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Archiv: Dezember 2011

2011 31 Dez

Zum Jahreswechsel

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Zum Jahreswechsel möchte ich an einige Zeilen von Kurt Tucholsky erinnern, die dieser 1926 geschrieben hat….

Neues Leben                                               von Kurt Tucholsky

Berlin, den 31. Dezember 1920
Berlin, den 31. Dezember 1921
Berlin, den 31. Dezember 1922
Berlin, den 31. Dezember 1923
Berlin, den 31. Dezember 1924
Berlin, den 31. Dezember 1925
(abends im Bett)

Von morgen ab fängt ein neues Leben an.
Der Doktor Bergmann hat einen ordentlichen Schreck bekommen, als er mich ansah, und ich bekam einen noch viel größeren. »Was machen Sie denn, lieber Freund?« fragte er leise. »Was … was ist denn, Doktor?« sagte ich. »Haben Sie etwas mit der Leber?« fragte er. »Ihre Augen gefallen mir gar nicht. Kommen Sie mal in den nächsten Tagen zu mir!« Natürlich gehe ich hin. Ich weiß schon, was er mir sagen will, und er hat auch ganz recht. So geht das nicht mehr weiter.
Also von morgen ab hört mir das mit dem Bier bei Tisch auf. Wenn mir Mutter wieder Hamann-Schokolade durch Emmy schicken läßt, gebe ich sie den Kindern. Und Edith darf nicht mehr so fett kochen. Gestern hab ich ihr noch gesagt … Nein, gestern hab ich gefragt, ob noch Stopfleber da ist – das ist wahr. Aber das hört mir jetzt auf.
Der Sandow-Apparat – wo ist der Sandow-Apparat? Er liegt auf dem Boden. Das Mädchen soll ihn morgen herunterholen. Von morgen ab fange ich wieder an, regelmäßig jeden Morgen zu turnen. (›Wieder‹ – denke ich deshalb, weil ich mir das schon so oft vorgenommen habe.) Und fünfzig Kniebeugen, wenn ich fleißig trainiere, kann ichs mit Leichtigkeit auf hundert bringen. Ich war doch ein sehr guter Turner, seinerzeit – wenn ich nicht gerade dispensiert war. Na ja, aber heute ist das ja ganz was anderes.
Von morgen ab stehe ich früh auf. Dieses ewige Lange-im-Bett-herum-Geliege – das führt ja zu nichts. Ich stehe einfach um sechs auf, turne ordentlich, dann schön brausen und frottieren – ah – darauf freue ich mich. Ob ich nicht doch anfangen soll, zu reiten … ? Na, das ist vielleicht zu teuer – aber ein Stündchen durch den Tiergarten – großartig! Ich werde ins Geschäft gehen! Das härtet ab – in drei Monaten bin ich ein anderer Kerl. Schlank, elegant, gesund – Bergmann wird sich wundern.
Von morgen ab nehme ich den spanischen Unterricht wieder auf. Jeden Tag abends im Bett ein halbes Stündchen Spanisch – das geht ganz gut und bringt einen auf andere Gedanken. Dann kann ich die Reise nach Südamerika machen – ich werde Edith nichts sagen – das wird eine Überraschung, wenn ich auf dem Dampfer so ganz lässig Spanisch spreche … Als ob sich das von selbst verstände … Hähä …
Übermorgen fängt ein neues Jahr an – ich werde ein anderer Mensch.
Von übermorgen ab wird das alles ganz anders. Also erst mal muß die Bibliothek aufgeräumt werden – das wollte ich schon lange. Aber jetzt gehts los. Von übermorgen ab mache ich nicht mehr diese kleinen Läpperschulden – eigentlich sind das ja gar keine Schulden –, aber ich will das nicht mehr. Und die alten bezahle ich alle ab. Alle. Von übermorgen ab höre ich wieder regelmäßig bildende Vorträge – man tut ja nichts mehr für sich. Ich will wieder jeden Sonntag ins Museum gehen, das kann mir gar nichts schaden. Oder lieber jeden zweiten Sonntag – den anderen Sonntag werden wir Ausflüge machen –, man kennt die Mark überhaupt nicht. Ja, und neben die Waschtoilette kommt mir jetzt endlich die Tube mit Vaseline – das macht die rauhe Haut weich, so oft habe ich das schon gewollt. Übermorgen ist frei – da setze ich mich hin und lerne Rasieren. Diese Abhängigkeit vom Friseur … Außerdem spart man dadurch Geld. Das Geld, was ich mir da spare – davon lege ich eine kleine Kasse an – für die Kinder. Ja. Das ist für die Ausstattung, später. Von übermorgen ab beschäftige ich mich mit Radio – ich werde mir ein Lehrbuch besorgen und mir den Apparat selbst bauen. Die gekauften Apparate … das ist ja nichts. Ja, und wenn ich morgens durch den Tiergarten gehe, da werde ich vorher Karlsbader Salz nehmen – so weit ist es bis zum Geschäft gar nicht …
Man kommt eben zu nichts. Das hört jetzt auf.
Denn die Hauptsache ist bei alledem: man muß sich den Tag richtig einteilen. Ich lege mir ein Büchelchen an, darin schreibe ich alles auf – und dann wird jeden Tag unweigerlich das ganze Programm heruntergearbeitet – unweigerlich. Von morgen ab. Nein, von übermorgen ab. Im nächsten Jahr … Huah – bin ich müde. Aber das wird fein:
Kein Bier, keine Süßigkeiten, turnen, früh aufstehen, Karlsbader Salz, durch den Tiergarten gehn, Spanisch lernen, eine ordentliche Bibliothek, Museum, Vorträge, Vaseline auf den Waschtisch, keine Schulden mehr, Rasieren lernen. Radio basteln – Energie! Hopla! Das wird ein Leben!
Anmerkung des ›Uhu‹: Wir wollen mal nächstes Jahr wieder vorbeifliegen….

