Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Du durchsuchst gerade das Archiv des Monats März 2016.

Archiv: März 2016

„Ich kann dieses Gefasel darüber, wie und was ein Gedicht heute zu sein hat und welche zentralen Dinge darin vorzukommen haben, nicht ausstehen. Ich habe immer gesagt: lieber die Schnauze halten und bessere Gedichte schreiben.“ Im Nachwort zu seinem Gedichtband „Kunst. Gedichte 1984-2014“ schreibt Thomas Kunst trotzdem ein bisschen darüber, welche zentralen Motive aus welchen Gründen in seinen Gedichten vorkommen, von welchen poetologischen Ansätzen er sich abgewandt hat und und welche Lyriker ihn immer noch begeistern. Zu den ersten Lyrikern, die in Thomas Kunst das Feuer für die Poesie entfacht haben und das Bedürfnis, ohne Poesie im Leben nicht mehr richtig zurechtzukommen, zählen der Peruaner César Vallejo, der französische Surrealist Paul Éluard und der Grieche Jannis Ritsos. Alle entdeckt in einer Runde von Freunden bei Rotwein und Kate Bush. (Es erscheint oft, als gäbe es solche Runden nur unter Jungs, aber das täuscht: Auch Frauen teilen ihre Begeisterungen einander mit.) Ritsos kannte ich nicht. Ich las, dass er seine heimlich geschriebenen Gedichte in Blechdosen im Sand vergrub.  „Epitaphios“ hieß der Band, in dessen Zentrum die Toten einer Demonstration streikender Tabakarbeiter. Es gab zehntausend verkaufte Exemplare, bevor das Buch im Jahr 1936 verboten wurde. Ritsos arbeitete auch als Journalist, und aus seiner Sicht hat ein Dichter, der sich am historischen Werden beteiligt, am meisten zu geben. Daher die Dankbarkeit gegenüber seinen Gegnern, die ihn verbannt und eingesperrt und ihm dadurch Erlebnisse, Grenzerfahrungen ermöglicht hatten. Armut, Hunger, der Wert einer einzigen Rosine. Die Gedichte Ritsos´ sind auf eine dezente Art politisch. Kein erhobener Zeigefinger, keine message. „Der Fluss“. Das ist das erste Gedicht aus dem Band „Gedichte“. Es lässt historische Erfahrungen spürbar werden, und man kann einen Trost darin sehen. Oder auch eine Unbarmherzigkeit. Es ist diese Offenheit, die den Text zum Klassiker macht und das Herz stocken lässt, beim Lesen.

 
 
 

 

„I’m out wandering the streets / Silently carrying a song.“ Natürlich hat das jeder schon mal gehört, darüber gelesen, oder es irgendwo aufgeschnappt, das merkwürdig häufige Vorkommnis, dass ein Mann (wenn man sich erinnert, ist da immer nur von einem Mann die Rede, obwohl es auch Frauen machen) kurz aus dem Haus geht – oft heisst es, er habe noch gesagt, dass er Zigaretten (oder Brötchen) holen gehe – und dann nie wiederkommt. In den seltensten Fällen wird dieser „Mann“ entführt oder von einem Bus überfahren. Er geht einfach fort, für immer, fast so, als gebe es ein geheimes Zeugenschutzprogramm, dass ihm oder ihr eine neue Identität und ein anderes Leben beschert. Da legt jemand allerdings nur (wenngleich vage) Zeugnis ab über seinen, mit einem einzigen Schlag beendeten, „normalen Alltag“. Vielleicht ist jeder so einem Menschen schon einmal begegnet, morgens, flüchtig, beim Blick in den Spiegel, hat ihn dann aber rasch aus dem Gedächtnis und Freundeskreis gestrichen. Kaum einer dieser Menschen kehrt je zurück, und,  ohne dass Beweggründe entschlüsselt werden, landen sie alle in den bunten Seiten der Statistik. Das Verschwinden von Sixto Rodriguez ist eine ganz andere Geschichte.

