Manafonistas

on music beyond mainstream

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Archiv: Februar 2012

… (einem viel zu süßen Pfannkuchen gewidmet, den ich in Berlin gegessen habe, im Mai 2006, und einem Schlüssel, der sieben Stockwerke tief in einen Haushof fiel) …
 

Als ich die neue Arbeit von Andrew Bird erstmals hörte, stutzte ich bei einem wunderbaren Song, denn ich hatte das Gefühl, der “spirit” des 2006 tragisch früh gestorbenen Grant McLennan (von den geliebten Go-Betweens) sei da auf seltsame Weise anwesend. Später las ich eine Besprechung, in der ein Kollege (s.u.) eine ähnliche Beobachtung machte. Gerne würde ich den pfeifenden Violinisten fragen, ob Grant ihn direkt inspiriert habe, oder, rückblickend, vielleicht unbewusst, oder, das wäre auch interessant, überhaupt nicht, weil die Musik der Go-Betweens womöglich Andrew Bird gänzlich unbekannt ist. Vielleicht aber kommt durch diese kleine Erwähnung am Rande, die wahrscheinlich bloß auf einem seltsamen Zufall basiert, ein Leser dieser Zeilen, auf die Idee, sich diesen Song runterzuladen, weil dieser Leser einfach ein Go-Betweens-Fan ist, und er oder sie einfach zu gerne einen Song hören möchte, in dem der erwähnte “spirit” tatsächlich spürbar ist. Es kann natürlich geschehen, dass dieser potentielle Downloader die Beobachtungen der zwei Musikkritiker ins Reich der Fabeln und Privatassoziationen verbannt, aber eine CD entdeckt, die er oder sie richtig gut findet. Und Andrew Bird ist richtig gut!

 
… ‘Lazy Projector’ and ‘Sifters’ are the most moving inclusions here; the former a sweet damning of memory – “That forgetting, embellishing, lying machine”  – which plays cousin to the upper echelons of the works of Grant McLennan, the latter carrying a set of lyrics so tear-inducingly open, well-observed and worldly that it’s best not to regale you with them here. You can hear them when you buy the record.

2012 28 Feb

Emily, allein

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Dienstags kam er immer, der lange, graue, fast fensterlose Bücherbus. An diesem Tag war von 14:00 bis 16:00 Uhr auf einer gekennzeichneten Stelle eines Parkplatzes in Hannover-Kirchrode absolutes Halteverbot, nur dieser, mit lesbaren Schätzen beladene Bus durfte hier stehen. Der Busfahrer, zugleich Bibliothekar, öffnete vorne die Tür und herein durften wir Kinder, in der Hand die braune Ausleihkarte, in der Autoren, Büchertitel und Leihfrist eingetragen wurden. Der Datumsstempel, der das Ende der Leihfrist angab, wurde stets auch auf die letzte Seite eines Buches gesetzt. Was für ein festliches Gefühl, wenn man ein stempelloses Buch erwischt hatte, eines, das noch nie jemand gelesen hatte … All das ging mir durch den Kopf als ich das neue Buch Emily, allein von Stewart O´Nan aufschlug. O´Nan widmet dieses Buch seiner Mutter, das wäre nun wirklich nicht ungewöhnlich, wenn da nicht ein Zusatz stünde Für meine Mutter, die mich immer zum Bücherbus mitnahm. Glücklich die Kinder, die von ihren Eltern auch heute noch mit zum Bücherbus genommen werden.

 
 
 

 
 
 

Und natürlich ist auch Emily, allein ein echter Stewart O´Nan. Der 1961 in Pittsburgh/ Pennsylvania geborene Schriftsteller ist nicht nur ein Meistererzähler, ein Meister auch darin, Menschen, die gemeinhin niemand sonderlich beachtet, ein Denkmal zu setzen. Dieser zutiefst menschliche Autor wendet sich immer wieder – im Grunde auch schon in seinem Erstlingswerk Engel im Schnee von 1993 – Menschen zu, die sich durch nichts besonders auszeichnen, die aber um ihr Leben und das ihrer Mitmenschen kämpfen. Jetzt ist es also Emily. Stewart O´Nan-leser werden sich erinnern: die Personen dieses Buches kennen wir aus dem großen Familienroman Abschied von Chautauqua (2005)

 
 
 

 
 
 

Hier in Chautauqua hatte die Familie ein Sommerhaus, damals wollte sich die ganze Familie nach dem Tode von Vater Maxwell noch einmal dort treffen, bevor das Haus verkauft werden würde. Und nun, sieben Jahre nach Abschied von Chautauqua, erzählt O´Nan weiter, im Mittelpunkt seines neuen Roman steht Emily, die Witwe, die allein in einem Haus voller Erinnerungen lebt, die sich zu trennen versucht von Dingen, die ihre Bedeutung längst verloren haben. Sie lebt auf Weihnachten, auf Ostern und Thanksgiving hin, weil dann ihre Kinder – Kenneth und Margaret, wir kennen sie bereits aus Abschied von Chautauqua – kommen, ihre Enkel, die sie verwöhnen möchte. Viel mehr gibt es nicht mehr in ihrem Leben. Und manchmal holt Emily sich die Vergangenheit mit Hilfe von Fotos zurück und bleibt doch nicht dort stehen:

