Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2015 28 Feb

Traeume kosten keinen Pesos

von: Lajla Nizinski Abgelegt unter: Blog | TB | 5 Kommentare

 

 
 
 

Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt von der Wirklichkeit in die Kinowelt. Man verlaesst nach 117 Minuten das Kino, geht ueber einen Zebrastreifen zwischen den seltsamen Ampelmaennchen und denkt, man ist immer noch im Film. In einem anderen Film duengte man sich, als vor Jahren der Leipziger Buchpreis verliehen wurde. Beim Verlesen des Namens des Gewinners traute die Salonpersonnage aus der Oberstadt wohl ihren Ohren nicht, als das Schmuddelkind hochsprang, mit Pulle in der Hand, nach vorne aufs Podium stuermte und vor Freude schwitzend hervorstiess: ich freue mich ja so wahnsinnig. Das war Clemens Meyer mit seinem Roman Als wir traeumten. Nun hat ihn Andreas Dresen verfilmt. Ich habe ihn gestern in der Schauburg in Dresden/Neustadt gesehen. Das ist kein Wendefilm, so geht es heute auch in der Bunten Republik Neustadt zu. Besoffene pruegeln sich mit Kiffern – ueberall sind Kameras angebracht, um die Taeter schneller zu stellen. In dem Film versuchen sich 5 Jungs und eine schwarzhaarige, hinreissende Bella Ruby o’Fee an der ersten Liebe und am Leben ueberhaupt in den fruehen 90ern. Der Technobeat haut um sich, alle scheitern bis in den Drogentod oder fahren ein. Vollkommene Ratlosigkeit der Protagonisten – „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ – laesst sie auf alles einschlagen: Autos, Gangmitgliedern und am Schluss auf die eigenen Freunde. Kleine witzige Einlagen ueber die Aktualitaet von Pegida gelingt Dresen hervorragend einzufuegen, wenn er z.B. einen Lehrer seine Schueler warnen laesst: „Geht nicht auf die Bruecken, wo die Demos sind, die stuerzen ein.“ Harter Film mit aussichtslosen Lieben.

„Ruby, Don’t Take Your Love to Town“ from The Killers. That fits.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 28. Februar 2015 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

5 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Ich habe deine Besprechung verschlungen, sie ist so erhellend, und der reine Lesespass … aber warum sollte ich mir diesen Film geben?

    Er hätte für mich null Erkenntnis- und Sinnwert. Den Zusammenfall der Gegensätze präsentiert für mich der Film, den Sophie Coppola, glaube ich, über reiche Kids in den USA gemacht hat, die in die Villen der Superreichen einbrechen. LOST IN TRANSLATION war ein grosser Film, aber dieses Machwerk über sinnbefreite Teenager, Bling Ring, oder wie heisst er, war der letzte Mist.

    Demgegenüber ist dieser deutsche Film sicher gut als Aufklärungs- und Diskussionsfilm im Sozialkundeunterricht.

  2. Lajla Nizinski:

    Ruby muss man gesehen und gehoert haben :)

  3. Michael Engelbrecht:

    Ich habe ein paar schöne Kinostunden verbracht mit zwei Dresen-Filmen: HALBE TREPPE, und SOMMER VORM BALKON.

  4. Ulrich Kriest:

    Lajla, bist du sicher, dass es sich dabei um Anspielungen auf Pegida handelt? Der Film spielt ja auf zwei Zeitebenen – und auf einer davon ist die DDR noch existent. Ich habe das als Anspielung auf „89“ verstanden. Was der Film im Gegensatz zum Buch nur behauptet, aber nicht zu zeigen vermag, ist das Moment großer Freiheit, das mit dem Zusammenbruch des Systems einhergeht. Hier wird immer nur gebrüllt, gerannt und geprügelt. Fand ich etwas doof auf Dauer, diese Jungschauspieler, die glauben, sie werden jetzt von der Leine gelassen.

  5. Lajla Nizinski:

    Sorry Ulrich, dass ich erst jetzt antworte.

    Ja, wenn du aus der Perspektive der DDR Zeiten denkst, dann ist es nur das dumpfe „Wir sind ein Volk“ Geschreie, das ja auf/s den Montagsdemos entstanden ist. Wenn du aus der Perspektive von Dresen denkst, dann ist es sicher eine Anspielung auf Pegida.


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