2011 30 Dez

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (9)

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Der Ausnahme-Pianist András Schiff, geboren am 21.Dezember 1953, begann am 22.12.2011 seinen Bach-Zyklus im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle. Auf dem Programm standen die Goldbergvariationen von J.S.Bach. Von den zahlreichen Interpretationen, die ich bisher hören durfte, hatte mir bis zu diesem denkwürdigem Abend die von Grete Sultan am besten gefallen. Dann aber kam András Schiff, setzte sich an den Steinway-Fabbrini – ein unglaubliches Instrument, eine Klarheit, wie ich sie selten gehört habe – und spielte die 30 Variationen am Stück in einer solchen Intensität, dass das Publikum wie gebannt zuhörte und am Schluss dermaßen begeistert applaudierte, dass Schiff noch eine ganze Beethoven-Sonate zugab (op.109). Susanne Benda schreibt zurecht in den Stuttgarter Nachrichten: „ Zierwerk und Essenz gehen in eins, nichts Überkünsteltes oder Eitles drängt sich auf. Über seine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Werk ist der Künstler zu einer Art zweiten Naivität gelangt: Wie ein Kind scheint er über hübsche Trouvaillen am Rande zu staunen und über die wiederholten Achtel und die Sechszehntel in der 20.Variation zu lachen …“
 
 
 

 
 
 
Tonträger von diesem Konzert gibt es natürlich nicht und wird es auch nicht geben, der SWR hat leider nicht mitgeschnitten. Trost bietet lediglich eine Aufnahme der Goldbergvariationen von Schiff aus dem Jahre 2003, erschienen bei ECM New Series und eine ältere Aufnahme aus dem Jahre 1991, remastered neu aufgelegt 2006 (Decca Universal).
 
 
 

 
 
 
András Schiff ist übrigens mit „Das Wohltemperierte Klavier“ Teil 1 am 17.Januar und mit „Französische Suiten und Ouvertüre“ BWV 831 am 14.März 2012 in der Stuttgarter Liederhalle zu hören.
Klar, dass jetzt in meinem Plattenschrank nach weiteren Schiff-Platten gesucht werden muss. Herausragend natürlich die in diesem Jahr bei ECM New Series erschienene Doppel-CD Robert Schumann / András Schiff: Geistervariationen , eine wunderbare Platte.
 
 
 

 
 
 
Über die 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens sagte Schiff einmal: „Für diese Musik könnte ich sterben“.  Auf acht CDs hat András Schiff alle Sonaten für ECM eingespielt. Wolfram Goertz schrieb in Die Zeit dazu: Mit Schiff ist es wahrlich ein einziges Entdecken…“ Eben! Wie beim Konzert am 22.12.2011 in der Liederhalle.
 
 
 

 
 
 
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass András Schiff nach seiner viel gelobten Beethoven-Zyklus – Einspielung bereits 2009 wieder zu Bach zugekehrt ist und bei ECM die Sechs Partiten BMV 825-830 veröffentlicht hat. Auch eine CD, die begeistert!
 
