Manafonistas

on music beyond mainstream

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Archiv: April 2011

2011 22 Apr

“Achtung Baustelle” …

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… ist der Titel eines Buches von Wilhelm Genazino – und freundlicher Hinweis für den geschätzten Leser unseres frisch entstandenen Blogs: auch hier läuft noch nicht Alles
rund. WordPress, that means “Work in Progress”. Wir hoffen aber inständig, dass
sich Volkshochschulkurse zu diesem Thema für alle Beteiligten vermeiden lassen. ;)

Das genannte und empfohlene Buch gliedert sich in 3 Teile. Im Ersten pflückt Genazino
mit der humorvollen Feinsinnigkeit, die unsereins seit “Ein Regenschirm für diesen Tag”
zu schätzen lernte, Zitate aus der Literatur auseinander. Der Zweite beinhaltet Essays
zu Joyce, Proust und Svevo; und der Dritte öffentliche Äußerungen des Autors.

Von Walter Benjamin heißt es zum Beispiel: “Ich lese auf meinem Zimmer Proust,
fresse dazu Marzipan.” Genazino lotet im Folgenden die Tiefe solcher Sätze aus:
“Wer Proust liest, das hören wir immer wieder, gilt als besonderer Mensch.
Wir stellen uns diskrete Individuen vor, die unauffällig, fast versteckt leben …” -

Spüren Sie diese rehscheuen Wesen auf und lesen Sie Genazino.
Sie werden es nicht bereuen. Proust Mahlzeit!

2011 22 Apr

Brian Eno: Small Craft On A Milk Sea

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(Dies war natürlich ein Spass, die weltweit erste Rezension von Enos 2010er Album ins Netz zu stellen. Bei amazon.de, als man Rezensionen noch viele Wochen vor dem Erscheinungsdatum veröffentlichen konnte. Eigentlich waren amazon.co.uk und amazon.com geplant, deshalb der englische Text, aber das klappte da erst zum Veröffentlichungs-Datum. Aber hier, auf manafonistas.de, der neuen Heimstätte des Trios Sommer/Josie/Song X, wird man wohl die ersten Rezensionen der neuen CDs von Brian Eno w/Rick Holland: Drums Between The Bells (Warp; Ende Juni 2011) und David Sylvian (23. Mai 2011) lesen können. M.E.)

During the first ten years of the new century, Brian Eno has released some albums that come close to his classics of the seventies and eighties, for example DRAWN FROM LIFE, with Peter Schwalm, or the brilliant song cycle ANOTHER DAY ON EARTH. Now, the creator of ambient music will release his first solo album on Warp Records, specialists for experimental, electronic pop. And he is working with some soulmates, Leo Abrahams (guitar, laptop, weird sounds) and Jon Hopkins (piano, electronics, strange sounds).

Good companionship for a purely instrumental record that reaches far out – and starts almost too beautiful, with the ambient sugar of EMERALD AND LINE. But even this soft starter has some grainy elements of total emptiness in it – the picture of a silent sea springs to mind (a picture Eno has often recurred to in his songs). The following three soundscapes belong to the 1000 places you will have to go to before you die. COMPLEX HEAVEN, SMALL CRAFT ON A MILK SEA and the driving, irresistible rhythms of FLINT MARCH contain everything you expect from great Eno pieces, a sense of wonder, and an ambivalent field of emotion. On FLINT MARCH, the elastic drums add to an exercise of nearly uninhibited joie de vivre (but even here, as repeated listening reveals, some dark forces are working in the background)

This 15-track journey then continues with some wild pieces, a quiet foreboding of danger, and rough passages with frenetic guitar playing: sometimes Eno loves to push sounds to the verge of falling apart. The listener is getting lost in a very interesting way – between child-like moods, disturbing fields of sound, apparitions of naked beauty. And, finally, after some upheaval and dancing on a razorblade, the quiet atmospheres of the beginning re-enter the scenery: WRITTEN, FORGOTTEN & LATE ANTHROPACENE explore a quality of peacefulness and yearning beyond kitsch and wrong happy endings by just touching a deep zone of human experience.