“Während sie die klebrigen, mit Plastikfolie umhüllten Seiten umblätterte und sich mit krauser Dauerwelle oder in grell bedruckter Bluse sah, fand sie es immer wieder beeindruckend, wie lang das Leben dauerte und wie viel Zeit verstrichen war, und wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen und sich bei allen, die ihr nahe standen, entschuldigen, ihnen sagen, dass ihr inzwischen vieles klar geworden sei. Das war unmöglich, und doch ließ das Bedürfnis, zurückzukehren und ein anderer Mensch zu sein, niemals nach, sondern wurde immer stärker.” (S.103)

Und so begleitet der Leser Emily während eines Jahres und wird sich vielleicht fragen, wie seine letzten Jahre aussehen, wird es genügend Dinge geben, für die zu leben es lohnt?

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The Speech Project

“Somewhere between oral history and playful celebration comes this unusual creation from London-Irish musician Gerry Diver, previously of Sin é and the Popes. Taking a selection of old and new interviews with Irish musicians, Diver gives each reminiscence a musical accompaniment, creating a soundscape that shape-shifts between wistful chamber folk and jaunty tin whistle and bodhrán. Christy Moore, Shane MacGowan and Margaret Barry are among the narrators. With the often spectral atmosphere livened up by tape loops, the album becomes a poignant story of the modern Irish diaspora, from County Clare to New York and London.”

Das schreibt Neil Spencer im “Observer” zu der spannenden neuen CD “Speech Project” von Gerry Diver. “Speech Songs” scheinen in Mode zu kommen seit Brian Enos “Drums Between The Bells”; auch das vorzügliche neue Album der Tindersticks beginnt mit einem neun-minütigen (!) Sprechstück. Vier Jahre lang hat der Komponist und Multiinstrumentalist Gerry Diver an diesem Album gearbeitet, das die Erzählungen und Erinnerungen alter und neuer Folksänger vornehmlich irischer Herkunft mit tape loops, vielen originären Klangideen und Spuren uralter Gesänge aufbereitet. Gerry Diver wird in einer meiner nächsten Klanghorizonte-Sendungen einige Stücke dieses Werkes vorstellen. Ich hoffe, dass diese Musik, viele Hörer unter manafonistas-Lesern findet, denn wenngleich das Album experimentell ist, berührt es unmittelbar, besitzt durchweg eine archaische Qualität,  und hat keine theoretischen Exkurse nötig. Ich habe mein Exemplar über “amazon.co.uk” bezogen.

2012 18 Feb

Einmal

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Einmal, da fuhren wir durch einen unendlich grauen Regen in den Abend hinein, ein kleines Kaff nahe Domburg, ein einladendes Restaurant, das bei diesen Witterungsverhältnissen etwas Märchenhaftes hatte; ich kann mich noch genau an die Maserung der Wände erinnern, an das warme Licht in einem weitläufigen Raum; wir lebten, auch wenn wir auf Reisen waren, in einer Zwischenwelt, es gab keine Ankunft, kein wirkliches Ankommen, immer nur ungewisse Räume, die wir mit unserem Vorrat an Liebe einrichteten. Mich interessieren nun keine konturlosen Räume mehr, das imaginäre Irgendwann kann mir gestohlen bleiben, das Meer ist sowieso leicht ausfindig zu machen (es gibt eins in jeder Himmelsrichtung).

Neulich stieß ich in meinem Plattenschrank auf meine kleine Sammlung von CDs der Gruppe Midnight Choir aus Norwegen. Diese Gruppe existierte von 1992 bis 2005 und brachte einige wirklich feine Platten heraus. Waiting for the Bricks to Fall heißt eine CD der Gruppe Midnight Choir, die 2003 erschien, auf ihr findet sich das Stück “Motherless Child” in einer ganz ungewöhnlichen Version. Producer dieser CD war übrigens Chris Eckman.
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Dieses verzweifelt in die Einsamkeit, in die Leere und Hoffnungslosigkeit hinaus gesungene Lied hatte es mir angetan und ich begann, meinen Plattenschrank zu durchwühlen, nach anderen Versionen dieses Songs zu schauen, nach dem Ursprung dieser Musik zu suchen. Bei wikipedia.org fand ich folgende Zeilen:

“Sometimes I Feel Like a Motherless Child” (or simply “Motherless Child”) is a traditional Negro spiritual. The song dates back to the era of slavery in the United States when it was common practice to sell children of slaves away from their parents. An early performance of the song dates back to the 1870s by the Fisk Jubilee Singers. Like many traditional songs, it has many variations and has been recorded widely (see partial lists of choral arrangements and covers below). The song is clearly an expression of pain and despair as it conveys the hopelessness of a child who has been torn from his or her parents. Under one interpretation, the repetitive singing of the word “sometimes” offers a measure of hope, as it suggests that at least “sometimes” I do not feel like a motherless child.

