Manafonistas

on music beyond mainstream

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Archiv: Juni 2012

Träum ich oder wach ich? In Orange, Provence, übernachtet. Am frühen Morgen nach Avignon aufgebrochen. Vor dem Stadtbummel eine große Wiese mit Fluss entdeckt, und trotz früher Stunde einen Caipirinha zubereitet. Für einen Cocktail nehme ich 3 cl Zuckerrohrschnaps (Cachaca), eine Limette (in Achteln) – ein Lob meinem Schweizer Messer; zwei Teelöffel brauner Zucker, sowie gecrushtes Eis, das mir die Frühstückslady in meiner Herberge mit auf den Weg gab. Die Limette in Achtelstücke schneiden, in ein Longdrinkglas geben (kein Toyota ohne Longdrinkglas!), und den braunen Zucker darüber streuen (in Brasilien wird weißer Zucker verwendet). Die Limettenstücke sodann mit einem Holzmörser gut zerdrücken, und mit dem Zucker vermischen; anschließend den Zuckerrohrschnaps drübergießen, das Glas mit gecrushtem Eis auffüllen. Gut mischen! Wer’s “härter” mag, kann bis zu 6 cl Zuckerrohrschnaps nehmen. Ich süffele den Drink genüsslich, gut, dass ich einen kleinen Eisschrank im Wagen habe, die Japaner bieten gute Extras an. Im Cd-Player läuft heute non stop CARRINGTON STREET von Adele Pickvance und Glenn Thompson. Eine kleine Sommermusik, die mit ihrem dezenten Charme und gewitzten Texten so viel mehr Zauber versprüht als manch angesagte Neuerscheinung. Die Schwarzweissbilder des Albums sind alle in Marrickville entstanden, scheint eine alte kleine Stadt zu sein, wo immer auch in Australien. Glenn und Adele wirken wie Zeitreisende in die Sechziger Jahre auf diesen Fotos. In dem Lied, das davon handelt, im Traum ein Sperling zu sein (und von viel mehr, in knapp bemessenen Worten), heißt es an einer Stelle: “You like to shop in Mitte, and luncheon at Ho Vang, and you bought your cake from Lindner, from the lady with no bra”. Mittlerweile ist der Caipirinha im Blutkreislauf angekommen, der Kopf wird leichter und schwebt über den Fluss. I dreamt I was a sparrow.

German music magazine Fono Forum is impressed by Garth Knox’ Saltarello:

“Wenn sich der ehemalige Bratschist des Arditti-Quartetts mittelalterlichen Weisen widmet, Traditionals ausformuliert, um ihre tänzerischen Melodien zum Klingen zu bringen, dann ist das besondere Aufmerksamkeit wert. Garth Knox macht keine Spaßmusik – im Gegenteil: Er gibt der Musik ihren eingeschriebenen Ernst zurück und bewahrt trotzdem ihre Leichtigkeit. In der Tat beschenkt uns der irische Bratschist auf ‘Saltarello’ mit einem bunten Reigen, der rund 1000 Jahre Musikgeschichte schlaglichtartig beleuchtet.” (Tilman Urbach)

Natürlich hat Fussball viel mit Musik zu tun. Wie sich die abgezockten Italiener die Nationalhymnen aus dem Leib sangen, war wesentlich überzeugender als die braven Gesichtsausdrücke der deutschen Chorknaben. Dagegen sah Buffon (der tatsächlich noch beklopptere Interviews gibt als Balotelli) mit einer leicht irrsinnigen Mimik aus, als wollte er allein durch Gedankenkraft den Ereignissen einen großartigen Verlauf bescheren, und so waren es die Heldentaten von Buffon, Balotelli und Pirlo, die bei diesem Sieg des Tollkühnen über das Biedere entscheidend waren.

Herr Löw aber versagte mit seinen Umstellungen komplett, und ließ zähem Sicherheitsdenken den Vortritt vor fantasievollen Angriffsfussball. So nämlich hätte es ein grosses Spiel werden können, in dem auch eine Niederlage akzeptiert worden wäre. Aber was will man von einem Team erwarten, in dem die Führung schon mal Begriffe wie “Stahlhelm” in den Mund nimmt, um teutonische Qualität ins billige rechte Licht zu rücken.