 

 
 
 

It´s better not to know too much about this film before you watch it. I won´t tell too much. It´s kind of a dream and I didn´t know whether it was a fairy tale in disguise of a documentary film or a documentary of a fairy tale. The late Sixties and early Seventies were days of miracles and wonder. And then: all those turning points and different versions of the story. One can say it´s about success in music business and how it works. Maybe it´s about the importance of one´s name and ethnical background. Cy Twombly hides in his shell, but what about a soul singer who refuses to be seen? To a journalist it´s very difficult to talk to a person who has no ego. Please repeat your question so I can hear it in my head. The mist entered the bar and we could only see his shoulder and his back. He kept his mystery. It´s a story about integrity and a story about the most grotesque suicide in rock history. Kind of detective story as well. And a thriller. It´s a story about freedom, how you keep it, how you lose it, and as art as a transformation of everyday life. It´s a political story. Every revolution needs a hymn. Sometimes it´s just a word that gives you permission to free your mind. In this case: establishment. It´s about money in many ways. Did you know this old indian wisdom, which says the camera steals the soul? This wandering spirit, he was born for the purpose to spook in your mind. I got my fingers crossed and I knock on wood.

 
 

Sugar man,

won´t you hurry

´cos I´m tired of these scenes.

For a blue coin

won´t you bring back

all those colors

to my dreams

 

Malik Bendjelloul: Searching For Sugar Man, 2012

 
 
 


 

2016 24 Mrz

Last Tracks

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

On his last album before retirement, FOR THE GHOSTS WITHIN, Robert Wyatt performed (on the last track) a heartbreaking version of WHAT A WONDERFUL WORLD. Darker than you might think. On his last album before his death, David Bowie chose, as the closer, the song EVERYTHING AWAY. On the last track of  his forthcoming album THE SHIP, Brian Eno delivers an outstanding performance of the Velvet Underground-track SET ME FREE: decades later  bleak existenzialism turns into a gospel-tinged „evergreen“ with a twist. The last song of the last album by Mark Hollis (which will probably be his last album ever and dates back to 1998), is titled A NEW JERUSALEM, and these are the verses: „And I’m home again / But alone my child / For the emptiness of war remains / One among five / But I’m dead to love / A pawn the same / And I’m home again / Run along my child / For the water’s blood / And so the sea / Summer unwinds / But no longer kind / Heaven burn me / Should I swear to fight once more / D’you see / Wise words / Wild words“. Now, dear reader, in early May, create a little mix-tape with this sequence: „A New Jerusalem“ / „What A Wonderful World“ / „Set Me Free“ / „Everything Away“. And then add, as a closer, the last track of P.J. Harvey’s album LET ENGLAND SHAKE. Install silences between the five tracks, five till nearly ten minutes long – and listen in the dark! The last verses of the last song on that mix-tape evoke a memory about the color of the earth on a faraway day. It’s the color of blood. Good night.

Musik im Roman „Die Knochenuhren“ von David Mitchell (Teil 1)

 

Natürlich ist es nicht so, dass Mitchell in seinem neuen Roman seine persönliche Jukebox einrichtet, obwohl er sicherlich den einen oder anderen seiner Lieblingstitel untergebracht hat. Ansonsten, und das kennt man schon aus dem „Wolkenatlas“, versucht er natürlich sprachlich, kulturell, politisch und wirtschaftlich möglichst genau die jeweilige Zeit abzubilden.

Am 30. Juni 1984 beginnt der Roman und wird musikalisch eröffnet durch die Talking Heads mit ihrem Album „Fear of Music“, die LP erschien am 13.06.1984, passt also genau. Holly liebt die Stücke „Heaven“ und „Memories Cant´t Wait“ dieser Platte besonders. In der Kneipe, die die Eltern der Protagonistin führen, gibt es, wie überall anfangs der 80er Jahre, durchaus noch Jukeboxen in den Gaststätten, im CAPTAIN MARLOW drückt jemand folgende Platten: „Daydream Believer“, „Rock All Over The World“ oder „American Pie“. Später dann darf sich Holly bei Bekannten eine Kassette(ja, man konnte beim Kauf damals tatsächlich zwischen Langspielplatte und bespielter Kassette wählen, auch z.B. beim Label ECM) wünschen, sie entscheidet sich für die wunderbare 1967 veröffentlichten Platte „John Wesley Harding“ von Bob Dylan und hört die Stücke „All Along The Watchtower“und „As I Went Out One Morning“. Was für ein Soundtrack zum Buch! Leider wird später REO Speedwagon (gar nichts für mich) aufgelegt, gefolgt von Musik der Gruppe Siouxxsie and the Banshees (kein bestimmtes Stück genannt) und dem Stück „Up the Junction“ von Squeeze (das habe ich ganz gerne einmal wieder gehört).