 
 

2011 29 Dez

Love goes to buildings on fire

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Das Buch mit dem FEUER im Titel war  ein über weite Strecken spannendes Leseerlebnis. Schon im ersten Kapitel begegnete ich der jungen Meredith Monk und der jungen Laurie Anderson bei speziellen Traum- und Tranceritualen. Wunderbar auch, den frühen Talking Heads auf die Spur zu kommen, wer mag, kann das jetzt auf der DVD “Chronology” nachholen, das die Band in ihren diversen Phasen präsentiert, live on stage. Wie Will Hermes war ich damals auch ein Teenager, mit meinem Freund Marokko sah ich Flipper und die Monkees im Fernsehen, und schon kurze Zeit später begeisterten wir uns für Miles Davis’ “Hurengebräu” und, seltsam genug für Jungs aus dem Kohlenpott, für Free Jazz. M.E.

Five Years In New York That Changed Music Forever
by Will Hermes
Hardcover, 368 pages

For a lot of us, the middle ’70s was a dormant period in music sandwiched between two stellar periods: the monstrously creative middle and late 1960s and the shedding skin and rebirth of rock music in the late 1970s, particularly the punk and new wave movements. Will Hermes tears that myth apart and takes us on a journey, witnessing the birth of hip-hop, punk, minimalism, salsa and free jazz in the basements, lofts and small upstart clubs of New York City.

Hermes was a young teen living in the suburbs of New York during those days; these days he’s a writer for NPR’s All Things Considered and for Rolling Stone. What makes Love Goes to Buildings on Fire so compelling is that it reads like a living history, so you find Philip Glass witnessing a Talking Heads performance and vice versa, and we begin to understand how events changed the music and how music in one small geographical location changed what we hear today.

Bob Boilen, npr.org

 
 
Geechee Recollections
 
 
 
lieber michael engelbrecht,
schön von ihnen zu hören, – dinge aus frühen jahren! sie haben recht, die geechee recollections sind auch für mich ein meilenstein, viel zu wenig ins bewusstsein der jazzhörerschaft eingedrungen. ich mag die lp wegen des mutigen vorandrängens kreativer musik zu jener zeit & nicht nur, weil viele instrumente auf der lp zu hören sind, die ich marion nach usa geschickt hatte, als ich in den 60er jahren in kairo lebte. wir waren in intensivem brieflichen kontakt, & von ihm bekam ich auch ein sehr langes 4-spur-tonband mit damals fast nicht erreichbaren lps von sun ra, die marion von einem freund ausgeliehen hatte. marion & ich planten eine musikfassung von büchners woyzeck, aber durch meine versetzung nach kabul (ich war damals beim goethe-institut) blieb es beim plan. sehr schade. wissen sie, ob marion noch lebt? ich hatte noch ein paarmal nach seiner gehirnoperation briefkontakt, aber dann wurde mir klar, dass eine kommunikation kaum noch möglich war. die korrespondenz zwischen uns liegt jetzt im archiv der akademie der künste in berlin. marion hat auch mehrfach meine erste lp mit dem cairo free jazz ensemble (1970/71) in usa im radio gespielt. ein weit unterschätzter künstler war er & einer der ersten afroamerikaner, der sich auf intellektuellem niveau dem free jazz näherte. & ein wunderbarer bescheidener mensch…
um wieviel uhr kommt ihre sendung im deutschlandfunk?
ich grüsse einen der seltenen leser meines obduktionsprotokolls!
hartmut geerken

Homepage: www.hartmutgeerken.de

2011 24 Dez

Sarah Jarosz – Follow Me Down

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Die akustische Entdeckung der letzten Tage ist das Album FOLLOW ME DOWN von Sarah Jarosz, das im letzten Sommer erschien. Es zieht ein Folkore-sozialisiertes Wesen wie mich, das Country & Western-Anklänge nie mochte – abgesehen von der Musik James Taylors (und anderen zahlreichen Ausnahmen), sogleich in einen Sog. Kristallklare Sound-Abmischungen der diversen Saiteninstrumente; die wunderbare Stimme und die coolen Phrasierungen; geschmackvolle Arrangements und unsereins kommt zu dem Schluss: Folk is not dead  – ´cause this is pure fun listening. Geschmackvolle Cover mit deutlich eigener Handschrift – Radioheads “The Tourist” zb (“Slow down”).  Die Krönung aber: eine Interpretation von Bob Dylans “Ring Them Bells” – und ich muss gestehen, dass ich den Song gar nicht kannte – anyway, listen here …