In einer seltsamen Nibelungentreue schleppte Löw seinen “emotionalen Leader” Schweinsteiger sowie Podolski durch das Turnier. Das Experiment mit Kroos ging gründlich daneben, Signore Pirlo wurden keineswegs die Wege zugestellt. Schweinsteiger wurde wieder Schweini, nur ohne die alte Unbekümmertheit und Klasse. Schon nach dem Desaster gegen die Dortmunder Borussen im Pokalfinale flüsterte er einem Reporter in modulationsarmen Sätzen zu: “Auch wenn es komisch klingt, wir waren insgesamt die bessere Mannschaft”. Solche Wahrnehmungsverzerrungen führen dann gewiss auch dazu, sich vor dem Italienspiel als 100 Prozent fit zu bezeichnen. Sein Einsatz war Löws größter Fehler.

Der Bundesjogi wird als Bauernopfer vielleicht Podolski den Stammplatz nehmen, an seinem Bayernblock wird er nicht rütteln, höchstens auf öffentlichen Druck. Dazu passt, wie er Hummels als die Wurzel der Niederlage ausmachte: gewiss agierte der Dortmunder in dieser Szene unglücklich, aber genauso beteiligt war Özil, der dem alten Pirlo leider nicht die paar Meter am Mittelkreis hinterher lief, um dessen Flanke an die Aussenlinie zu unterbinden. Und Badstuber hätte gegen Balotelli nach der Flanke von Cassano ins faire Tackling gehen müssen, Neuer durchaus mal seine Strafraumbeherrschung demonstrieren können.

Der wahre Held aber war Pirlo, der mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit seine geheimen Regiefäden knüpft. Sein Gesicht ist eine wahre Charakterlandschaft, und sollte der Italo-Western einmal wiederbelebt werden, wird sich der Nachfolger Sergio Leones in einer Nahaufnahme Zeit nehmen, dieses langmähnige Konterfei, Typ: Pferd, in Superzeitlupe von oben bis unten abzufilmen. Und Altmeister Ennio Morricone wird dazu einen Ohrwurm komponieren.

Der Held im Hintergrund ist Signore Prandelli, ein liberaler Geist, der ein neues Italien nach Berlusconi verkörpern könnte. Einer, der die Tradition des großen argentinischen Fussballdenkers César Luis Menotti fortsetzt, gelingt es ihm doch spielend, ein Team aus Arbeitern, Schurken und Verrückten zu einer Einheit zu formen. The Good, The Bad, & The Ugly. Spanien ist gewarnt. Und wir Deutschen sind in diesem Spiel die Doofen.
 
 
 

 

2012 30 Jun

My favourite records of 2012 (First Half)

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1) Thomas Köner: Novaya Zemlya
2) Sidsel Endresen and Stian Westerhus: Didimoy Dreams
3) Lambchop: Mr. M
4) Burnt Friedman: Bokoboko
5) Astrid: High Blues
6) Mirroring: Foreign Bodies
7) Paul Buchanan: Mid Air
8) Diagrams: Black Light
9) Fiona Apple: The Idler Wheel …
10) John Surman: Saltash Bells
11) Heiner Goebbels: Stifters Dinge
12) Can: The Lost Tapes
13) Dan Michaelson: Breaking Falls
14) The Flaming Lips: The Flaming Lips and Heady Fwiends
15) M. Ward: A Wasteland Companion
16) Ballrogg: Cabin Music
17) Moritz von Oswald Trio: Fetch
18) Motorpsycho and Stale Storlokken present: The Death Defying Unicorn
19) Louis Sclavis Atlas Trio: Sources
20) Alabama Shakes: Boys and Girls
 
 

 
 
21) Leonard Cohen: Old Ideas
22) Geoff  Barrow & Ben Salisbury: Drokk
23) Arianna Savall / Petter Udland Johansen: Hirundo Maris
24) Sweet Billy Pilgrim: Crown and Treaty
25) Gerry Diver: Speech Project
26) Garth Knox: Saltarello
27) Lost in the Trees: A Church That Fits Our Needs
28) E.S.T.: 301
29) Adele & Glenn: Carrington Street
30) Marco Union: Different Colours
31) Zammuto: Zammuto
32) Peter Broderick: http://itstartshear.com
33) Michael Wollny’s (em): Wasted and Wanted
34) Tim Berne: Snakeoil
35) Tindersticks: The Something Rain
36) Masabumi Kikuchi Trio: Sunrise
37) Teho Teardo: Music, Film. Music
38) Trapist: The Golden Years
39) Patti Smith: Banga
40) Simone White: Silver, Silver

Hopefully we are not trapped in that fucking hotel of dying hippie dreams. Nevertheless the 70s may have been the most interesting and creative ten years in music history since the days of Perotin.

