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on life, music etc beyond mainstream

2015 18 Nov

Die Geburt des Serienjunkies

von: Jochen Siemer Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , | 12 Kommentare

The emptiness that we confess
in the dimmest hour of day
in Automatown they make a sound
like the low sad moan of prey
 
The bitter taste the hidden face
of the lost forgotten child
the darkest need the slowest speed
the debt unreconciled
 
These photographs mean nothing
to the poison that they take
before a moment´s glory
the light begins to fade …
 
(T Bone Burnett, „The Angry River“)

 
 

True Detective wirkt nach: Darsteller, Drehbuch, Bildkompositionen, Filmmusik – alles vom Feinsten. Seit Twin Peaks damals in den Neunzigern ist dies die erste amerikanische Serie, die ich mit Genuss, Hingabe und Inspiration geschaut habe. Auch Mad Men´s First Season war kürzlich ein grosses Vergnügen, nach anfänglich irrtümlichem Misstrauen, dies sei nur eine Art Stromberg-Bürowelt ins New York der Sechziger Jahre verlegt. Weit gefehlt, auch hier optischer Hochgenuss, erstklassige Schauspieler, Erzählung auf diversen zeitlichen Ebenen, originelle Filmmusik (im Abspann erklingt Bob Dylans „Don´t Think Twice“, ein anderes Mal ein netter Jazzstandard oder ein Bossa Nova). Weitere Serien werden folgen, das sei hier feierlich verkündet, denn eine neue Ära hat begonnen: mit dem Videoplayer als Festinstallation („Fest“ im doppelten Sinne). Qualitätsfilme statt Biedermannskost, Ende der televisionären Deutschtümelei: Originalversionen nun – ggf mit deutschen Untertiteln als Netz und doppeltem Boden (mit „dem Zweiten“ sieht man lange nicht so gut). Dabei nebenher Englischkenntnisse verbessern, das ist der Mehrwert oder, wie Lacan und Zizek sagen würden: das Mehr-Geniessen.

 

 
TD Season 1 – „The Angry River“ by The Hat ft. Father John Misty & S.I. Istwa (HBO)
 
„The Angry River“ (short snapshot cover, rhythm guitar track with 2 overdubs)
 
 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 18. November 2015 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

12 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Great ending of the cover version!

  2. Martina Weber:

    Der Link, den du eingefügt hast, gibt einen ziemlich guten Einblick in die Bildwelt und Stimmung der gesamten story. Erwähnt werden könnte noch ein Zeitsprung von wie vielen? sechzehn? Jahren, der allerdings durch die Veränderung der detectives erahnt werden kann. Und die sich durchziehende zweite Ebene, die der Verhöre der detectives.

    Kann da Literatur eigentlich noch mithalten?

  3. Jochen:

    Dass die Zeitebene der Verhöre, die Erzählung aus der Retrospektive, nicht der Weisheit letzter Schluss ist, sondern die Handlung sich dann plötzlich in der Gegenwart fortspinnt, ist ein Überraschungselement.

    Dieser Verdrängungswettbewerb ist mit ein Grund, warum ich mich dem Serien- und DVD-Konsum bislang verweigerte. Aufmerksamkeitsökonomie, keine Besetzung von wertvollen freien Valenzen … – nicht nur die Literatur leidet ja an dem Überangebot, sondern generell das eigene Vorstellungsvermögen.

  4. Christoph:

    Ich stimme dem voll zu, dass TD1 eine wirklich tolle Serie ist (ich habe sie bereits 2 Mal gesehen!). Leider fand ich das Ende doch sehr enttäuschend. Sehr schade. Vom Mad Men war ich auch sehr positiv überrascht. Aber, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: die Serie Nr. 1 – unangefochten und mit großem Abstand zu den oben erwähnten – ist „The Wire“. Das ist für mich moderner Dostojewski in TV-Format.

  5. Uwe Meilchen:

    Habe bei mir festgestellt, dass ich ein Buch nach dem anderen lesen kann (und es auch tue) mich aber mit dem Stillsitzen und Einlassen auf eine DVD oder gar eine ganze DVD Serie mittlerweile sehr schwer tue.

    Spaetestens nach einer halben Stunde werde ich dann „zappelig“, was aber vielleicht mit dem multi-tasking auf der Arbeit und im privaten Alltag zu tun hat. In meinem Freundeskreis ist es eher unterschiedlich: da werden Staffeln im Grosspack angeschaut und eher selten Buecher gelesen.