This is definitely a record Eno-friendly minds and a lot of newcomers will return to again and again. SMALL CRAFT ON A MILK SEA is so fresh, so full of wonder, so far away from being a repetition of any other Eno album. Of course, there are some spirits drifting: on COMPLEX HEAVEN Eno sounds like channeling his early piano treatments for Harold Budd. The first track, EMERALD AND LINE, has a kind of Roedelius flair. But, well, on this great work even the memories are inventive – playing tricks under a strangely coloured sky!

2011 22 Apr

Steve Tibbetts: Natural Causes

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1 – Werke von Steve Tibbetts erscheinen in gehörigen Abständen; der Mann hat es nicht eilig. NATURAL CAUSES heisst der jüngste Streich, und in seiner In-Sich-Gekehrtheit erinnert er von ferne (zumindest im meditativen Gestus) an NORTHERN SONG, sein Debut auf dem Label ECM. Was Marc Anderson (Perkussion, Steel Drum, Gongs) und Steve Tibbetts (Gitarren, Piano, Kalmba, Bouzouki)zu Wege bringen, entstand damals ohne Overdubs in einem norwegischen Tonstudio an zweieinhalb Tagen – jetzt haben sie die vertraute Studiotechnologie in St. Paul benutzt, um in feinen Schichtungen musikalische Essenzen zu destillieren. Immer wieder schimmert da ein fernes Asien durch, selbst, wenn die Klänge einer Bouzouki, Kalimba und Steel Drum eher mit anderen Erdregionen assoziiert werden. Tibbetts hat lange Erfahrungen gesammelt, vor Ort.

2 – Rückblende: man nenne dies nicht Fusion Music und auch nicht Crossover. Die Musik des 1954 in Madison, Wisconsin, geborenen Steve Tibbetts erzählt vom Reisen. Mit sechs Jahren hatte Steve begonnen, die Ukulele zu erforschen, und griff zur akustischen Gitarre, sobald seine Hände sie fassen konnten. Später spielte er in Rockbands und richtete sich im Laufe der Zeit in St. Paul, Minnesota, ein eigenes Studio ein, das bald zum zweiten Instrument wurde – Klangmanipulationen gehörten zum Handwerk eines Musikers, der in seiner Jugend mal über Wochen Tomorrow Never Knows von den Beatles und Ege Bamyasi von Can hörte.

Der Globetrotter aus Passion hielt Abstand zu jedem drohenden Mainstream, vermied die mechanische Griffbrettartistik mancher Kollegen und kämpfte gegen den üblichen Etikettenschwindel: “Folkmusik vom Mars” nannte ein Journalist sein Klanggebräu. Seine erste große Reise führte nur nach Oslo: Unter der Klangregie Manfred Eichers entstand die karge, leicht pulsierende Gelassenheitskunst von Northern Song. Seitdem mischte der Gitarrist die Höhen- und Breitengrade seiner Musik nach den Gesetzen des freien Falls von Mikadostäbchen und produzierte brillante Werke, mit Titeln wie Safe Journey (1984), Big Map Idea (1990) oder The Fall Of Us All (1994) – eine konstante Verletzung des Orientierungssinnes. Manchmal sind da Geräuschspuren der Fernstraßen um Minneapolis zu hören, der Rocky Mountains oder eines Mönchschors aus Tibet.

Fetzen eines fremden Alltags fanden sich Anfang der Nuller Jahre auch auf seiner CD A Man About A Horse, wenn beim Sampeln Natur- und Tierlaute zusammen mit den bronzenen Sounds von Gongs gespeichert werden (ECM 1814). Fasziniert ist Tibbetts von der Kebyar-Schule der Gamelan-Musik, ihren explosiven Attacken, kühnen Synkopen und verwickelten Läufen aus Blockakkorden. Bali, Indonesien und Nepal wurden bald zum ständigen Reiseziel. Er hört zu, wenn ein Einheimischer von den Geistern der Bäume spricht, und lässt sich vom endlosen Klingklang indonesischer Puppenspiele in den Schlaf wiegen. Kehrt Steve Tibbetts von seinen Reisen zurück, arbeitet er mit frei schwebenden Erinnerungen, nicht mit akustischen Abziehbildern. Asien wird hier zu einer Welt, von der ein später Jimi Hendrix geträumt haben könnte. Komplexe Texturen, die, allem Gitarrenfeuer, aller Perkussionsdichte und Basswucht zum Trotz, eine seltsam beglückende Klarheit verströmen – als könnte man der Musik beim Luftholen zuhören!