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Although the plaintive words can be interpreted literally, they were much more likely metaphoric. The “Motherless Child” could be a slave separated from and yearning for his African homeland, a slave suffering “a long ways from home”—home being heaven—or most likely both.
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Der 1925 in Cleveland geborene Sänger “mit der Sopranstimme” James Victor „Jimmy“ Scott trägt das Lied geradezu himmlisch auf seiner Platte Source von 1970/2001 vor. Ganz nebenbei, Jimmy Scott nimmt fast ein kleines Regal in meinem Plattenschrank ein. Ich erinnere an die famosen Alben But Beautiful und Holding Back The Years. Auf letzterer CD befinden sich wirklich zu Herzen gehende Versionen von “Jealous Guy” und “Nothing Compares 2 U”.
Aber zurück zum Thema  “Sometimes I Feel Like a Motherless Child”.
Vielfach versteckt sich eine weitere kostbare Version dieses Stückes in einem anders lautendem Lied, erwähnenswert wäre hier Richie Havens, der auf dem Woodstock-Festival “Freedom” sang und hier eben auch sein “Motherless Child” hinausbrüllt.
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Oder, und jetzt muss ich wieder an eine enorm herausragende Platte erinnern, Erewhon vom David Thomas and The Two Pale Boys, auf dem Hammerstück “Morbid Sky”, dort findet sich, man sollte es nicht glauben, “Sometimes I Feel Like a Motherless Child”.

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Zu Beginn dieses Jahres stellte ich hier die am 24.02.12 erscheinende CD Come Sunday von Charlie Haden und Hank Jones vor. In dem Zusammenhang erwähnte ich die erste Platte dieses Duos. Auf Steal Away, der 1995 eingespielten Platte,  kann man auch eine Version von “Sometimes I Feel Like a Motherless Child” hören, mir gefällt sie ungeheuer gut.
Verschiedenste Versionen unseres Songs wurden  übrigens auf YouTube eingestellt, eine Entdeckungsreise lohnt, zwei Beispiele: Odetta singt “Sometimes I Feel Like a Motherless Child” in einer ergreifende Acappella-Version. Ebenso interessant die Interpretation einer unbekannten Sängerin: “Sometimes I feel Like a Motherless Child”.

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“We were going to make the record Marky (Mark Nevers, the producer; Anm. v. M.E.) and I wanted to make, the way we saw fit, taking it long as it took. I was, in essence, `going for broke´, because I was broken and saw this as a last chance to get myself right. This time it was personal.” (Kurt Wagner)

”Wine tastes like sunshine in the basement”. Was haben wir hier: eine psychedelische Sinatra-Variante? Neues aus dem Underground von Nashville? Wie immer man das locker-flockig umschreiben möchte: “Mr. M” brilliert (neben vielen anderen Dingen) auch mit dem aussergewöhnlichen Einsatz von Streichinstrumenten. Das ist kein Nachklapp zum Soul des Albums “Nixon”, keine Wiederholung der Rezepturen von “Is A Woman”: Violinen und Violas führen ein seltsames Eigenleben, das die schattigen Songwelten von Kurt Wagner in ganz spezielle Lichtverhältnisse taucht. Und was ich an den besten Lambchop-Platten bewundere, findet sich auch hier: doppelte Böden, Verstecke und vertrackt-fesselnde Lyrik – garantiert haltbar bis Ende 2099. Das Werk erscheint Ende Februar 2012.

(First Listen)

2012 14 Feb

Die wunderbaren Begrenzungen von Kurt Wagner (Lambchop)

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Vorbemerkung: Dies ist eine Einführung in die Musik von Lambchop. Ein schon etwas älterer Text. Da Mr. M bald erscheinen wird, ein Angebot für Interessierte, tiefer in das Schaffen des Kollektiefs aus Nashville einzudringen. Ich traf Kurt Wagner vor Monaten in Berlin, im Hauptquartier von City Slang, doch das Interview litt ein wenig unter seinen Kopfschmerzen. Wir sprachen über seine Texte, die, gelinde gesagt, seltsam sind. Sie mischen einfachste Beobachtungen der unmittelbaren Umgebung, mit Reflexionen, die nie nach dem Status von Weisheiten streben, sie lassen Gedanken strömen, und kommen dann doch, plötzlich, auf den Punkt: hier sind es Verlustgeschichten des alten Freundes Vic Chesnutt: das Kryptische der Lyrik kippt oft in eine ganz unmittelbare Klarheit. Ich habe derzeit, hier im Klinikum Nord, 6. Stock, mit Blick auf das U, den Fernsehturm und unser Stadion, zwei treue “Begleiter”, die Trost spenden und Lebensbatterien aufladen: Mr. M, sowie Michael Ondaatjes Roman “Katzentisch”.
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Ich habe mich schon einige Male gefragt, was dieser Mann für Bücher liest. Selten wird man von einem Sänger und seiner Band so unwiderstehlich zwischen Klarheit und Traum eingesponnen wie bei Lambchop. In dieser Musik gibt es eiskalte Winternächte, einen Schaukelstuhl und den Geruch amerikanischer Holzhäuser.  In seinen Texten könne man sich leicht verfangen, sagte ich vor Jahren dem freundlichen Fourtysomething mit Hornbrille ins offene Gesicht, und manchmal erscheine es mir, seine Songs seien eine seltsame Kreuzung zwischen dem skurrilen Humor eines Richard Brautigan und den hermetischen Kargheiten eines Raymond Carver. Da lacht der Mann aus Nashville, Tennessee, staccato, der mit seinem Musikerkollektiv Lambchop 2001 ein Meisterstück hinlegte.