 
 
 

 
 
 

Im zweiten Teil des Buches springt Mitchell im Jahr 1991 mit seinen Lesern mitten in die Chorprobe des King´s College Choir hinein. Gesungen wird Benjamin Brittens „A Hymn to the Virgin“. Der Erzähler dieses Zweiten Teils der „Knochenuhren“, Hugo Lamb, macht sich so seine Gedanken über den Komponisten, der besagtes Stück 1930 komponiert hat: „Für mich ist Britten ein Hopp-oder-Top-Komponist: Oft langatmig, aber wenn sie zur Hochform aufläuft, fesselt die alte Tunte deine zitternde Seele an den Mast und peitscht sie mit glühender Erhabenheit.“ Später fragt der Erzähler sich, welches Musikstück er wohl hören werde, wenn er auf dem Totenbett liege. Etwas Frohlockenderes als „A Hymn to the Virgin“ falle ihm nicht ein, aber, so meint er später, wahrscheinlich würde es doch auf „Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)“ von DJ Knockout hinauslaufen. Diesen schrecklichen ABBA-Song kennen wir Leser natürlich, was DJ Knockout daraus gemacht hat, konnte ich leider nicht herausfinden.

 
 
 

 
 
 

In diesem Kapitel spielt Musik eine sehr wichtige Rolle, neben Benjamin Britten: „A Hymn to the virgin“ (Choralmusik, ein Stück für gemischten Chor aus dem Jahre 1930), hören wir Cliff Richards „Mistletoe and Wine“, frühe Joni-Mitchell-Platten, Nirvana mit dem Album „Nevermind“, Musik von der Gruppe Roxy Music (z.B. „Love ist a drug), und natürlich Pink Floyds „The Dark Side of The Moon“ . Weiter geht’s mit KLF und „3A.M.Eternal“(interessantes Stück, kannte ich nicht), Phuture: „Your Only Fried“, Norfolklorists: „Ping Pong Apokalypse“(ein deutscher Titel!), Mory Kentè: „Yè kè yè kè“, Damon MacNish: „Exocets For Breakfast“ und mit, was mich besonders freut,  Miles Davis: „In a Silent Way“ , leider wird dann aber auch Murray Head mit „One Night in Bangkok“ aufgelegt. Dann folgt, ganz ungewöhnlich, aber zu meiner großen Freude: John Cage: „In a Landscape“ und 10CC: „I´m Not in Love“. Die Auswahl ist groß, keine Frage. Wir schließen dieses Kapitel mit Dire Straits: „Tunnel of Love“ und „Lady in Red“ von Chris de Burgh (vermute ich mal; manchmal nennt Mitchell nur Titel von Musikstücken, aber keine Interpreten).

 
 
 

 

2016 23 Mrz

Gruesse aus Aachen

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Kommentare geschlossen

Hi Sabine, na, auch mal wieder hier? Hast du auch gehoert, dass jetzt der Bodyattack angesagt ist? Unser Buergermeister hat empfohlen, gegen den Stoerfall, er meinte wohl Supergau, am Latzug zu trainieren.

 

Man weiss ja nie …

 

Letzte Woche bin ich 70 km bis zum Atomkraftwerk Thiange gejoggt. Das hat mich richtig robust gemacht – was kann mir denn noch passieren nach solch einem Gewaltakt.

 

Man weiss ja nie …

 

Mein Mann meinte, ich solle lieber in der Umgebung herumsprinten und Jodtabletten einsammeln, weil der Buergermeister gesagt hat, die wuerden verhueten. Wie alt bist du eigentlich, Sabine? Warum strengst du dich so an? Ueber 45 helfen diese Jodtabletten nicht mehr und gegen die Drohnenknaller schon garnicht. Aber darueber denkt ja nicht mal unser Buergermeister nach. Stattdessen befiehlt er uns im Notfall, also bei Supergau, zuhause zu bleiben, die Jodtabletten wuerde er nicht vorverteilen. Sabine, verstehst du das? Haben die vielleicht zu wenig von dem Zeugs?

 

Man weiss ja nie …

 

Vinnie Colaiuta, schlag die Trommel!

 
 

 
 

2016 22 Mrz

„Landscapes of the Unfinished“

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Kommentare geschlossen

In many ways, 2016 will be the year of fantastic piano albums. Jon Balke’s masterpiece „Warp“ has been the first one, and has started a series of ECM „highlights“ around the world of this ancient instrument that may for some people be a sweet reminder of the „salad days“ of Manfred Eicher’s label in the 70’s.

But this surprisng frequency of outstanding records is not confined to ECM, and thus I like to focus the attntuon of the reader to the new album of „Piano Interrupted“ on Denovali Records. Yes, the label that has released Thomas Köner’s brilliant „Tiento de la Luz“ just a month ago! Recorded partly in Senegal with local musicians playing traditional instruments, „Landscapes Of The Unfinished“ is Piano Interrupted’s 3rd album.