3 – Zurück zu NATURAL CAUSES. Hier klingt kaum etwas nach der tantrischen Ekstase von THE FALL OF US ALL oder A MAN ABOUT A HORSE. Hier bricht sich eine (so seltsam das klingen mag) vibrierende, durchdringende Ruhe Bahn, in vornehmlich akustischen Texturen. Lebendige Pulsschläge einer Musik, die eine fantastische Balance findet zwischen Stille und Klang und Rhythmus (abseits der Klischees, die hier immer gleich etwas Heiliges und Spirituelles ins Feld führen!). Was inspirierte Steve Tibbetts diesmal? Nun, es war (u.a.) das an die menschliche Stimme erinnernde Sarangi-Spiel eines virtuosen indischen Musikers. Tibbetts weiß, wie wenig Sinn es macht, solche asiatischen Klänge naiv oder haarklein in amerikanische Kontexte zu überführen – die fremde Welt darf ihre Fremdheit nicht einbüßen. Das Resultat ist ein Gewebe aus Orient und Okzident, wie man es selten zu hören bekommt. Aber auch solche Kunst führt ins Private, verweilt nicht bei abstrakten Landkartenideen. Zu der Zeit, als Tibbetts und Anderson an der Musik arbeiteten, war Steves Schwester schwer erkrankt, und die Famile spürte die Gegenwart des Todes. Man lebte in der Vorstelllung, eine geliebte Person bald zu Grabe tragen zu müssen. Und auch dieser Schmerz hat Eingang in diese leise intensive Musik gefunden. Nun, die Dinge nahmen eine Wendung zum Guten, aber etwas von dieser Zeit hat sich in den Zwischentönen niedergelassen, eine Art ungezwungene Einkehr und Nachdenklichkeit.

2011 20 Apr

Steve Coleman: Harvesting Semblances and Affinities

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Wer die Stimme der brasilianischen Sängerin CéU mag, sich aber von den Niederungen der Pop-, HipHop- und Dub-gebundenen Songs zeitweilig lösen möchte – und sei es auch nur für einen Kurzurlaub -, der findet in den himmlischen Sphären freierer Musikformen ein ebenso frisches, vitales und bodenständiges Äquivalent.

Hier ist es Jen Shyu on vocals, die der esoterischen Musikmathematik des Altsaxophonisten Coleman und seinen “Five Elements” ein sechstes Element hinzufügt. Die Emotionalität ihres virtuosen (Scat-)Gesanges macht diese Musik zugänglich und zu einem ausgesprochenen Hörvergnügen. Erinnerungen an Flora Purim kommen auf – oder an Gunter Hampels “Galaxy Dream Band” mit Jeanne Lee. Auch Assoziationen etwa zu Theo Bleckmann und Ben Monder werden geweckt, zu den Buddies Greg Osby und Gary Thomas sowieso.

Die Aufnahmequalität und der Klang dieses Albums sind brilliant. Hier wird ein neuzeitlicher Standard erfüllt, der auch Highend-Herzen höher schlagen lässt. Es sind dies die famosen Begleitmusiker (Jonathan Finlayson on trumpet; Tim Albright on trombone), die ihren Beitrag dazu leisten, neben den ausgetüftelten Kompositionen (oder ist das etwa schon Programmiersprache?). Besonders auffällig und hörenswert ist das knackige Rhythmus-gefüge von Drums (Tyshawn Sorey) und Bass (Thomas Morgan).

Der allseits gefeierte Pianist Vijay Iyer, seinerzeit Weg- und Bandgenosse Colemans, sieht den M-Base Veteranen auf Augenhöhe mit dem großen Coltrane. Die Musik ist allerdings sehr verschieden: einerseits spirituelle Emotion pur, andererseits konstruktivistische, vitale Coolness. Das ergänzt sich gut.

2011 20 Apr

Twin Peaks auf Arte

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Mein neues LCD-TV-Gerät heißt Sam Sung und selbiges sang vor Glück, als es gestern
die Erste der kommenden Wiederholungen einer Kult-Serie ausstrahlen durfte.
Ein Hochgenuß … und FBI Special Agent Cooper trinkt seinen Kaffee immer noch schwarz – genau genommen: schwarz wie die Mitternacht in mondloser Nacht.
Do it again, Sam. Next Tuesday, before midnight.