We’re digging and we’re digging and we’re digging …

Jürgen Müller, Conrad Schnitzler, Bill Connors, the young Rypdal, the young Garbarek, the first Go-Betweens album, legendary Van Dyke Parks, Eno’s Music for Films … The 70s still are an endless route of milestones and buried treasures. By pure chance and syncronicity, the Manafonistas keep looking back (for some days now) discovering music they have never heared before, or loved from day one.

And, me oh my, what’s the name of the Cd playing in these days and nights in my time-travel experienced Toyota? Well, Pink Floyd’s MEDDLE.
 
 
“Backward and homebound, a pigeon, a dove
gone with the wind, the rain on an airplane
owning a home with no silver spoon
I’m drinking champagne like a good tycoon
sooner than wait for a break in the weather
I’ll gather my far-clung thoughts together
speeding away on the wind to a new day”

 
 
P.S. Gregs may just listen to Robert Wyatt’s ROCK BOTTOM, Joey may spend some time with the guitar dreams of SWIMMING WITH A HOLE IN MY BODY, and Ian may dive into other well-hidden zones of Krautrock experimentalism …

 

 

Ohne großes Tamtam sind jüngst zwei kleine weiße Kisten erschienen, die einige Klassiker der Jazzgeschichte enthalten, aus der ersten Hälfte der 70er Jahre, und aus dem Hause ECM. DANSERE enthält die Werke 2, 4 und 5, die Jan Garbarek für das Münchner Label produzierte, Aufnahmen, mit denen er zum Pionier eines neuen aufregenden, asketischen, lyrischen, grenzoffenen Tons avancierte. SART (kühl und ekstatisch zugleich, inspiriert vom Besuch mehrerer Miles Davis-Konzerte im New York des Jahres 1970), WITCHI-TAI-TO (die Ursession des sog. “Garbarek-Sounds”), und DANSERE (da kam die Folklore des Nordens hinzu, und der Down-Beat-Kritiker staunte nicht schlecht, vermisste aber, ein Opfer der eigenen Gewohnheiten, den guten und natürlich amerikanischen Swing). Die andere Kiste enthält neben einer raren Orchesteraufnahme, die Sammlerwert hat, sonst aber eher etwas bieder geraten ist, eine der besten Produktionen des Gitarristen Terje Rypdal, das Doppelalbum ODYSSEY in voller Länge – mit dabei die einst eine ganze Plattenseite füllende Komposition ROLLING STONE, die mit ihrem archaischen Duktus, wie John Kelman in dem ausführlichen Begleittext schildert, so etwas wie den heiligen Gral des Rypdal-Opus verkörperte, zumindest bei seinen Fans in Italien und Deutschland. Wunderbar das Zusammenspiel von Posaune und E-Gitarre in dieser aufregenden Fusion-Welt!

2012 27 Jun

Steps Across The Border

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Zu den wichtigsten Fragen – nicht philosophisch, sondern lebenspraktisch gesehen – gehört jene: “Was behalte ich und was schmeisse ich weg?” Jedesmal, wenn unsereins am Aufräumen ist, kommt er in eine ganz besondere Form von Stress und die besagt: “Nein, halt, das kann man immer noch mal gebrauchen!” Hier hilft nur ein radikaler Schnitt: es gilt, der wachsenden Entropie im eigenen Haushalt Einhalt zu gebieten, indem man sich tendenziell häufiger der Dinge entledigt als das man sich Neues anschafft. Nur so leitet man einen Paradigmenwechsel ein, der die Prioritäten neu setzt: Vor dem Konsumieren kommt das Separieren (auch das Reparieren). Weiterführende Literatur zu diesem Thema sind das Buch Feng-Shui gegen das Gerümpel des Alltags und die Romantrilogie Abschaffel von Wilhelm Genazino. Und der passende Song dazu ist “Same Old Me” von Fred Frith aus dem Film Steps Across The Border. Gottseidank muss man nicht niesanfällig in alten Kisten kramen, um dieses Lied wieder zu hören, denn es gibt Datenbänke und … YouTube. Fazit: erstmal was in die Tonne treten, nur so gelangt man sicher über die Grenze.

