Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2014 30 Jul

Martina sortiert ihren Plattenschrank (4)

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , | 6 Kommentare

Aber selbstverständlich ist es auch identitätsstiftend, Gregor, den Musikgeschmack aus der Vergangenheit kritisch unter die Lupe zu nehmen und das nicht Passende (vielleicht sogar: das noch nie Passende oder mindestens: das nicht hinreichend Passende) beiseite zu legen. Im Unterschied zu wahrscheinlich allen anderen Manafonistas habe ich leider nicht schon mit zwölf damit begonnen, die Schallplatten zu entdecken, die mich wirklich berührt haben. Wer weiß, ob mein Leben dann sogar anders verlaufen wäre, weil andere Seiten in mir gestärkt worden wären und ich ein paar andere Entscheidungen getroffen hätte.

Ebenfalls in der Ecke der fast vergessenen Tonträger: Suzanne Vega. Es gibt für mich Musik, die sehr direkt mit bestimmten Zeiten oder Situationen verbunden ist, und es gibt solche, die losgelöst und irgendwie zeitlos ist. Suzanne Vega zählt ganz klar zur ersten Sorte. Ich muss nur ein paar Takte von ihr hören, da kommt auch gleich wieder so eine melancholische Stimmung auf, durch die ein paar zarte lebensbejahende Fäden durchschimmern, und manchmal auch etwas Sozialkritisches. Suzanne Vega hörte ich im Studentenwohnheim. Es waren zwei Hochhäuser zu je 15 Stockwerken mit insgesamt etwa 900 Bewohnerinnen und Bewohnern. So viele wie ein kleines Dorf. Nicht alle waren Studierende, denn in Zeiten knappen Wohnraums gab es einen boomenden Schwarzmarkt. Da wohnten ein paar ägyptische Passhändler, immer geschäftig in ihren weißen Hemden und Berufstätigenhosen, und ab und zu saßen Obdachlose in unserer Küche und benutzten unsere Dusche, denn man gelangte ohne Schlüssel in die Stockwerke. Als ich die meterlange Reihe von Briefkästen zum ersten Mal sah, war ich schockiert. Die Zimmer auf der Westseite hatten einen Blick auf die A 66. Es war aber romantisch, wenn das warme Licht der untergehenden Sonne auf die Regalreihe mit den Suhrkampbüchern im Zimmer von S fiel und wir nachts Pink Floyds „Wish You Were Here“ auflegten und harmlose Drogen nahmen. Die Sache wurde kompliziert, sowohl S als auch P waren aus den Zwillingstürmen gezogen, ich fühlte mich in meinem Erdgeschosszimmer mit Blick auf die Müllpressanlage etwas zurückgelassen, andererseits allein auch stärker.

 
 
 

 
 
 

Es sind Songs, die sich ziemlich schnell erschließen, die konventionell gebaut sind. Es gibt wenig Überraschendes, und selbst das bemerkenswerte Rhythmusgefühl wird nach kurzem Zuhören berechenbar. Ein Lied, das mich damals aufhorchen ließ, weil es ohne Instrumentalbegleitung auskam und weil ich Suzanne Vegas Stimme immer mochte, ist Tom´s Diner.

 
I am sitting
In the morning
At the diner
On the corner

I am waiting
At the counter
For the man
To pour the coffee

And he fills it
Only halfway
And before
I even argue

He is looking
Out the window
At somebody
Coming in …

 
(Fortsetzung zum Mitsingen unter Kommentar 3)
 

Kein Wunder, dass man sich nicht von verlorenen Liebschaften lösen kann, wenn man diese Musik hört.

Sehr zeitlos dagegen, für mich: „Trespass“ von Genesis. Was hier seit Tagen läuft. Songs, die ich immer nur allein gehört habe und die mit niemandem verknüpft sind. So ein trotziges „Nobody needs to discover me” baut doch gleich mehr auf als die geheimnislosen Texte der Suzanne Vega. Nein, Freunde, ich habe keinen Liebeskummer. Ich sortiere nur meinen Plattenschrank.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 30. Juli 2014 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

6 Kommentare

  1. Martina Weber:

    Und hier geht es zu den Lyrics von Genesis. Trespass.
    http://lyrics.rockmagic.net/lyrics/genesis/trespass_1970.html

  2. Uwe Meilchen:

    Ja genau, GENESIS ! Ich habe mich, Anfang der 1980iger von den aktuellen, fuer die Charts parat gemachten Alben mit Phil Collins dann Album fuer Album zurueckgearbeitet bis ich bei deren ersten Album „From Genesis To Revelation“ angekommen war !