2011 22 Dez

Notizen aus der Offline-Zeit 1

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Das Anlesen von Büchern ist eine Methode, Zeit zu sparen.Wer kennt nicht andere Zeitgenossen und sich selbst genug, um sich an kleine zähe Zeiträume zu erinnern, in denen man sich durch Bücher quälte, immer noch auf den zündenden Funken wartete, und am Schluss sich selbst bloss den Tag (oder eine Woche) geklaut hatte mit vermeintlichen literarischen Schwergewichten. Ich hatte nun wieder mal einige Bücher angesammelt, die mir via Buchdeckel  verheissungsvolle Blicke zuwarfen. Ich unterzog sie dem Anlesetest, las lauter erste Kapitel, und fühlte mich an Italo Calvinos nur  leicht angestaubten Klassiker „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ erinnert. Dort ging es nie über Buchanfänge hinaus, hier aber locken nun, nach der Vermüllung  garantierter Langeweile (eine Buchempfehlung von Elke Heidenreich wurde auch gleich mit vermüllt), einige Pageturner, grossartige Genremixe, ein Politthriller, den sich George Clooney mal vornehmen sollte, ja, etliche rauschhafte Erlebnisse und Ich-schlag-mir-die-Nacht-um-die-Ohren-Bücher. Schauen Sie selbst, ob für Sie etwas dabei ist, ich werde höchstwahrscheinlich hingerissen sein:

Wolfgang Herrndorf: Sand

Hunter S. Thompson: Der Fluch des Lono

Ross Thomas: Der achte Zwerg

Ulrich Becher: Murmeljagd

 

2011 22 Dez

Lost and Found – Seu Jorge

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Eines Sommers hörte ich ein Stück im Radio: aus dem Wohnzimmer in die Küche drang der Klang von sophisticated samba – schwebend leichter Rhythmus, Sommerbrise. “Ah, das können nur die Brasilianer!” Ich sprang im Hechtsprung vor das Radio, um mir den Namen des Interpreten zu merken – zu spät. Etwas wie “Jorge Ben” blieb hängen, die Stimme klang entspannt, ein bischen traurig und in den letzten Takten wie McFerrin.

Kennen Sie das: eine kurze Begegnung nur – dann unwideruflich verloren? Ein Reisender steht an einer Bushaltestelle in Salvador do Bahia, sieht die Frau seines Lebens – und sie steigt in einen anderen Bus und der Bus fährt ab. Nicht umsonst wurden Orpheus und Eurydike einst filmisch in den brasilianischen Karneval verlegt (Orfeu Negro).

Es war in Brasilien, bei meinem Gastgeber, einem Cartoonzeichner aus Brasilia, und es lief eine wunderbare, driftende Musik: ein Schwarzer, aus Angola stammend, spielte lauter Berimbaus und Geigen – eine Sinfonie, die Platte hieß Agua. Irgendwas wie “Fernando Brant” (Milton Nascimentos Hauskomponist), “Fernando” oder “Brant”, blieb in Erinnerung. Nie fand ich diese Platte wieder: found and lost again – tristeza não tem fim.

Bei Jorge Ben hatte ich mehr Glück. “Kennst du schon Seu Jorge? Momentan das Beste, was es aus Brasilien gibt. Seu Jorge & Almaz, musst du unbedingt hören!” Jorge? – da war doch was! Als ich die Songtitel dieses angepriesenen Interpreten durchsah, die imposante Sammlung des bewanderten Musikkenners im Rücken, sprang es mir direkt ins Auge:

Bem Querer hieß der gesuchte Song, der daherkam wie eine Sommerbrise – Sie ahnen es schon: zum Ende hin klang´s wie McFerrin. Felizidade? Sim!

Ein Sänger, Gitarrist und Songschreiber aus Rio de Janeiro also … er wuchs in den Favelas auf und wurde auch als Schauspieler bekannt: mit dem faszinierenden Film City Of God, der in eben diesen Slums von Rio spielt. Mittlerweile habe ich schon so Einiges gehört und gesehen von diesem charismatischen Künstler mit dem traurigen Unterton in der Stimme – auch war er Gast bei One Shot Not des Senders Arte.