    Meine Freunde stehen eher staunend vor meinem Buchkonsum; und ich eher staunend, was „bei denen“ so an Serien geschaut wird. Aber Buecher lesen ist fuer mich entspannender und ich kann mich in Buechern komplett verlieren …

  6. Jan Reetze:

    Okay ihr habt mich überzeugt, ich werde es mir ansehen …

    In den normalen TV-Networks sieht man solche High-Quality-Serien nicht, es würde nicht funktionieren. Die Sender wären innerhalb einiger Monate pleite, wenn sie die Zuschauerzahlen von HBO hätten.

    Und diese wirklich gelungenen Serien wie Six Feet Under, Sopranos, Mad Men etc. sind die Ausnahme, auch innerhalb der Pay-TV-Stationen wie HBO. Etliche der Serien, die besonders in Deutschland hochgelobt werden, fand ich sehr konventionell. Fast alle, selbst Mad Men, fallen nach einiger Zeit in die Dramaturgie der Soap, in drei bis vier ineinander verzwirbelte Erzählstränge. Was am Anfang noch aufeinander bezogen ist, läuft dann nur noch nebeneinander her oder hat gewaltsame Brüche, Mad Men ab Season 5 ist ein gutes Beispiel dafür. Das kann die Musik und die Kameraarbeit nur zum Teil wettmachen. Es geht mir auch oft so ähnlich wie Uwe, ich habe die Geduld nicht mehr, diesen Serien stunden- und tagelang zu folgen.

    Ich finde auch nach wie vor, dass Bücher, Filme und Serien sehr unterschiedliche Dinge sind, die nicht untereinander kompatibel sind. Ich möchte auf keines davon verzichten.

    (Übrigens Jochen, die Schlussmusik bei Mad Men stammt immer aus dem Monat, in dem die jeweilige Folge spielt. Die Idee haben die sich zum Teil ganz schön etwas kosten lassen. Für den Beatles-Song z.B. wurden mal eben $250.000 auf den Tisch gelegt, und Dylan war auch nicht viel billiger. Interessant finde ich noch, dass da oft Musiktitel zu hören sind, die in den USA große Hits waren, die es aber nie nach Europa geschafft haben.)

  7. Michael Engelbrecht:

    „True Detective felt less like a traditional TV show or a movie and more like a musical form repeating its themes in concentric circles and patterns, specifically a fugue. It established the major themes in the first episode, and then played them in different keys.

    Always the same song, but it sounded different every time. The macro problems, like the state not keeping track of hundreds of missing children, related intimately to the more micro problems, like how Marty ignored his own daughters. As a treatise on modern masculinity, it was far from holding the pitch-black cynical view it originally seemed to endorse. In the end, True Detective pointed toward redemption.

    For all its talk about the endless cycles of evil in the ether, it ultimately offered up the possibility that the circle can be broken. All it takes is self-awareness, the desire to change, and maybe a little bit of Carcosian comet pixie dust. Maybe we were just in a psychotropic fugue state induced by the show, but that seems like a pretty beautiful, well-rounded ending to me. L’chaim indeed, True Detective.“

    This is what Molly Lambert wrote about the ending of the show, and I wholeheartedly agree … The musical analogy is well observed, too.

  8. Michael Engelbrecht:

    Die Geduld, die man braucht, einem Buch oder einer Serie tagelang zu folgen, ist selbst eine hinterfragbare Grösse.

    Es gibt sicher persönliche Vorzüge, mitunter, aber wenn ein dicker Wälzer, oder eine auf mehrere Staffeln angelegte Serie, einen „völlig packt“, ist Geduld gar nicht mehr gefordert. Da lesen sich die Seiten von selbst, taucht man in die Welt von (besipielsweise) JUSTIFIED ein, als gäbe es kein Morgen.

    THE WIRE: da brauchte ich Geduld, weil alles extrem langsam inszeniert wurde und Staffel 1, neben einem Intensivkurs in amerikansichem Slang, etliche dramaturgische Hänger hatte. Ich las zwar, und verstand, was an dieser Serie so beeindruckend ist, aber ich musste jede Menge GEDULD aufbringen, um nicht vor dem Ende der ersten Staffel die Segel zu streichen.