“Is A Woman” war auch ein Traum von altem Jazz, von den Sphären, in denen Billy Strayhorn und Duke Ellington “Solitude” spielten. “Is a Woman” war ein Melancholikum ersten Grades, vom Licht alter Sommer erfüllt, von Spinnweben, von der Tragweite kleiner, unscheinbarer Momente. Kurt Wagner lockte uns mit “Lammkeule ist eine Frau” in einen keinesfalls aus der Mottenkiste stammenden Geschichtenzauber: der Pianist Tony Crow legte dabei Klangspuren, die bis in die Vierziger Jahre des alten Amerikas reichten, melodische Destillate, denen beboppige Sprünge fremd waren. All diese “alten Hüte” bringen erst dann etwas, wenn sie schief auf dem Kopf sitzen, und nicht formgerecht!

“Ich habe ja so meine Begrenzungen, was die Sprache des Jazz angeht, aber Tony erlaubte mir, meine Vorstellungen weiter in die Richtung zu treiben, die mir im Kopf vorschwebte.”

 

http://www.youtube.com/watch?v=zoVB5yMlYh4&feature=related

Is a Woman

 

Das Sedierende (was manche als “Soft Rock” denunzieren) ist die größte Hinterlist des Mannes mit der Mütze. Dem großen und zugleich lässigen Wurf von “Is A Woman” folgt eine Tour mit dem “Kurt Wagner Trio”, die alles Leise noch mehr auf die Spitze trieb. Mittlerweile mußte der Mann mit der sonoren Baritonstimme nicht mehr dem Job des Fliesenlegers nachgehen; “Nixon” (2000) war ein kommerziell erstaunlich erfolgreiches Album, die Palette der Klangfarben weiter gefächert, man zollte Curtis Mayfield Tribut und  blieb sich selber treu. Der Durchbruch (womit der Wechsel von nahezu leeren Clubs zu ausverkauften Häusern gemeint ist) gelang im Sommer 1998, als Lambchop, mindestens zwölfköpfig, mit den damals noch recht unbekannten Calexico und Vic Chesnutt durch Europa reisten. Ich sah diesen Dreierpack im “Electric Ballroom” im Camden Town, es war eines dieser Konzerte, bei denen sich die Holzmaserung der Ausschanktheke so sehr ins Gedächntnis schreibt wie die Augen der Frau an deiner Seite und das Hinausströmen der Scharen in die Nacht.

Lambchop rückwärts zu entdecken, ist eine ergiebige Sache, denn diese Band hat nur Gutes, sehr Gutes und  sehr, sehr Gutes geschaffen, “What Another Man Spills” (1998) gehörte in meiner Mitternachtssendung  genauso so zu den besten Produkten des Jahrgangs wie zuvor “How I Quit Smoking” (1996). David Byrne wurde damals Lambchop-Fan, erinnere ich mich. Für den nun erfolgenden Doppelschlag, die beiden Cds “Aw C´mon” und “No You C´mon”, nahm sich der Mann aus der Countrymetropole jede Menge Zeit, um seiner Kunst,  ziemlich gewitzt, auf die Sprünge zu helfen:

“Wenn ich früher Songs schrieb, dann konnte ich nie sagen, wann diese Lieder entstanden, es waren Glücksmomente. Nun aber wollte ich einmal nach klaren Kriterien arbeiten, und jeden Tag einen Song schreiben. Klar, gute Ideen kamen, schlechte Ideen kamen, aber ich bewertete nichts, ich war geradezu begierig darauf, Fehler zu machen. Es war wie ein Ritual, und es blieb mir kaum Zeit, lange über kreative Entscheidungen zu grübeln. Manchmal flog der Tag nur so dahin, manchmal blieb die Zeit auf der Stelle stehen. Aber es gab ja immer ein Morgen, immer einen neuen Nullpunkt.”

 

How I Quit Smoking

http://www.youtube.com/watch?v=r3dCGeuOfE0&feature=related  (Lambchop Original)

http://www.youtube.com/watch?v=4u_p0Kksc64&feature=related  (David Byrne-Cover)

 

Die Trennung von Spreu und Weizen überließ man einem späteren Zeitpunkt, Kurt Wagner verschwand zwischen Sommer und Winter 2002 in seiner Songschmiede. Das meiste war schon geschrieben, da flatterte das Anbgebot ins Haus, Murnaus melodramatischen Klassiker “Sunrise” neu zu vertonen.