As Denovali Headquarter writes, „this album sees pianist Tom Hodge and “electronician” Franz Kirmann explore a more introspective approach to their sound. The sonorities and recordings the pair brought back from West Africa are deconstructed, mangled and texturised, turned into a pointillist landscape until only a faint and distant souvenir remains.“

„These beds of pulsating soundscapes and earthy textures serve as base for Hodge’s delicate piano phrases and intricate compositions, interlaced with long-time collaborator Tim Fairhall’s fluid double bass playing.“

„Harsher territories are also visited during the 9 tracks that compose the LP; fuzzy Senegalese radio voices and the distant memory of African percussion collide with distorted bass and buzzing drones or screaming textures battle with screeching double bass sounds and tortured piano strings.“

„The album artwork captures one of the numerous half-built structures, infinite and abandoned, surrounding the studio in the suburbs of Dakar, and provides both an unfinished urban landscape and yet when viewed as a single moment in time, one of many compellingly complete landscapes of the unfinished.“

The album lives truely up to the expectations of these descriptions, and is a pure listening adventure from start to end. It will definitely played in my next radio night, and, yes, the broadcasting is „officially authorized“, for a „night marathon“ that will prove, among other things, that 2016 will be „a year of the piano“.

„Pascal avait son gouffre, avec lui se mouvant.
— Hélas! tout est abîme, — action, désir, rêve,
Parole! Et sur mon poil qui tout droit se relève
Mainte fois de la Peur je sens passer le vent.“

(aus dem Gedicht „Le Gouffre“, von Charles Baudelaire)

 

1

 

Ich bin für einige Tage in einem kleinen Hotel nahe Lyon, wo ich u.a. alte Interviews vom Band transkribiere, Gespräche mit David Torn, Michael Naura und David Darling. Ausserdem gefällt es mir, in die französische Sprache einzutauchen und mit meinem alten Schulfranzösisch, einem dicken Wörterbuch (Deutsch-Französisch), und einer hilfreichen Hand, eine kleine Besprechung zu Brian Enos „The Ship“ zu schreiben. Für den französischen Text erhalte ich 1500 Euro. Einen kleinen Teil davon investiere ich in die Rückübersetzung ins Deutsche. (Und all das ist zu diesem Zeitpunkt bereits passiert. Mein besonderer Dank geht an Chantal Aubry, und den Redakteur einer französischen Zeitschrift.)

Solch herausragende Werke wie „The Ship“ ziehen normalerweise ein gespaltenes Echo nach sich, weil sich eine jüngere Generation eifriger Musikjournalisten gerne an Altmeistern reibt und abgrenzt, um einem neuen Ideal von „cool“ das Wort zu reden – und der Name „Brian Eno“ allein ein ganzes Arsenal einfältiger Klischees produziert, von „Godfather of Ambient“, bis „Professor Pop“.

Womöglich sind nun bald auch einige schnell dabei, das Konzept des „Konzeptalbums“ als antiquiert zu bezeichnen, und ein Werk, das es sich auf die verblichenen Fahnen geschrieben habe, vom Untergang der „Titanic“ und den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges inspiriert zu sein, wohl etwas grosspurig und mit „progambienter“ Attitüde auftrete, aufwallend und weihevoll.

 

2

 

Nun, meine Damen und Herren, das ist alles Mumpitz. Was Sie Ende April in Händen halten, wenn sie sich für die CD oder die Vinylausgabe von „The Ship“ entscheiden, ist nichts weiter als ein zukünftiger Klassiker, obwohl ich niemanden kenne, der vehementer gegen die Kanonisierung von Kunstwerken eintritt als Eno selbst. Doch steht „The Ship“ selbst in seiner umfangreichen Diskographie einzigartig da: noch nie wurde von ihm die Liedform so radikal dekonstruiert, so beiläufig von herkömmlichen Chorus- und Refrain-Strukturen befreit. Elektronische Klangsäulen, stabil und flüchtig, punktieren den leeren Raum. Zu Anfang. Eine archaische Szenerie, ein Weitwinkelblick ins Nirgendwo, anzusiedeln zwischen „Music  For Airports“ und „Lux“. 

Der Sänger (der insbesondere als Chronist laufender, unendlich trauriger Ereignisse in Erscheinung tritt) bewegt sich, in einer raren Balance aus stoischer Ruhe und Melancholie, in den Tieftonarealen seiner Stimme, mitunter umgeben von Stimmengetaumel, Nachrichtenfetzen, und anderen Bruchstücken angeschlagener, bald verendender Lautmeldungen.

