen) live mit diesem Ding herumdilettieren gesehen (und gehört!) hat, der kann nur staunen, wie unglaublich präzise dieses Biest gespielt werden kann – wenn man es denn kann. Und Lydia Kavina kann. Ihr Solo zur Ed-Wood-Musik gehörte zu den Höhepunkten des Abends.

Leider überschritten alle Solisten des Abends kaum mal die Dreiminutenmarke, bevor sie wieder verschwanden. Das war, seien wir ehrlich, in den meisten Fällen kein großer Verlust, im Falle Kavina aber sehr wohl. Da hätte man gern mehr gehört.

Bleibt noch anzumerken, dass Howard Shore selbst anwesend war und, mit einem Interviewer auf der Bühne sitzend, kurze Einführungen zu den jeweils gespielten Stücken gab. Auch wenn die Gespräche einen gescripteten Eindruck machten: Das immerhin war interessant.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 27. Juni 2016 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

6 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Spannender Bericht.

    Mein eindringlichstes Theremin-Erlebnis hatte ich, ausser in Kindheitstagen in Gespensterfilmen, bei einem Konzert von Barbara Buchholz (Theremin), Jan Bang & Arve Henriksen im Dortmunder Domicil.

    Und, mhmm, Hans Zimmer erkennt man nach wenigen Takten?! Mir kam er, wann immer ich ihn hörte, eher irgendwo zwischen schnell durchachaubar, clever, handwerklich gekonnt und gut geklaut vor.

    Aber das sind flüchtig gesammelte Erinnerungen, auf jeden Fall habe ich in 25 Jahren Klanghorizonte nicht ein Stück von ihm gespielt, von den anderen, bis auf John Williams, schon …

  2. Rosato:

    Barbara Buchholz ist leider 2012 verstorben. Sie hat bei Lydia Kavina das Thereminspiel erlernt und war Mitglied der Jazz Big Band Graz. Ich habe einen TV-Mitschnitt der Band mit Barbara Buchholz – ich mach mich auf die Suche …

    Bei youtube habe ich nur wenig gefunden, u.a.

    https://www.youtube.com/watch?v=ziUUongFIKQ

  3. Jan Reetze:

    Tja, der Zimmer … Geschmacksfragen mal aussen vor gelassen und abgesehen auch davon, dass ich ihn aus irgedndwelchen Gruenden einfach mag: Zugegeben, er beherrscht so ziemlich jedes Klischee der Instrumentation und der Emotionalisierung. Aber wenn du im heutigen Hollywood etwas werden willst, wenn du sowohl Piratenfilmen wie High-Tech-Dramen, Detektivstories oder Animationsschnulzen gewachsen sein willst, dann musst du die liefern koennen. Und es ist ja nicht so, dass Rota oder Morricone nicht gewusst haetten, was Stilklischees sind. Zimmer hat aber seine Fingerprints, besonders eine bestimmte Art der Melodiefuehrung, an der ich ihn meist erkenne. Der Mann hat melodische Wendungen hinbekommen, mit denen ich tagelang herumgelaufen bin. Und dazu faellt mir immer wieder ein Satz ein, den Darius Milhaud zu einem seiner Studenten (einem gewissen Burt Bacharach) sagte, dem in einer Uebungsaufgabe nichts Zwoelftoeniges eingefallen war: Fuer eine Melodie, mit der die Leute nach Hause gehen koennen, muss sich niemand entschuldigen.

    Ich empfehle immer gern die Soundtracks zu „Inception“ und zu „The Thin Red Line“, da wird schon klar, dass Mr. Zimmer sich hinter seinen Hollywoodvorgaengern nicht zu verstecken braucht.

  4. Michael Engelbrecht:

    The Thin Red Line: da ist die Musik doch von Philipp Glass. Oder meinstest du Glass im Vergleich zu Zimmer?

  5. Jan Reetze:

    Der Film mit der Glass-Musik ist „The Thin Blue Line“ von 1988.

  6. Michael Engelbrecht:

    Ah, ja. Ich erinnere mich, der gefiel mir sehr gut, damals.


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