“Ich wollte an diese Aufgabe so herangehen, wie es einige Filme in den Sechziger Jahren gemacht haben, etwa “The Graduate” (deutsch “Die Reifeprüfung”; mit Dustin Hoffman und den Liedern von Simon&Garfunkel – Menschen mt frotschrittlichen Musikgeschmäckern gaben damals ungern zu, wie sehr diese Songs sie ergriffen; Anm. d.A.) oder “Butch Cassidy and Sundance Kid”. Damals begann man damit, Popmusik in Filmkontexte zu transportieren, das war zuvor nicht so häufig der Fall. So wählte ich einige Songs aus, die bestimmte Passagen des Films auf ganz eigene Weise kommmentieren oder miterzählen sollten. Und ich schrieb einen beschwingten, leichten “Opener” wie “Sunrise”, schließlich hatte der Film ein Happy End, und, trotz aller Liebeswirrungen, eine optimistische Kraft – das wollte ich schon in der ersten Sequenz andeuten!”

Wenn Kurt Wagner mal kurzweilig mit Walt Disney-Stimmungen spielt, wenn alte Anleihen beim Seventies-Philly-Soul (der berühmte seidige Streicherglanz!) genauso zum Tragen kommen wie versprengte “blue notes”, amorphe “ambient drones”, eine Prise Rumpelrock, ein Abreissen der Kehlkopfstimme in bester (ja, auch der Mann hat mal tolle Songs geschrieben!) Cat Stevens-Manier; wenn darüber hinaus leicht mysteriöse Stories und Wortspiele selbst Dylanologen zur Verzweiflung treiben könnten, dann liegt die Vermutung nahe, daß es sich bei beiden neuen Arbeiten um einen recht bunten Gemischtwarenladen handelt. Und genau an diesem Punkt (wo manchem der Spruch vom “Weniger wäre mehr” auf der Zunge liegt) lässt sich das schöne Gelingen von “Aw C´mon” und “No You C´mon” festmachen: statt die leisen Intensitäten von “Is A Woman” fortzuschreiben, erlaubt man sich gleichermassen Exerimente und alte Lieben. Dabei setzen Kurt Wagner und Co. einen Trick ein: etliche Songs legen in den ersten Sekunden eine falsche Fährte, holen Luft, und schlagen unversehens eine gänzlich andere Richtung ein. Und sie sind kürzer geworden: das Extra an stilistischer Breite und die fallweise epische Pinselführung werden ausbalanciert von einer Verdichtung der Komposition. So wird, anders als bei vielen Retrobands im Retrorausch, die Lambchopsignatur noch ins offenhörbarste Zitat eingewoben. Und hier kommt die herzlich begrenzte Stimme des Herzerweichers und Crooners entscheidend ins Spiel, eine Stimme, welcher geschätzte Attribute wie elegante Geschmeidigkeit, oktavenumspannendes Spektrum und lautmalerische Prägnanz weitestgehend abgehen.

“Bei mir geht es immer um den Song, den ich gerade singe. Bei manchen Liedern ist ein leiserer Ansatz erforderlich, und jede Art von Aus-Sich-Herausgehen wäre falsch. Manchmal denke ich, klappt das sehr gut, und die Stimme findet den Ort, an den sie innerhalb eines Liedes Wahrscheinlich verlangt jeder Song, daß ich ihn auf bestimmte Weise singe. Und das ist gut, weil auf diese Weise eine ganz persönliche Aussage entsteht. Zugleich erhält das Lied dadurch eine Einschränkung. Daß es vielleicht kein anderer singen kann (lacht). Und das ist nicht mein Ziel. Es wäre ein Erfolg, wenn ich jemanden finden würde, der sich einer meiner Songs annehmen könnte!”

Sogenannte “begnadete” Stimmen hören sich anders an, erliegen dann aber auch um so öfter dem eigenen Reiz und landen, statt in der Kunst, im Gewerbe. Wer aber so rigoros wie Kurt Wagner durch die Worte haucht,  einzelne Silben liebend gerne verschluckt und mit einem dunkel dröhnenden “rrrrr” Marke Tennessee umliegende Vokale massiv in ihrer Existenz bedroht, der ist entweder von allen guten Geistern verlassen oder damit befasst, den vielzitierten und viel seltener realisierten “eigenen Sound” zu entwickeln! Und, um die Abweichungen vom guten Ton – imitten all dieser verdammt tollen (85 % melodischen) Töne – komplett zu machen, hat ein Refrain bei Lambchop schlicht Seltenheitswert, und kryptische Bilder schlingern von Zeile zu Zeile:

“She loved the spare texture / of his difficult, and sad books, / and felt she was exceptionally equipped with Stanley Wilson´s distractions.”