Ein moderner griechischer Chor nach der Selbstauflösung, dem alle Kohärenz (und sowieso alle Götter) abhanden gekommen ist, der sich nur noch aus verstreuten Tonaufzeichnungen speist – ein Theater der Stimmen, ein Theater der Geister: „… and so the dismal work is done” / “the empty eyes, the end begun” / “there’s no-one rowing any more, abandoned far from any shore …“

In der zweiten Grosskomposition „Fickle Sun (i) ist Enos Gesang bewegter, er scheint sich in alte Traditionen britischer Folkmusik versenkt zu haben und „channelt“ Gesänge, deren Quellen bis ins tiefe Northumbria reichen könnten. Eno und ein „sea shanty“? Oft hat es ihn aufs offene Meer getrieben: „The Radio is silent / so are we“, hiess es einst in „Julie With …“

 

3

 

Aber zurück zu „Fickle Sun (i)“: das Tempo des Gesangs bleibt gemässigt, die emotionale Wucht unterschwellig. Für das Drama sorgt die komponierte Musik, die Landschaft ringsum um die Stimme, ringsums Stimmengewirr. Wenn Sie es noch nicht geahnt haben, werter Leser, handelt es sich bei „The Ship“ um ein zeitgenössisches Lamento. In manchen Passagen ist die Musik sternenlos und bibelschwarz.

Aber nicht alles ist immenser Raum, Totenstille und Verkündung: in „Fickle Sun (i)“ taucht plötzlich, wie aus dem Nichts (man hat schon vergessen, dass es dieses Instrument überhaupt gibt, ein Effekt von Amnesie in tiefer Trance), und nur für etliche Sekunden, eine elektrische Gitarre auf, mit schlicht verstörender Dissonanz: ein Hörer könnte da leicht aus dem imaginären Sessel fallen, als hätte ein Blitz in der Nähe eingeschlagen.

Im gleichen, siebzehn Minuten langen Stück (ich verrate die Stelle nicht) zieht sich die Stille einmal verdächtig zusammen (man möge sich daran erinnern, das Atmen nicht zu vergessen), um dann zu explodieren, in einem nach Blasinstrumenten klingenden Horrormotiv TA TAA TAAA TAA TAAA TAAA TAA, das, lautmalerisch in Buchstaben verwandelt, immer etwas lächerlich wirkt, in der Dunkelheit gehört (und bitte hören Sie das Album in gut verdunkelten Räumen!) eine beträchtliche Erschütterung auslöst, jenseits von Hollywoods Soundtrackschmieden. Eno, der Expressionist.

 

4

 

Nach diesem akustischen Stromstössen irrt der Lauschende durch einen Stimmen- und Gesangspark  irrlichternder Wortfetzen, gekrümmter Vokalisen und Gemurmel aus dem Off, der einem seine Ohren spitzenden Scott Walker ein Lächeln auf ansonsten ernste Gesichtszüge zaubern würde.

Es beginnt „Fickle Sun (ii)“, eine Gedichtrezitation, die alle falsche Erhabenheit meidet, und dessen weit ausholender Wortpool erst einmal durch den „Markov Chain Generator“ gejagt wurde: in diesem Zufallsgenerator werden diverse Textquellen wild verrührt (lassen Sie sich ruhig verwirren!) – eine ordnende Hand sorgt für die letzte Fassung. Die Kunst dieses Textes besteht darin, dass der Hörer aus jeder linearen Logik katapultiert wird, und abwechselnd einen zweiten und dritten Weg ums eigene Gehirn erprobt. Weh dem, der hier nach der Bedeutung fragt. Alle Semantik erschliesst sich unter der Haut.

In der Tradition vieler Alben des englischen Klangkünstlers ist das letzte Stück vor allem der sanften Entropie zugedacht, dem offenen Horizont, der unheimlichen Sehnsucht – meisterhaft, wie ein neuer Ohrwurm für die Jukebox ihres Vertrauens, interpretiert Brian Eno den alten Velvet Underground-Song „Set Me Free“ (aus der Feder von Lou Reed). Aber auch da geht es zu keinem Moment um eine allseitige Beruhigung und billige Katharsis – es bleiben ein doppelter Boden und eine Falltür.

2016 20 Mrz

Memory Trigger

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar


Manafonistas | Impressum | Kontakt
Wordpress 4.9.2 Design basiert auf Gabis Wordpress-Templates
70 Verweise - 0,304 Sekunden.