Dazu auch: “20 Jahre Twin Peaks: David Lynchs Meisterwerk”.
Am Ostersonntag auf Bayern2.

2011 20 Apr

Hört, hört!

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Es nahen im Mai und Juni ernsthafte Kandidaten für die TOP 20 des Jahres, ja, vielleicht sogar schon der Überflieger schlechthin – zumindest aus der Perspektive der Manafonistas: David Sylvian: Died In The Wool – Manafon Variations / Villalobos & Loderbauer: RE: ECM (da transportiert man ätherische Samples von teils sehr ätherischen ECM-Quellen in eine elektronische Klangwelt) / Aus dem Hause Eicher selbst naht ein Solo-Album des Pianisten Craig Taborn, das unsere Geister spalten wird (Gefrierkost oder brilliante Rigorosität, das ist da die Frage:) / Brian Eno vertont und versoundet Gedichte von Rick Holland auf seinem nächsten Streich für Warp Records (VÖ: Ende Juni) / Und Marc Ostermeier veröffentlicht Mitte Mai ein Werk mit klischeefreier Ambient-Magie und dem enoiden Titel “Some Rules for Another Small World”  / ein Ostermeier muss natürlich ganz  österlich in die österlichen Klanghorizonte transportiert werden.

Danke Josie! Eine Heimstatt für die Mansfonistas! :) Es ist natürlich ein bißchen so, als sei man von Amazonien in den Sylvianwald der Exklusivität umgezogen. Aber zumindest das Design ist von erlesener Oualität und Sinnlichkeit! Wollen wir das Amazonische eigentlich weiterführen? Man könnte auch zwei Handlungsstränge ins Leben rufen. :) Hier der Boulevard, da die Selkirk-Sylvian-Route.

2011 20 Apr

David Sylvian: Sleepwalkers

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Zunächst enttäuscht, dass “nur” eine Kompilation größtenteils bekannter Titel vor-angekündigt wurde, entpuppt sich diese doch als lohnenswert. Und das liegt nicht nur an der bezaubernd unheimlichen Coverart der Künstlerin Kristamas Klousch. Die Zusammenstellung klingt in sich auch homogen. Immer wieder erstaunlich: die permanente Verbesserung der Soundqualität (Aufnahmetechnik/Remixing/Remastering) und das feine Gespür des Herrn Sylvian für Klänge und Ästhetik. Un cadavre exquisit? Non, mais plutôt: guter (alter) Wein in edleren Schläuchen. À votre santé !

Dissapointed first, for “only” a compilation of mainly yet published songs was advertised, it though turned out to be worthy – and this is not only because of the charming, scary coverart of Ms. Kristamas Klousch. This compilation sounds homogeneous as a whole. Time and again astonishing: the permanent improvement of soundscape qualities, as there are recording techniques (remixing/remastering) and the sampling – and last but not least Mr. Sylvian´s fine sense for sound and aestethics at all. Un cadavre exquisit? Non, mais plutôt: good (old) wine in even more precious wineskins. À votre santé !

2011 19 Apr

Das Manafon-Interview von 2009

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Eine Hörversion des Gesprächs existiert auch:

http://www.davidsylvian.net/releases/articles-interviews/99-audio-video/1247-interview-deutschlandfunk-die-erfindung-der-einsamkeit.html

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Man lasse das scheue Reh auf dem Cover auf sich wirken, das in diesem unwirklichen Wald in Richtung des Betrachters schaut: ein flüchtiger Moment, eine nervöse Bewegeung – und es wird verschwunden sein. So ähnlich verhält es sich mit den auf MANAFON vorfindlichen, sublimen Klängen fernab aller landläufigen Harmonik: über diese allerseltsamste Landschaft (die sich aus Traditionen von Ambient, Free Jazz, Morton Feldman etc. speist) erhebt sich die Stimme des Sängers – das Klanggewebe ringsum ist dermassen fein verästelt, das ein Hauch alles in eine Luftspiegelung und pures Nichts verwandeln könnte!