    Wobei mir einfaellt dass ich das „The Lamb Lies Down On Broadway“ Album auf CD doppelt habe — ist eine Doppel CD und die wuerde ich, falls Du das ALbum noch nicht hast und gerne in dein Regal stehen moechtest, gerne an Dich abgeben ! You tell me! .-D

  3. Michael Engelbrecht:

    “It is always
    Nice to see you”
    Says the man
    Behind the counter

    To the woman
    Who has come in
    She is shaking
    Her umbrella

    And I look
    The other way
    As they are kissing
    Their hellos

    I´m pretending
    Not to see them
    Instead
    I pour the milk

    I open
    Up the paper
    There´s a story
    Of an actor

    Who had died
    While he was drinking
    It was no one
    I had heard of

    And I´m turning
    To the horoscope
    And looking
    For the funnies

    When I´m feeling
    Someone watching me
    And so
    I raise my head

    There´s a woman
    On the outside
    Looking inside
    Does she see me?

    No she does not
    Really see me
    Cause she sees
    Her own reflection

    And I´m trying
    Not to notice
    That she´s hitching
    Up her skirt

    And while she´s
    Straightening her stockings
    Her hair
    Is getting wet

    Oh, this rain
    It will continue
    Through the morning
    As I´m listening

    To the bells
    Of the cathedral
    I am thinking
    Of your voice …

    And of the midnight picnic
    Once upon a time
    Before the rain began …

    I finish up my coffee
    It´s time to catch the train

  4. Michael Engelbrecht:

    Ich habe eine Geschichte mit einem Genesis-Album, Foxtrot. Zeitlos? Eher nicht.

    Es erschien im Oktober 1972, ich muss es im folgenden Frühling und Sommer fast exzessiv gehört haben (wie Lord of the Rings von Bo Hansson). Im 17. Jahr.

    Denn ich erinnere mich an sehr warme Temperaturen, einen Urlaub in Berchtesgaden, eine tragikomische Zugreise in den Schwarzwald, eine unerreichbare Schöne (die Mutter eines Urlaubsfreundes) – diese lyrische, experimentierfreudige Musik war irgendwie immer dabei. Traumstoff.

    Die frühen Cover von Genesis erzählten die Geschichten der Musik mit.

  5. Gregor:

    „Aber selbstverständlich ist es auch identitätsstiftend, Gregor, den Musikgeschmack aus der Vergangenheit kritisch unter die Lupe zu nehmen und das nicht Passende (vielleicht sogar: das noch nie Passende oder mindestens: das nicht hinreichend Passende) beiseite zu legen.“

    Über den Satz gilt es nachzudenken … Mit dem Beiseitelegen habe ich so meine Probleme, zugegeben, da Musik für mich aber immer nicht nur identitätsstiftende, sondern sogar wirklich zum Überleben helfende Funktion hatte und hat, fällt es schwer, etwas beiseite zu legen. Aber das ist vielleicht ein Thema für Sylt.

  6. Martina Weber:

    @ Uwe: Danke für das tolle Angebot. Ich habe das Album aber schon als Doppel-LP.

    @ Gregor: Nun, ich würde auch nicht Genesis oder Pink Floyd entsorgen, nur weil eine unglückliche Geschichte damit verknüpft ist. Suzanne Vega war mir, wie ich zeigen wollte, nie so nah. Deshalb sortiere ich ja meinen Plattenschrank. Für mich ist das Loslassen wichtig. Ich wäre jetzt sogar in der Lage, die Romane von Paul Auster loszulassen, und einige von ihnen haben mir wirklich sehr viel bedeutet. Es macht frei, nicht mehr in die Vergangenheit zu schauen.


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