Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Es war eine Zeit, in der die Kakteen interessante Schatten warfen in der leergeräumten Wohnung. Sie hatte gerade so viel mitgenommen, dass der Begriff Leere eine neue Bedeutung in meinem Leben bekam. Die erste Frau, die danach über eine Nacht blieb, hiess Julia und erzählte von ihrem Freund, einem Jazzdrummer, der eine hypochondrische Angst hatte, sein Augenlicht zu verlieren, weil seltsame Glaskörper durch seine Pupillen schwammen. Am Morgen nach der einzigen Nacht mit Julia klingelte der Postbote einmal, und ich lief voller Erwartung zur Tür, erwartete ich doch Post aus Unterlüß, und da war es, das neue Album von Brian Eno, “Music For Films”. In den folgenden Jahren, das heisst, bis heute, hörte ich es vielleicht eintausendzweihundertdreiundreissig mal; eine Werbung von Polydor in der “Sounds” hatte die Langspielplatte beworben mit der Überschrift “Der Mann im Hintergrund”. Ich legte die Musik auf, und die Leere in meiner Wohnung im 7. Stock gewann eine weitere, diesmal betörende Qualität hinzu. Julia mochte die Musik auch und verliess meine Wohnung und mein Leben.

In der Zeit fuhr ich mit einem Freund öfter ins “Act” nach Weissenohe (oder so ähnlich), das war ein Wallfahrtsort mitten in der Fränkischen Schweiz, wo mal en passant Ultravox spielten, Kevin Coyne oder Robert Fripp´s The League of Gentlemen. Fripp liess ich mir nicht entgehen. Auf dem Hinweg zu der umgebauten Scheune im Hinterland hörten wir einen Meilenstein, von dem Easy Ed und ich damals schon wussten, dass es ein Meilenstein werden würde, “Colossal Youth” von den Young Marble Giants. Robert Fripp war gut gelaunt, und seine Wave-Kapelle rockte den alten Kuhstall. Als ein Hörer Robert Fripp bat, doch etwas aus sich herauszugehen und den Schemel zu verlassen, auf dem er sass, entgegnete Fripp: – I have to sit. I´m only a limited guitar player. Süße Duftschwaden füllten den Raum, nicht lange danach machte die Polizei diesen dezenten Drogenumschlagplatz dicht.

1982 sah ich Herrn Fripp wieder, diesmal in dem alten Nürnberger Stadion, mit 30.000 Festivalbesuchern an meiner Seite, mit Anna und an einem verdammt heissen Sommertag. Mein kleines Woodstock. Anna, meine Geliebte, hatte Lust, das Wochenende in einen französischen Film zu verwandeln. Wir hörten Fripps revitalisierte Ausgabe von King Crimson, mit Adrian Belew, Tony Levin und Bill Bruford. “Discipline” war kurz zuvor erschienen. Diese heisse Scheibe, liebe Zeitreisende, ist vor zwei Jahren in einer exzellenten Edition neu aufgelegt worden, incl. Videos von damals und einem tollen 5:1-Mix. Obwohl der Fripp-Faktor auf dem Album hoch war, brachte Belew auch etwas vom fiebrigen Geist der Talking Heads ins Spiel. Anna lieferte spät abends, in Nürnberg City, nach Neil Young und seinem Exorzismus namens “Cortez the Killer”, tatsächlich eine großartige Darbietung ab, eine femme fatale wie einem Pariser Kinostreifen von Jean Pierre Eustache entsprungen, in dem dann doch mal mehr gevögelt als geredet wurde. Der Blick von unserm Hotelfenster ging auf den Rathausplatz. Der Blick war weniger Paris und mehr Rüdiger Vogler in dem Wenders-Film, in dem der gelockte Hippie auf die Altstadt von Husum schaute und die Troggs auf seinem Plattenspieler liefen. Als wir am nächsten Mittag aufbrachen, lief im Auto wieder, ich weiss es noch genau, “Colossal Youth” von den “Young Marble Giants”. Weil Benzin unbemerkt aus dem Tank lief, schleuderte mein Auto in einer Kurve im Uhrzeigersinn. Drei Monate später waren wir Geschichte. These were the days.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 30. April 2014 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

1 Kommentar

  1. Uwe Meilchen:

    There’s an extensive interview covering over 30 pages with Adrian Belew in the latest edition of Guitar Connoisseur magazine.

    http://guitarconnoisseur.com/

    The interview starts at page 94.


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