So bizarr das Cover wirkt, es weist auch auf Sylvians derzeitigen Lebensstil. Ein Waldhaus bewohnt er in New England, USA, und nach eigenem Bekunden verbringt er derzeit 90% seines Lebens allein; via Internet kommuniziert er mit Musikerfreunden und freut sich auf die ganz realen Begegnungen mit seinen Töchtern (s.a. The Invention Of Solitude; The Wire, Sept.2009) Dieses zurückgezogene Lebens spiegelt sich natürlich auch auf MANAFON; schon BLEMISH war das Dokument einer Lebenskrise und Trennung.

David Sylvian gilt ja ähnlich wie Leonard Cohen oder Sufjan Stevens als spiritueller Mensch, als Gottessucher. In den letzten Jahren allerdings meldeten sich Zweifel. Auf dem ersten Song (der einzige Track, der eine “Ich-Perspektive” einnimmt), SMALL METAL GODS, verabschiedet sich der Protagonist von manchen Relikten aus der Zeit, als ihm Heilslehrer und Meditationspraktiken innere Gewissheiten vermittelten. Da hinterfragt einer seinen Glauben. Schonungslos. Die Waldeinsamkeit wurde nicht aus Imagegründen gewählt.

Es gibt nicht mal vordergründige Rhythmen, Freunde des Grooves, seht euch also vor! Anders gesagt: David Sylvian bricht weitgehend mit jener Ästhetik, die seine Songalben von BRILLIANT TREES bis DEAD BEES ON A CAKE auszeichnete, diesen elegant-epischen Mix aus feiner Jazzharmonik, ambientem Wohlklang und sensiblen Pulsierungen. Schon auf BLEMISH hat die Gitarre von Derek Bailey für atonale Störfeuer gesorgt. Jetzt geht er einen konsequenten Schritt weiter: an seiner Seite eine Reihe exzellenter Improvisationsmusiker (Evan Parker, Christian Fennesz u.v.a.) – in langen Sessions tastete man sich zu einer Musik voran, die für Sylvian die Basis der Vokallinien bildeten. Ein extremes Risiko für eine Stimme, alles Melodische allein zu tragen, nicht auf das Stützkorsett vertraut-virtuoser Töne zu setzen. Als die Instrumental-Sessions in Wien beendet waren, liess er das Material erst mal lange Zeit ruhen.

David Sylvian hatte einfach keine Lust mehr, noch ein Album im Stile seiner “Klassiker” zu machen; er ist ein zu kreativer Geist, einfach nur “mehr desselben” abliefern zu wollen. Und deshalb, werte potentielle Hörer(innen) dieser Musik, ein kleiner Tipp: lassen sie sich nicht abschrecken von dem Unverständnis und der Polemik, die Musik so leicht auslösen kann, wenn sie sich ausserhalb der Komfortzone von Mainstream-Rockkritikern bewegt.

Das Gute: man muss aber auch kein Musikseminar besucht haben über Zeitgenössische Musik, um von diesen Klängen gefangen genommen zu werden. Man muss einfach nur ein wenig Zeit mitbringen, und dann gibt es jenen berühmten “switch”, das Umschalten unserer Empfangsorgane – und aus widerspenstigen, scheinbar abstrakten Klängen wird ein meditativer archaischer Rausch!

Und noch eins – manche mögen staunen, wie organisch die Stimme mit den freien Klangfeldern harmoniert. Tatsächlich hat Sylvian gar nicht viel am vorhanden Material geändert, vor allem noch einige Intros und Codas aufgezeichnet, auf zusätzlichen Sessions in Tokyo und London. Allerdings war der Mann mit dem Samtbariton ganz allein, in schönster Abgeschiedenheit, als er die Texte schrieb – und zu den Melodien fand. MANAFON ist ein Glücksfall geworden, alles andere als unnahbar.

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Das folgende Interview mit David Sylvian fand in Hamburg statt, im Flur des sechsten Stocks eines Hamburger Luxushotels. Sylvian behielt die ganze Zeit seine Sonenbrille auf; er lachte, als ich ihn darauf hinwies, diese Szenerie, mit weitem Flur und Nierentisch würde aussehen wie ein altes Bild von Edward Hopper, „Two People in a Hotel, (lost) – and if you do not take off your sun glasses, it´s really dark!“

David Sylvian, wie sind Sie an das Schreiben der Texte herangegangen, die ja so eigenartig und asketisch sind wie die Musik!