Singen Sie das mal, lieber Leser! Oder rezitieren Sie es, ohne daß es an allen Ecken hakt! Und wer ist dieser Stanley Wilson?! Man muß ja schon schmunzeln, wenn ein  Reim aufaucht! Und beginnt ein scheinbar simpler Lovesong mit folgenden Worten, wittert man gleich ein ganz ausgekochtes Manöver: “And I hate candy / But I like rain / And I like substance / To tickle my brain (…)” Was der Liebhaber des Regens und Lambchop hier, zwei Alben lang, anzetteln, hat Witz und Tiefgang.

http://www.youtube.com/watch?v=QEGGC55FK5k

“Steve McQueen ist ein Song über das Sterbenmüssen”, erzählt der Ein-Song-Pro-Tag-Experte, “es geht um die Annahme der eigenen Sterblichkeit. Steve McQueen war einer dieser Berühmtheiten der 70er Jahre, eine Filmikone, schon früh eine Kinderstar, alle Kids hatten ein Poster von ihm an der Wand, wie er mit dem Motorrad über einen Zaun  sprang, ich glaube, in The Great Escape. Und er war die erste Berühmtheit meiner Jugend, an die ich mich erinnere, die an Krebs starb. Dieses Ereignis nahm in der Öffentlichkeit der USA einen großen Raum ein, und wirkte auch bei mir nach.”

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Nixon

http://www.youtube.com/watch?v=pbNVx9Y28rk

 

Wer über solche kulturellen Prägungen hinaus in der Zuckerbäckerei der amerikanischen Volksmusik  aufwächst – schauen Sie sich mal Robert Altmans dokumentarischen Spielfilm “Nashville” aus den Siebziger Jahren  an, um sich ein Bild von diesem leicht deprimierenden Milieu zu machen - der muß unbedingt einen klaren Kopf bewahren, vor allem, wenn die  eigene sentimentale Ader gar nicht zu leugnen ist. Dezente  Country-Spuren finden sich bei Lambchop im Gebrauch der pedal-steel-Gitarre, die  Daniel Lanois so vollkomen transparent auf seinen Arbeiten zum Einsatz bringt. Er nennt das Instrument “the church in my suitcase”.

“Es war für Daniel Lanois sicherlich hilfreich, nicht in Nashville groß geworden zu ein. Er lässt das Instrument mit einer eigenen Stimme singen. Und dieses “Singen” beschreibt den Klang des Instruments am besten. Es ähnelt so sehr der menschlichen Stimme. Du kannst da einiges erfahren über das Gleiten eines Klanges! Unser Gitarrist spielt eine Vielzahl von Gitarren und benutzt das Instrument ganz sicher auch außerhalb des typischen Lehrplans alter Nashville-Schulen.”

http://countrymusichalloffame.org/  (ein Power Spot für Herrn Wagner)

Als Teenager hatte Kurt Wagner einen ersten großen Angriff auf die eigenen Wurzeln unternommen. Einer seine besten Kumpel war ein Chemikalien-Freak, bastelte gerne kleine Rauchbomben und wohnte gegenüber von Ned Pierce, einem großen Star, desses Swimmingpools die Illusion vermitteln sollten, im Korpus einer Gitarre schwimmen zu können.

“Das Unglück war, es waren verdammt große Rauchbomben, und als wir sie um einen seiner gitarrenförmigen Pools aufgestellt und angezündet hatten, verwandelten sie die ganze Umgebung in riesige Rauchschwaden, und ein großes Aufgebot an Polizei und Feuerwehr rückte an. Wir schlugen uns in die Büsche, wir waren halt  kleine Teufel!”

Es gab auch einen Underground in Nashville, aber diese Geschichte solle ein anderes Mal erzählt werden, und Kurt wagner kennt sie gut. Kurt Wagner und sein wandlungsförmiges Ensemble können mit allen möglichen Szenarien spielen, ein Streichquartett genauso ins eigene Repertoire integrieren wie die Soundpalette einer Big Band. Man kann Lambchop-Songs lieben, ohne ein Wort zu verstehen, und vielleicht ist das ja auch der Kunstgriff dieser halbverschlossenen Lyrik: einzelne Worte bleiben haften, werden zu Bildern oder reiner Klang – und das Lied zieht weiter seine eigenen  Kreise ums Unerhörte herum! Lambchop ist wohl eines der wenigen Exemplare (und hier holen wir ein ganz altes Wort aus dem Schrank) einer “progressiven” Band, die sich, analytisch betrachtet, eine “Regression im Dienste des Ichs” nach der anderen leistet, ohne in prätentiösen Wallungen zu stranden.

“Ich versuche, den Liedern auf eine indirekte,  nicht philosophische Art, Tiefe zu verleihen, welche die Erfahrung des Hörens mitformt”, merkt der einstige Fliesenleger zu dem Phänomen an, daß man seine Lieder  sowohl vordergründig wie hintergründig hören kann. “Die  Songs von Lambchop   haben ganz sicher eine Art von Ambiente und Umgebungsqualität, andere Leute nennen das “cinematisch” oder “atmosphärisch” – das alles weist auf ähnliche Phänomene.”

Stimmt. Und auf dem kurzen Weg zwischen Schallquelle und einem Paar Ohren öffnen sich eben unerwartet Räume (der Schaukelstuhl und die amerikanischen Holzhäuser entpuppen sich als reines Bühnenbild), da kann auch schon mal, en passant und völlig unpathetisch, der Atem stocken! Und was liest dieser Kurt Wagner nun wirklich, der ein lautes Lachen parat hielt (wieder stataccato), als ich den Verfasser von “Forellenfischen in Amerika” ins Feld führte (der sich in Kalifornien mit einem Gewehr das Hirn aus dem Kopf geschossen hat, in diesen goldigen Hippiezeiten!) als mögliche literarische Parallelwelt der “Lammkeulenmusik”.