2012 26 Jun

Into the blue

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The story of Jürgen Müller’s “Science of the Sea” is an unlikely one, to say the least. Only 100 vinyl copies of this were pressed, 30 years ago. And only now in June 2012 is the music available on a CD. Given the album cover’s obvious visual reference to Boards of Canada’s “Music Has the Right To Children”, you’d be forgiven for thinking this was all an elaborate hoax. And hey, maybe it is?

For someone with no previous experience of making music – let alone electronic music that wordlessly describes a world – let’s just say that Müller did a pretty good job here. So immersed in its subject matter, in places this music has similarities to that of Geir Jenssen – the musician as medium rather showman. Nowhere is this more apparent than on the track Marine Technology, which hints at the ecological price of ‘progress’ as well as the undeniable human achievement of underwater exploration.

Another standout track is Vast Worlds Beneath – which has a poignancy to it, somehow suggesting a return to the surface and the everyday world might result in an emotional/ psychological form of decompression sickness. Eric Serra’s Le Grand Bleu, it ain’t …
 
 
 

 

 
 

 
 
Yes, the Band. From Brisbane, Australia. Once upon a time. You remember? “Cattle and Cane”. Grant dying so young, Robert finishing Grant’s last three songs for THE EVANGELIST. Heartbreaking. They had never been interested in noise or feedback drones. They were looking for pure songs and melodies. With a twist. With undercurrents. Melancolia, sunbathed. Or rain. They wrote the best song about rain since Creedence Clearwater Revival. SPRING RAIN. Passion and understatement. Great lyrics all over the place. A good record to start with: SPRING HILL FAIR.

In a few days Ex-Go-Be’s Adele Pickvance and Glenn Thompson will release an album: CARRINGTON STREET. Glenn’s voice sometimes sounds a bit like Grant’s. In this case these are good news. They are looking for pure songs and melodies. A small delight for at least some people. With twists. With undercurrents. Okay, it is a more lighthearted affair. With some good humour inside. My favourite song: “Grey Suits”. Low key, never going for the grand scale. I’m a man with a very limited taste: I would always prefer the Go-Betweens or CARRINGTON STREET when having the choice to listen to Beethoven instead.

2012 26 Jun

Wild Space: the blueprint

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Reissued last week, Conrad Schnitzler‘s 1974 album Blau will hopefully gain a wider audience among electronic music fans the world over.

God knows what Blau would have sounded like back then, but even now – a full 38 years on from its release – and nearly a year after Schnitzler’s passing, it sounds like the blueprint for so much that followed in subsequent decades. You don’t have to listen too hard to see who took cues from this. The hypnotic vibe of Die Rebellen haben sich in den Bergen versteckt, for instance – not gonna name any of the holy Detroit Techno trinity here, but yeah. You can hear it on this track.

If opener Die Rebellen is visionary, second track Jupiter is perhaps a wee bit more orthodox sci-fi, sounding like something off the late 1960s BBC kids’ TV show The Clangers. Or it does, at least, until an oddly unsettling (and non-musical) buzzing sound kicks in and it ends up sounding like Underground Resistance. Why the rebels hid in the mountains so long, I don’t know. But it’s good they returned.

And on to Wild Space, which for structural reasons (i.e. word count) I’ll take as a single entity for this blog post. Anyone familiar with Throbbing Gristle’s Beachy Head will be simultaneously delighted and disappointed on hearing the start of Wild Space. Delighted because it sounds transcendentally familiar. And disappointed because, well, it means even Chris Carter‘s sound had its antecedents. As Wild Space progresses, it just gets better and better – use of reverb gives these merged compositions a feeling (paradoxically) of the subterranean – as if the listener is trapped in the hold of a giant metal spaceship.

What was it Arthur O’Shaughnessy said, again? Ah yes, “We are the music makers, and we are the dreamers of dreams … on whom the pale moon gleams”. There’s ‘out there’ and there’s ‘out there’. And Blau is most definitely out there.
 
 
 

 


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