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2015 27 Okt

Mittendrin

von: Jochen Siemer Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  | 4 Kommentare

Gute Serien und Filme zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen mitnehmen auf eine virtuelle Reise. Sie enthalten bestenfalls Essenzen und Aspekte, die auch das eigene Leben betreffen: Identifikationspunkte, Anregungen. Gleich drei cinematografische Ereignisse, die das Niveau hausbackener Fernsehproduktionen bei weitem übersteigen, galt es jüngst zu verköstigen: den grossartigen Mr. Turner, das atemberaubende Salz der Erde von Wim Wenders, und nun endlich True Detective. Sofort stellt sich der Suchtfaktor ein und man fragt sich schon beim Schauen: „Was soll da noch kommen, wenn dieser visuelle Staffellauf beendet ist?“ Parallen zu Twin Peaks sind deutlich, aber diese Serie setzt in mancher Hinsicht noch eins drauf, als verschachtelte Erzählung zweier Cops, die den crime plot, wie so oft bei guten Thrillern, nur als Aufhänger nimmt für Tiefergründiges. Sansibar oder der letzte Abgrund. Das ist auch ein Männerfilm, der zwei Archetypen charakterisiert und von deren Spannungsgefüge lebt: zum einen der konforme Ehemann und Familienvater, zum anderen der Steppenwolf, das triebhafte (Un-)Tier, der mysanthropische Philosoph, der ewige Eigenbrödler. Allein die Szene, in der er mit seiner ihm angeheirateten Ärztin vor dem Fernseher sitzt, sie die Fernbedienung in der Hand, er mit oskarwürdigem Blick ins Leere: The Story is over, Baby. Heute abend erstmal Entzug, Methadonprogramm DFB-Pokal: Bayern gegen Wolfsburg. Den Stoff strecken, damit man länger etwas davon hat. Denn ob die zweite Staffel gut ist wie die erste, das steht noch dahin. Wusste ich es doch: das Suchtpotential von Serien ist nicht ohne – und unsereins jetzt mittendrin, im Südstaatensumpf.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 27. Oktober 2015 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

4 Kommentare

  1. Martina Weber:

    Ah, hat es dich auch erwischt, Jochen. Von den drei von dir genannten Serien kenne ich nur die erste Staffel von True Detective, habe sie vor einem Jahr in einer Ferienwohnung in Dubrownik gesehen, original ohne Untertitel. Den Stoff strecken, ist eine gute Herangehensweise. Du wirst überrascht sein, was der Steppenwolf am Ende über seine geheimen Wünsche sagt.

  2. Jochen:

    Ohne Untertitel, Martina? Respekt! :)
     
    Mr. Turner ist ein Kinofilm über den englischen Maler William Turner. Salz der Erde, Wim Wenders´ aktuelles Werk, ist ein Porträt über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. True Detective ist die erste Serie, die ich mit Genuss zuhause auf DVD schauen werde (Mad Men hatte ich dereinst abgebrochen, weil: uninteressant).

  3. Michael Engelbrecht:

    Über Mad Men liesse sich trefflich streiten: wunderbare Serie :)

  4. Martina Weber:

    Jochen, der DVD-Rekorder in der Ferienwohnung war eine Katastrophe. True Detective war auf französische Sprache eingestellt und der Vermieter war eine Weile damit beschäftigt, die englische Sprache einzustellen. Aus Höflichkeit haben wir dann auf die Einstellung der Untertitel verzichtet. Es war also nicht ganz freiwillig ;)

    Normalerweise schaue ich gern mit Untertiteln. Ich halte dann auch oft an und schreibe mir viel auf. Das ist ein cooles Sprachtraining. Kein Bücherwissen, du hörst, wie die Leute wirklich reden. Bei Twin Peaks scheint mir die Sprache sehr ausgefeilt zu sein. Da gibt es meistens vollständige Sätze, und Dale Cooper spricht sehr gewählt. Bei True Detective wird sehr viel genuschelt. Die Sons of Anarchy sind auf ähnlichem Niveau, eher noch schwieriger, soweit ich das bisher beurteilen kann, ich bin noch sehr am Anfang. Viele Fachbegriffe, viel Slang. Und in der ersten Staffel von The Wire gab es keinen Satz ohne „Fuck“.

    Über Turner habe ich in der Oberstufe in Kunst mal ein Referat gehalten. Ich erinnere mich an das Gemälde mit der Eisenbahn, reine Geschwindigkeit. Vom Thema her würde mich der Fotograf eher interessieren.

    True Detective ein Männerfilm? Nun, im Unterschied zu Homeland sicherlich. Nun bin ich aber auch nicht der Typ, die in einen Film mit dem Titel „Drei Schwestern“ gehen würde.


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