Die Zuhörer werden nicht so wild darauf sein, den Inhalt eines Songtextes mit meiner Person in Verbindung zu bringen, jedenfalls hoffe ich das; sie werden einen echten Kontakt zum Text herstellen, in dem sie ihn mit eigenen Assoziationen füllen. Grundfragen dichterischer Imagination tauchen als Thema genauso auf wie Gefühle der Desillusionierung. Das Schreiben ging wie von selbst vonstatten, nach dem Prinzip „Erster Gedanke, bester Gedanke“ a la Alan Ginsberg. Die Texte sind wohl enthüllender als ich es mir vorgestellt habe – ich habe mich weitgehend dem automatischen Schreiben überlassen. Wenn ich mir jetzt rückblickend die Texte anschaue, kann ich erkennen, aus welchem seelischen Zustand heraus sie enstanden sind – ich schreibe in den letzten Jahren weniger aus der Distanz, mehr aus dem Zentrum von Erfahrungen. Hier gibt es kein Gespür für Auflösungen, eher einen Prozess des Befragens.

In dem Song „Emily Dickinson“ bringen Sie eine berühmte Dichterin ins Spiel, die ein sehr einsames Leben führte…

Der Song selbst bezieht sich nicht direkt auf Emily Dickinson; er handelt von einem jungen Teenager, einer Jugendlichen, die eine Suchtkrankheit überwindet und sich dann völlig zurückzieht. Sie hat die fixe Idee, dass ihr Leben dem der Dichterin sehr ähnelt. Eine romantische Vorstellung, die aber Gefahr läuft, sie noch mehr in die Isolation zu treiben – bis zum Punkt der Selbstzerstörung! Das Thema des Liedes ist wohl die Unfähigkeit vieler junger natürlich auch älterer Menschen, reale soziale Kontake herzustellen. Das Internet und andere Technologien machen sie glauben, sie würden ein weitaus sozialeres Leben führen als es tatsächlich der Fall ist; in Wahrheit fühlen sie einen Mangel an körperlicher und emotionaler Zärtlichkeit.

Viele sehen einen Bruch zwischen ihren klassischen Songalben und solchen Werken wie „Blemish“ und „Manafon“. Ihre Stimme ist allerdings eine Konstante. Und sie haben doch auch schon früher öfter mit freien Improvisationen gearbeitet?!

Das stimmt, und ich würde sogar zu meinem ersten Soloalbum zurückgehen, Brilliant Trees; damals arbeitete ich bei einem Stück namens „Weathered Wall“ mit Holger Czukay zusammen, der das Diktaphon als Sampler benutzte. Einige der subtilen Sounds, die wir aus dieser kleinen Maschine herausholten und im Song unterbrachten, schienen eine besondere emotionale Wirkung zu entfalten, stärker als ein kleiner Trommelwirbel oder ein kraftvoller Gitarrensound. Diese Samples waren winzig, subtil, aber sie sagten genug, sie sagten mehr als genug. Ich habe also mit solchen ästhetischen Möglichkeiten seit vielen Jahren gearbeitet. Bei dem neuen Album wird das nun durchweg deutlich, bei jeder einzelnen Note und Geste. Genauso ist jeder Aspekt der Stimme so in den Vordergrund gestellt, das alles enthüllt wird – es gibt nichts mehr, hinter dem man sich verstecken kann. Ich begann diese Arbeit als etwas zu sehen, was man mit modernem Kammertheater vergleichen kann. Da tritt manchmal ein Erzähler auf, im Zentrum der Bühne – und jede Aktion der Bühnenregie, etwa das Changieren des Lichts von grün zu blau, verwandelt die Wahrnehmung gesprochenen Worte. Und so etwas passiert auch auf MANAFON: Da gibt es die zentrale Stimme, und die Mitspieler, die Musiker verändern mit jeder kleinen Geste der Klänge die Nuancen des Erzählten, fügen ihm etwas hinzu, verleihen ihm ein besonderes emotionales Gewicht.

Sehr visuell klingt das, wie Sie Ihre Musik beschrieben. Spielen Visualisierungen welcher Art auch immer eine besondere Rolle in die Entstehung dieser Songs?