Auf Seu Jorge & Almaz coverte er Kraftwerks “The Model” und im Film “Die Tiefseetaucher” (The Life Aquatic) gab er eine Version von Life On Mars zum Besten. David Bowie hatte es gefallen – so ist´s überliefert.

2011 20 Dez

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (8) Stille (2)

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Insel – Stille

Fluglärm in Frankfurt, in Stuttgart, in München, brülllaute Städte überall, Lärmkulissen in Kaufhäusern, Spielhöllen, schamloses Handygequatsche in Zügen, U-Bahnen, S-Bahnen, Straßenbahnen, überall, von den Lärmpegeln in Schulen ganz zu schweigen. Der 1937 in Memphis (TN) geborene Trompeter Jon Hassell lebt ausgerechnet in einer Lärm-Stadt- New York- , die wohl nie zur Ruhe kommt. Jon Hassells Musikstücke strahlen für mich dagegen eine Ruhe aus, wie ich sie nur in der Natur erlebe. In meinem Plattenschrank finde ich, passend zur “Zeit der Stille”, eine echte Insel-Stille-Platte aus dem Jahre 1978: Jon Hassell – Vernal Equinox. Ich lege von dieser inzwischen als CD wiederveröffentlichen Platte Blue Nile und anschließend noch das Titelstück Vernal Equinox auf und entschwinde für über 30 Minuten dem Lärmchaos.

 

 

Natur-Stille

Der Kölner Musikjournalist Karl Lippegaus schrieb in seinem Buch Die Stille im Kopf : “Letzte Woche in Südfrankreich nahm ich die Natur um mich herum so differenziert wahr wie lange nicht mehr. Ich erinnere mich an die Zeit als ich ein kleiner Junge war, ganz für mich allein im Wald spielte und langsam die Welt entdeckte, die mich umgab. Einmal saß ich stundenlang unter einem Baum und schaute auf das weite Tal zwischen Saignon und St.Martin-de-Castillon. Während ich so dasaß und einfach nur vor mich hinschaute, entdeckte ich ganz allmählich viel Dinge, die ich zuerst gar nicht beachtet hatte.

Wie ein Kind staunte ich über einen Stein … Pilze … Insekten, … alle Nervosität fiel von mir ab … und ich fing an, die Geräusche um mich herum wahrzunehmen, sehr differenziert, zuerst dachte ich: Unglaublich, wie still es hier ist. Dann jedoch gewöhnte ich mich an die minimalen Lautstärken, die Geräusche der fliegenden Insekten, die weit entfernten Rufe der Vögel. Ich freute mich über die Schönheit der leisen Töne und konnte mich nicht satt daran hören … Je später es wurde, um so dichter flogen die Schwalben um mich herum. Ihre akrobatischen Flüge beim Mückenfang wurden immer gewagter und hektischer. Sie kamen so nahe heran, daß ich das Surren ihrer Flügelschläge hören konnte, während sie an mir vorbeizischten. Es klang wie Musik.” 

Ich denke, es wird Zeit eines meiner Lieblingswerke von Luigi Nono herauszusuchen, das Streichquartett „Fragmente – Stille,  An Diotima“, 1980 wurde es uraufgeführt. Ein 35 Minuten Stück, äußerst zart, sehr leise Einzeltöne, sehr viele Pausen, gerade noch hörbar.

 



Musik aus der Stille

Peter Handke hat gegenüber der französischen Tageszeitung Liberation 1986 etwas geäußert, was man, denke ich, so auch auf die Musik übertragen kann: „Ich fühle, daß es immer anormaler wird zu schreiben, Ich weiß nicht genau zu sagen, warum. Aber es ist, als überschritte man eine verbotene Schwelle. Man muß dabei schweigen, die Stille finden, und in dieser Stille … beginnt das Schreiben.”

Musik aus der Stille – da fällt mir natürlich sofort Paul Bley, der Meister, der aus der Stille kommt, ein, für dessen Klavierpiel gerade die Pause so wichtig ist. 1972 erschien sein Meisterwerk Open, To Love (Solo piano) bei ECM. Ich wähle das Stück Seven und wünsche allen Lesern “Stille Tage”.

