Manafonistas

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2015 17 Aug

Eine Geschichte mit George Duke

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | Comments off

Auf dem Küchentisch das volle Glas Milch. Nur eisgekühlt und auf ex konnte ich Kuhmilch halbwegs geniessen. Abends trank ich so ein Glas manchmal, damit das Bier oder der Wein am nächsten Morgen keinen Kater verursachten (eine Flasche „Kleinwintersheimer Geiershölle“ hatte es in sich). Aber morgens, das war eine Ausnahme. Vielleicht „Nachdurst“. Auf dem Kühlschrank stand ein Radio-Kassettenrecorder, und ich setzte mich an den Tisch und berauschte mich an Frank Zappa. Ich hatte seinen Auftritt von der Isle of Wight mitgeschnitten, George Duke spielte ein atemraubendes E-Piano, die Zappa Band legte eine fulminante Version von „The Grand Wazoo“ auf die Bühne. Um die Zeit herum hörte ich einmal in der Stadt eine Schallplatte von George Duke, die auf dem Kunstkopfhörer ausserordentlich klang – der damals moderne Fusion-Jazz mit Tasteninstrumenten und Synthesizern entfaltete sich um den Kopf herum, dass es eine Pracht war. Ich zweifle daran, ob George Duke jemals eine auftegendere Platte gemacht hat als diese mit dem Titel „Faces in Reflection“ (1974). Lassen wir die Sidemen-Aktivitäten dabei mal ausser Acht. Kürzlich erschien eine Prachtbox für Vinylisten, die alle sieben Soloalben von George Duke für das Schwarzwald-Label MPS aus den Jahren 1973 bis 1976 vereint. „The Era Will Prevail“. Kostenpunkt 169 Euro. Klanglich war MPS für exzellente Tonqualitäten bekannt, und meine meistgespielte Platte des Labels war eine von Don Sugarcane Harris. Nur, George Duke war immer auch ein Mann für den „smooth jazz“, den longdringtauglichen Mix aus Funk, Soul, Pop und Jazz. Da gab es ja noch einen Spezialisten für Kerzenlicht, Martini rosso und Barhocker, wie hiess dieser Softie noch, ja, genau, Grover Washington Jr. Ha, eine seiner erfolgreichsten Platten war „Winelight“, und die ist so samtweich, dass man sie als dämmeriges Glanzstück des „smooth jazz“ durchaus geniessen kann. Statt der „Zigarette danach“. Ich schweife ab. Ich glaube, George Duke hat bei MPS die besten Platten seines Lebens gemacht, aber inwieweit mich das  ganze Paket heute noch fesseln würde, keine Ahnung, leichte Zweifel. Später behauptete mein Jazzchef einmal felsenfest, ich hätte doch einmal ein feines Porträt über George Duke gemacht, aber ich war mir sicher, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Ich hätte aber Lust, wenn nicht mit Kunstkopf, so wenigstens mit einem Plattenspieler, „Faces In Reflection“ wieder einmal zu hören, gerade nach so langer Zeit. Vielleicht auch das Vorgängeralbum „Feel“. Das Glas Milch war schnell ausgetrunken, George Dukes langes Solo bei Frank Zappa verklungen, und ich legte eine andere Kassette ein, „Lord of the Rings“, von Bo Hansson. Das war nie verkehrt in meiner wirren Teenagerliebeswelt.

 
 
 

 

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