“Ich weiß nicht, ob es grosse Literatur ist, aber zuletzt las ich Dan Browns “Da Vinci Code”, es geht da um verschwörerische Machenschaften innerhalb des Vatikans. Ich habe den Roman sehr schnell gelesen, wie ein Drehbuch, du willst das Buch nicht aus der Hand legen, wenn du ein Kapitel beendet hast. Das visuelle Element, die bildhafte Konstruktion faszinierte mich mehr als der Inhalt. Der nicht uninteressant ist.  Und dann lese ich, ganz anders, und seit Jahren Don DeLillos “Unterwelt”: ich beginne den Roman, komme eine bestimmte Strecke durch, und dann ist es erst mal gut. Und irgendwann fange ich wieder von vorn an, und diesmal schaffe ich mehr. Aber ich komme  wieder nicht durch. Und das Seltsame ist, ich fange immer wieder von vorne an, und lese es immer wieder sehr gerne. Das ewige Buch!”

 

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2012 12 Feb

Robert Forsters “The Evangelist” (ein Interview von 2008)

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 Michael Engelbrecht: Ihr alter Weggefährte bei den Go-Betweens, Grant McLennan,  war ja noch an drei Songs mitbeteiligt. Gab es da nur  Melodien – und Sie schrieben die Lyrik!? Was machten Sie mit diesem Material?

Robert Forster: Alles, was seinen Anteil an diesen drei Liedern betrifft, habe ich im  dem beiligenden Textheft genau notiert. Bei dem Song „Demon Days“ stammen die ersten fünf Zeilen von ihm, ich habe den Text weiter geschrieben. Wenn Grant in den letzten Jahren an Songs arbeitete, schrieb er die Texte immer am Ende. Er liebte Refrains und Melodien – dieser Rohstoff beflügelte seine Arbeit an den Texten. Nach seinem Tod stieß ich auf sein Notizbuch   es fanden sich keine Texte darin, ausser diesen fünf Zeilen von „Demon Days“.

Gerade in diesem Song ist Ihr Gesang so sanft, wie ich sie in der Form noch nicht gehört habe bei Ihnen. Im ersten moment hatte ich eine Assoziation an die Art, wie Neil Young auf „On The Beach“ singt, einem seiner Klassiker aus den 70er Jahren. Das Album handelte ja auch u.a. von  der Einsamkeit nach dem Tod guter Freunde

Das ist ein großes Kompliment, weil „On The Beach“ mein Lieblingsalbum von Neil Young ist. Tatsächlich hörte ich mir Seite zwei des Albums noch vor einer Woche an. Ich habe wohl bislang kaum in dieser Art gesungen, weil die Melodie nicht von mir stammt.  Grants Melodie hat meine Stimme verändert. Und natürlich etablierten seine Zeilen eine Grundstimmung, der ich zu folgen hatte. 

Das Album beginnt mit einem sehr leisen langgezogen Sound, und es dauert eine ganze Weile, bis die ersten Worte fallen in dem Song „If It Rains“.  Ich empfinde das  als eine exzellenten Anfang, diese Meditation über den Regen. 

Meditation ist ein gutes Wort. Und da spielt etwas hinein, was Brian Eno einmal sagte. Sein Gedanke ging in die Richtung, daß auf bestimmte Weise ein Album in das nächste übergeht. Da war das Ende des allerletzten Liedes der Go-Betweens auf  „Oceans Apart“; und dann passierte das Schreckliche: Grant starb. Ich wollte,  das der erste Song von „The Evangelist“ eine Art Meditation sei sollte. Das Album durfte nicht normal beginnen. Ich wollte nicht mit einem Song beginnen, sondern mit einem Sound, der übrigens von einem alten Casio-Keyboard stammt. Ich wollte daß Menschen, die diese neue Cd hören und  wissen, was in der Zwischenzeit passiert war, diesen Nullpunkt hören, dieses Fast-Nichts, dieses „Shhhhhhh“. Dann erst beginnen sich die Dinge zu entwickeln. Es wäre falsch gewesen, hier mit einem netten Pop-Song zu starten a la „da da bam bam ba“. Die CD musste einfach ganz langsam beginnen! 

 Lieder wie „Pandanus“ oder „A Place To Hide Away“ scheinen eine Sehnsucht zu beschrieben nach stillen Plätzen, wo man Ruhe finden kann. Eine Vorliebe für späte Nachmittage am Meer, und andere einsame Orte.  Ich glaube , diese Songs sind autobiographisch, und Sie als Sänger sind hier eins mit der Figur der Songs…

Das hat wohl mit dem Älterwerden zu tun. Auch damit, Kinder zu haben in einer verrückten, einer wahnsinnigen Welt. Ich träume öfter von solchen Rückzugsorten. In Italien finde ich solche Gegenden, und einen  ganz traumhaft abgelegenen Ort haben meine Familie und ich einen Monat vor dem Beginn der Londoner Aufnahmen im Bayersichen Wald aufgesucht. Zwei Wochen verbrachten wir da ein er einer kleinen Hütte. Wir waren in einem kleinen Ort namens Brennberg, nahe Wörth a. d. Donau, und kurz vor Falkenstein. Es ist wohl ganz am Anfang des Bayerischen Waldes – für mich öffnet sich da eine ganz andere Welt!

