Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Was ist schon Verwerfliches dabei, als erfolgreicher Fotograf im besten Alter in einem großen Appartement mit Blick auf die Düsseldorfer Rheinwiesen zu wohnen, von attraktiven, humorvollen und intelligenten Frauen umschwärmt zu werden, Cabrio zu fahren, Tag und Nacht die großartigste Musik der Welt zu hören und den kleinen ehrgeizigen Studentinnen, die noch an eine Wahrheit glauben, zu erklären, dass es hinter der Oberfläche, hinter den Bildern nichts gibt? Solang es okay ist, ist es okay. Wenn er dann aber nach einem Beinahe-Unfall, der wahrscheinlich tödlich geendet hätte, ins Grübeln gerät, ist es vielleicht Zeit für etwas anderes. So geht es Finn, gespielt von Campino, dem Sänger der Toten Hosen, in Wim Wenders´ Film „Palermo Shooting“. Wovor hast du am meisten Angst? Finn, der immer in Bewegung ist, immer unter Strom, hält inne, geht in eine Kneipe und drückt auf ein paar Tasten der Jukebox.
 
 
 

 
 
 
Als er am nächsten Tag auf dem Rhein einen Frachter mit der Aufschrift „Palermo“ sieht, beschließt er, dahin zu reisen, ohne Plan. Vielleicht war die Ziellosigkeit seine größte Angst. Sich fallen lassen. Kontrolle abgeben. Bilder aufnehmen, ohne sie später zu bearbeiten. Zuhören. Vielleicht einmal selbst eine Frage stellen. Das ist nicht leicht. Finn läuft mit einer 20 Jahre alten Nikon durch die Gassen Palermos, immer die Ohrhörer drin. Ständig ist er müde, er schläft überall ein, kurze, bildreiche Träume, er trägt seine tote Mutter auf dem Rücken, er schreitet durch Katakomben, wo Menschen in Reihen beerdigt worden sind, es treffen ihn immer wieder Pfeile aus Glas, der Tod schreitet im Kapuzenmantel vorbei. Einmal, als Finn aufwacht, wird er von einer Frau mit Bleistift portraitiert. Die ernsthafte Flavia (Giovanna Mezzogiorno) arbeitet als Restauratorin seit Jahren an einem Fresko und macht sich Gedanken über das Gesicht des Todes. Glücklicherweise wird die Beziehung zwischen den beiden niemals kitschig. Schließlich begegnet Finn dem Tod (in Gestalt des Dennis Hopper) und es gelingt ihm, mit ihm zu sprechen und auf ihn zuzugehen.
 
Wenders hatte auch für diesen Film kein Drehbuch. Die Dramaturgie entwickelt sich aus den Figuren heraus. Zufälle. Und wie sie sich im Raum begegnen. Die alte Pfandleihanstalt, Escher´sche Treppenhäuser. Ein Schaf, das wegläuft, bevor Finn es fotografieren kann. Immer wieder wacht er auf. Traumlogik. Teilhabe an einem Lebensgefühl. Studie eines Gesichts, wie es sich wandelt. Es geht eben nicht darum, alles zu kennen, alles zu wissen.
 
„Palermo Shooting“ ist nicht zuletzt auch ein großartiger Musikfilm.
 
Die Musikauswahl liest sich ungefähr so:

 
 
– Nick Cave
– Velvet Underground
– Can
– Bonnie Prince Billy (Death to Everyone)
– Iron & Wine
– Calexico
– Beirut (Postcards From Italy)
– Beth Gibbons & Rustinman: Mysteries
 
 
Welche Tasten würden Sie heute drücken?
 
 
 

 
 
 
Ach, übrigens mag ich keine Entweder-Oder-Fragen.
 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 3. März 2014 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

5 Kommentare

  1. Uwe:

    So wie Du den Film schilderst scheinst der Film doch ganz sehenswert zu sein! Mich hat die die Tatsache, dass die Hauptrolle mit Campino besetzt wurde bisher vom Anschauen des Films abgeschreckt.

    Und: Irmin Schmidt hat auch seinen Teil zum Soundtrack beigetragen. (Fuer die Zusammenstellung eines guten Soundtracks hat Wim Wenders seit seinen ersten Kurzfilmen, die er mit Musik von den KINKS unterlegte generell ein „gutes Haendchen“!)

  2. Martina:

    Echt, so etwas schreckt dich ab? Der Film ist absolut sehenswert, Uwe. Vielleicht muss man in der richtigen Stimmung dafür sein, also aufgeschlossen für etwas Tiefsinniges. Wegen seiner Besetzung mit Campino hat Wenders einiges an Kritik einstecken müssen. Finn ist schon sehr zentral, weil der Film auch mit dem inneren Monolog arbeitet. Es wäre auch interessant, den Film mit einer anderen Besetzung zu sehen.

  3. Michael Engelbrecht:

    Wo ist das Problem mit Campino? Der hat doch den wunderbaren Bayern-Song komponiert!

  4. Sabine:

    Welche Dukebox-Taste würde ich heute drücken?
    Heute ist noch lang. Eben gerade erstmal Calexico. Danach vielleicht Zebda oder Schubert – die gibt´s doch bestimmt auch in der Dukebox, oder?

  5. Martina:

    Klar, Sabine, ist alles drin.


Manafonistas | Impressum | Kontakt
Wordpress 4.9.2 Design basiert auf Gabis Wordpress-Templates
50 Verweise - 0,204 Sekunden.