    MAD MEN: da musste ich mich auch an das langsame, „europäische“ Erzähltempo gewöhnen, und ich dosiere diese sieben Staffeln seit Jahren so, dass ich gerade erst bei Folge 3 der finalen Season gelandet bin. Und bis jetzt hauen mich einzelne Folgen um, und ich versinke in einer „geduldigen Trance“. Jan, die Folge mit dem teuer gekauften Beatles-Song und dem dabei abgebildetetn LSD-Trip war exzellent. Oder die Folge 3 der siebten Staffel: wow! Don Draper lost in his office.

    Wenn ich in den Serienrausch gerate, dann sehe ich parallel keine Extras zum Film, höre mir keine Audiokommentare an, bewege mich überall, aber nicht auf einer Metaebene, und versinke in meinen favorisierten Serien so sehr wie einst, als Jugendlicher, in Dostojevski, Verne, Conan Doyle, Blyton, Capote oder „überlangen“ Mahlersymphonien.

    Hier die ehrliche Liste meiner 5-Sterne Serien, von denen ich ernsthaft behaupte, dass sie meine Wahrnehmungsfelder erweitert haben:
     
    JUSTIFIED 1-6
    SOA 1-6
    LOST 1-6 (Geduld nur bei einzelnen Folgen von 5 nötig:))
    THE RED ROAD
    THE AFFAIR 1
    HOMELAND 1-3
    BLACK SAILS 1-2
    FARGO 1
    RAY DONOVAN 1-2
    BANSHEE 1-2
    MAD MEN
     
    Patti Smith hat einen Narren gefressen an englischen „crime series“ a la Broadchurch. Da gibt es tatsächlich auch einige tolle Entdeckungen, neben Broadchurch zum Beispiel NO OFFENCE oder IN THE LINE OF DUTY.

    In an immersive experience the virtue of patience is of no importance at all.

  9. Michael Engelbrecht:

    Ich schaue so gut wie kein Fernsehen mehr, und von Kinofilmen erwarte ich mittlerweile, dass sie so gut sein sollten, dass ich sie wieder und wieder sehen kann …

    Das gilt in letzter Zeit für:
     
    A MOST VIOLENT YEAR
    WHIPLASH
    EX MACHINA
    IT FOLLOWS
     

  10. Michael Engelbrecht:

    Patti Smith liebt bekanntlich die neuen britischen Serien …

    Und, in der Tat, gegenüber deutschen Retro-Übungen, hat das britische Serienformat einige Highlights zu bieten:
     
    THE FALL
    IN THE LINE OF DUTY 1+2
    NO OFFENCE
    BROADCHURCH 1+2
    HINTERLAND
     
    Zum Beispiel …

  11. Jan Reetze:

    Michael, dass Serienplots auseinanderfallen und es trotzdem ganz hervorragend dargestellte Einzelmomente gibt, steht außer Frage. Der LSD-Moment in Mad Men ist sicher so einer. Wobei ich allerdings das eigentlich Bemerkenswerte darin gesehen habe, dass die nicht versucht haben, den Trip irgendwie optisch oder akustisch nachzustellen, wie das tausend schlechte Filme schon gemacht haben, sondern dass sie die *Konsequenz* zeigen: dass sich Roger und seine Frau trennen, weil ihnen der Trip klarmacht, dass sie nicht zusammengehören.

    Da hat im Autorenteam offenkundig jemand gewusst, wovon er schreibt. Wenn ich dann aber auf der anderen Seite sehe, wie mit Joan eine Figur zugunsten eines einzigen Spannungsmomentes in die Pfanne gehauen wird, dann zweifle ich doch wieder an der Kompetenz des Showrunners (ich meine die Folge, in der sie mit einem wichtigen Kunden ins Bett steigen soll und dies tatsächlich tut, obwohl die Joan, die wir bis dahin in allen Folgen kennengelernt haben, das im Leben nicht täte).

    Manchmal braucht man den langen Atem aber auch. Six Feet Under z.B. muss man tatsächlich bis in die letzte Staffel und die letzte Folge verfolgen, um zu erkennen, dass die Serie von Anfang an auf Claire zugeschrieben ist und auf diesen Schluss hinarbeitet. Das hinzukriegen, obwohl im Prinzip sogar jede Folge einen in sich geschlossenen Erzählstrang verfolgt, das ist schon große Kunst.

  12. Michael Engelbrecht:

    Stimme dir in fast allen Dingen zu. Aber, doch, die Sache mit Joan fand ich überzeugend: sie kämpfte mit sich, sie haderte, aber sie hatte schon da den Traum, die Karriereleiter hinaufzufallen. Vielleicht ist dein Bild von Joan zu romantisch :) – sie passt sich mehr an, zahlt dabei einen Preis.


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