 Viele Songs von „The Evangelist“ sind sehr akustisch, sehr nackt. Aber in einigen Stücken gibt es fast so einen Phil Spector-artigen „wall of sound“, sehr untypisch für Ihre Soloalaben oder die Go-Betweens. Warum haben Sie sich da für solche fast monumentale Momente entschieden? 

Das kam von dem Produzenten Marc Wallis. Ich hatte bei dieser Arbeit eine sehr klare Vorstellung von dem Sound des Ganzen. Ich sprach mit Marc mehr als ich je zuvor mit ihm gesprochen habe.  Ich wollte dieses Nackte und Karge! Marc liebt es, mit einer  ganzen  Menge  von Sounds  umzugehen.  Ich wollte aber einfache akustische Gitarren, Gitarren mit Nylon-Saiten, einen Kontrabass, ganz natürliche Klavierklänge, eine Orgel – und  viel Gesang. Bei Songs wie „The Evangelist“ oder “Don´t  Touch Anything“ kam der Input von Marc –  er hatte da eine Phantasie  von ganz dichten  Sounds. Und das gefiel mir. Er nahm sich eigentlich total zurück; die Musik wurde insgesamt  sparsam inszeniert, aber in bestimmten Momenten  wollte er speziellen Klangideen folgen. Für mich entstand da ein interessanter Kontrast! 

 Dieser von Ihnen und Grant entwickelte Song „It Ain´t Easy“ kommt wie ein Porträt daher. Grant McLennans  Liebe für Filme, für Melodien taucht da auf. Und trotzdem ist da auch, unter dieser beschwingten Leichtigkeit eine Spur Melancholie heraushören.

  Ganz sicher, aber ich wollte diesen melancholischen Unterton gegen die Melodie ausspielen. Von allen Songs war dieser Text – neben  „Ghost Town“ – am schwierigsten zu schreiben. Einige Texte  enstanden übrigens in dieser  Hütte im Bayerischen Wald.  Es war der letzte Song von Grant, an den ich mich heranmachte. Da gibt es diesen Refrain „It ain´t easy when your love is blue“ und all das. Die Frage war: wo sollte das hinführen?  Die Melodie von „It Ain´t Easy“  ist ja treibend und schwebend. ich mochte dieses unbeschwerte Qualität. Anstatt eine tottraurige  Hommage zu entwickeln, warf ich all diese Worte und  Bilder, die mir zu ihm einfielen, in einen  schnellen Song hinein. Grant liebte diese Art von Pop -  zugleich ist es ein Porträt! 

Und letztlich führt alles zu dem Song “Ghost Town”, so bewegend und dunkel  wie “Demon Days”, ein Schattenreich. Vielen Dank für das Gespräch! 

I don’t remember how we got this far
All I know is I’m loving you
for all the right reasons
In my sky you’ll always be
my morning star (Jayhawks, Rainy Day Music)

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Er wusste schon seit Tagen, nicht erst, seit ihn unheimliche Schmerzen ins Krankenhaus transportiert hatten und in Kürze die zweite Vollnarkose mit ihrem traumlosen Schlaf lockte, um en passant zwei Nierensteine aus der Harnleiter zu lotsen, dass er von einer Zukunft mit Mörderwanderungen, Gebäude 9-Trips und arabischen Zelten in Bergisch-Gladbach träumte, dass er endlich klar war, und alles Zögern und die Dramen der halben Wege ein Ende hatten, dass er sein Gedicht Cappucino Love erstmals singen würde vor dem kleinsten wuschelköpfigem Publikum der Welt, und natürlich müsste er zuvor die alten Requisiten der Troubadoure bereit stellen (Pfeile, die durch die Zeit fliegen, ungeduldiges Papier, Pferde, die ruhig im Stall bleiben können), und vielmehr noch müsste er auf eine große Portion Glück hoffen (Erinnerungen an den Hyde Park und Domburger Nächte allein reichten da nicht aus) – und wie ungewiss der Ausgang auch sein würde, eine neu entdeckte Musik gab ihm die Kraft, nach der Entlassung aus der Urologie, unter winterlichem Himmel, diesem tiefsten Herzenwunsch zu folgen Blues Funeral, das jüngste Werk der Mark Lanegan Band, das er hier, mit klarem Kopf, und auch mal unter dem Einfluss schmerzlindernder Opium-Derivate, unter der Bettdecke zum Soundtrack der kommenden Wochen erkor.

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2012 9 Feb

A Message from David Sylvian

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“It is with great sadness that we announce that David Sylvian will be unable to undertake the scheduled tour in March and April 2012. David has sustained a lower back injury that is causing him significant pain and affecting his mobility to such a degree that, at this time, he will be unable to perform …” (davidsylvian.com)

 


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