Innere Bilder halfen mir bei früheren Arbeiten dabei, eine Kontinuität zu wahren innerhalb eines Projekts. Wenn die Idee für ein Album durch die Phase des Aussortierens geht, wenn es kaum möglich ist, bestimmte Ideen in Worte zu fassen, dann haben mir innere Bilder durchaus geholfen. Oft war es eine Landschaft ohne Menschen. Und diese Landschaft steckte das emotionale Terrain ab, in dem sich die Musik bewegen sollte. Ich benutzte solche Bilder, um zu unterscheiden, was für die Musik angemessen, was fehl am Platze war. Fragen sie mich nicht, wie das funktioniert! Ob da ein elektrisches Piano auftauchen soll oder nur ein akustisches, solche Dinge liessen sich mit inneren Bildern abgleichen. Aber bei diesen neuen Songs hat sich diese Methode geändert. Es gibt immer noch die Empfindung vor dem Gang ins Studio, das etwas Gestalt annehmen wird. Aber ich habe dafür keine bewussten Bilder mehr, nur Empfindungen. Das genügt, um Entscheidungen zu treffen. Wenn ich mich hinsetze und die ersten zwei oder drei Zeilen schreibe, dann öffnet sich auf einmal alles vor mir, die Welt dieser Lyrik, und, das wird dann auf einmal wieder sehr visuell und beschwörend. Und fast gleichzeitig mit den Texten entstanden hier ja auch die Melodien! Trotzdem hat das Schreiben für mich nicht mehr so viel Romantisches an sich wie früher. Es spielt etwas Rohes hinein, ein leichter Zynismus kommt dazu, aber auch dunkler Humor, und etwas Ironie. Christian Fennesz, Evan Parker und die andern hatten die Musik so transparent gespielt, weil sie wussten, dass da später noch eine Stimme hinzukommen würde! Und faszinierend war: ich konnte hier mit der Alltagssprache genauso arbeiten wie mit einer poetischen Sprache, ohne dass es flach oder hochgestochen klang. Im Körper dieses musikalischen Materials konnte die Sprache alles umfassen.

Diese rein instrumentalen Improvisationen haben Sie zu also zu all diesen Texten und Melodien inspiriert. Wenn diese Klänge nur kühl und kopflastig wären, wie manche behaupten, wie könnten sie dann soviel in Bewegung bringen?

All diese Einflüsse, die man verarbeitet im Laufe der Jahre des Musikmachens, begannen hier wohl aufzutauchen und seltsame Beziehungen miteinander einzugehen. Plötzlich können Anklänge von Folkmelodien auftauchen, wo man sie nun wirklich nicht erwartet. Jemand sagte mir, man könne an einer Stelle Spuren von Bluegrass erkennen. Oder man hört eine fernen Anklang an etwas aus der Klassischen Musik. Schon interessant, dass so minimale Klangreize soviel suggerieren können! Im Umfeld dieser frei improvisierten Musik kann man so viele Regeln brechen und dabei Elemente zusammenbringen, die in einer anderen Form gar nicht nebenenander existieren könnten!

Es ist sicher nicht einfach, die Gesänge über diese Instrumentaltracks zu singen. Es gibt da ja keine klar definierten Einsätze. War da seine mühsame Arbeit?

Im Prozess des Schreibens folge ich einem eindeutigen Weg. Ich schreibe und schreibe, bis alles seine gültige Form gefunden hat. Und die Melodie hat einen bestimmten Ort einzunehmen im Körper der improvisierten Töne. Den idealen Ton für die Stücke konnte ich nicht beim ersten Versuch finden. Leicht verfällst du da mal in die Überbetonung einzelner Wörter, oder du spielst bestimmte Passagen allzusehr runter, so dass du fast einen gesprochenen Text durch die Musik trägt. Da handelt es sich um eine sehr delikate Balance. Ich nehme also den Gesang oft zehn oder fünfzehn Mal auf, bevor ich den hoffentlich richtigen Weg finde, um mich der Musik mit der Stimme zu nähern.“

2011 19 Apr

Kleine Fortschritte

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Man sieht jetzt den Namen des Autors, sehr schön.
(Dank an wp_admin, den Großen Administrator im Hintergrund)

@Song X
So einfach gehts: mit Passwort anmelden > Hinzufügen (obere, graue Leiste) > Artikel – und dann schreiben.

Eine Leerzeile zwischen zwei Absätzen erhält man, in dem man einen Code vor die betreffenden Absätze einfügt. Da muß es aber doch noch eine elegantere Lösung geben…


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