 


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2011 18 Dez

PJ Harvey in Concert

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“Let England Shake wurde in den Januarausgaben der geschätzten britischen Musikzeitschriften UNCUT und MOJO zum Album of the Year gewählt. Als sie nach ihren derzeitigen Lieblingsalben gefragt wurde, erzählte sie, dass sie seit vielen Monaten, wieder und wieder, die zwei ersten Studioalben von Neil Young höre, Neil Young und Everybody knows this is nowhere.” (Michael Engelbrecht)

Im Februar 2011 gab die britische Sängerin und Songwriterin ein fantastisches Konzert im Pariser Olympia. Ein Song aus dem Album Let England Shake, hier im Videoclip – aus einer Serie von 12 Kurzfilmen von Seamus Murphy.


“In The Dark Places”

We got up early,
washed our faces,
walked the fields
and put up crosses.
Passed through
the damned mountains,

went hellwards,
and some of us returned,
and some of us did not.

In the fields and in the forests,
under the moon and under the sun
another summer has passed before us,

and not one man has,
not one woman has revealed
the secrets of this world.

So our young men hid
with guns, in the dirt
and in the dark places.

 

“An Dunklen Orten”

In aller Frühe standen wir auf,
wuschen unsere Gesichter,
zogen in die Schlachtfelder,
stellten Kreuze auf.
Durchquerten die verdammten Berge,

marschierten höllenwärts,
und einige von uns kehrten zurück,
und einige von uns taten es nicht.

Auf den Feldern und in den Wäldern,
unter dem Mond und unter der Sonne,
ging erneut ein Sommer an uns vorrüber,

und nicht ein einziger Mann,
und nicht eine einzige Frau,
hat die Geheimnisse dieser Welt erfahren dürfen.

So also versteckten sich unsere jungen Männer,
mit Gewehren, im Dreck
und an dunklen Orten.
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Lyrics by Polly Jean Harvey | Übersetzung: Jochen Siemer

2011 15 Dez

Kontemplation im Hühnerstall – wie alles seinen Anfang nahm

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“It’s all intact, you know …” (Daniel Lanois)
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Eine Art Urszene will nicht aus meinem Gedächtnis weichen: die Hühner waren weg und der Hühnerstall, der sich im Anbau des vom Vater gebauten Elternhauses befand, gleich neben der Garage – er war leergeräumt. Da der Raum sauber und ungenutzt nun schon einige Zeit “brach” lag, nahm ich ihn (statt der Hühner) in Beschlag und nutzte ihn für meine Zwecke – im sogenannten Teeniealter oder kurz davor, in dem ja die Ausweitung der Kampf- und Entwicklungszonen zum Regelwerk gehört.

Ich legte mir eine alte Matratze auf den Betonboden – es war kühl hier trotz des heißen Sommers und angenehm gedämpftes Licht fiel durch die farbigen Mosaikbausteine – und plazierte meine Utensilien an der Wand gegenüber: das Telefunken-Tonbandgerät; das alte Röhrenradio; meine E-Gitarre (eine halbakustische Dynachord-Jazzgitarre mit großem Korpus, die ich eigentlich gar nicht so gerne mochte) und dann stand da noch der respekteinflössende Fender-Jazzbass des befreundeten Pastorensohnes.

Draussen war also diese schwirrende Hitze und ich sass ganz ruhig da auf der Matraze, betrachtete das sparsame Interieur dieses von mir ausgestatteten Raumes, der jetzt auf magische Weise zu einem archaischem Ashram - einer Mischung aus Tonstudio und Meditationsraum – geworden war und dachte, nein, ich fühlte es: “Das ist es. Es ist alles da, mehr brauchst du nicht.”

Was ich gefunden hatte, neben meiner schon bekannten Faszination für Musik und Gitarre, das war ein asketisch-kontemplativer Seinszustand, der meinem Wesen mehr entsprach als das beflissene Wiederaufbau-Geflirre der Nachkriegszeit – mit dieser geistigen Enge, über die man sich heut´ nur noch wundert und die ja bekanntlich Revoluzzer und Terroristen hervorbrachte. (Und es gab auch die Stones und “A Thousand Light Years From Home”).

Irgendwann erkennt man, was man später dann sein Eigen nennt – und viele sind sich darin einig: der Kern der späteren Persönlichkeit, des “Ichs”, ist spätestens mit sechzehn, siebzehn im Wesentlichen angelegt und man ist dann, wenn auch nicht immer fix, so doch schon eigentlich fertig. Dass sich so einer wie der, der gerade diese Zeilen schreibt, später dann auch mal mit Heidegger beschäftigte (und Zen) – soll man´s ihm verübeln?


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