Manafonistas

on music beyond mainstream

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Archiv: April 2011

2011 30 Apr

Jonathan Latimer in der Lüneburger Heide

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Zwischenstation in der Heide. Die natürlich nicht blühte, sonst wäre der Touristenstrom dank der pinkfarbenen Pracht des Heidekrauts einer Bundesgartenschau vergleichbar. Nein, mutterseelenallein geht es dort zu; einen Reiter zur treffen, hatte schon besonderen Seltenheitswert. Ich kam auf einem Baunernhof unter, der mir zwei schwarze Nächte der besonderen Art bot: nicht die Heimsuchung von Dämonen (die grausamen neuen Grönemeier-Lieder blieben mir also erspart), sondern Stockfinsternis. Ohne Taschenlampe irrte ich einmal  über einen Acker, und die spärlichen Lichter wirkten so weit entfernt wie  diverse lang verglühte Himmelskörper; doch auch die Wolken hielten sich bedeckt, und so rammte ich einen Kilometerstein, um Mitternacht, schrie kurz auf, und fand glücklicherweise doch noch zurück zum Hof. – Don´t get lost in Lueneburg Heath, sang Brian Eno einst. Ich las noch ein paar Seiten in Jörg Juretzkas gewitzter Abrechnung mit alten degenierten Hippieträumen (“Alles ganz groovy hier”) – und verschwand im Land der Träume.

Am nächsten Tag landete ich am frühen Nachmittag im Dorfcafe Alte Schule, Hinter den Höfen 7, 29556 Suderburg-Hösseringen. Der Käsekuchen im Cafe war zwar noch etwas kühl, hatte aber ein feine Zitronennote und mundete prächtig. Dort kann man nicht nur übernachten, umgeben von einem herrlichen Garten, man bewegt sich auch  auch in einem Hause, das allerlei Überraschungen bietet, von einem urgemütlichen Tante Emma-Laden bis zu   einer riesigen Bücherwand, die eine ganze Front des Dorfcafes einnimmt. Sofort flogen meine Blicke über die Einbände, ich glaubte, alte Buchclub-Bücher aus den Sechziger Jahren zu erkennen, die unsere Eltern so gern sammelten. Gleitet der Blick über diese vertrauten alten Bücherrücken, wird man flugs in eine alte Zeit katapultiert.  Mein Blick blieb aber gnadenlos an den schwarzgelben Krimis aus der Diogenes Taschenbuchreihe hängen, die in meiner Studienzeit in Würzburg  mehr Platz in meinem Regal einnahmen als die Werke von Sigmund Freud. Reihenweise verschlang ich damals Eric Ambler (Lieblingbsuch: “Die Maske des Dimitrios”) oder Patricia Highsmith (Lieblingsbuch: “Das Zittern des Fälschers”). Und hier fand ich ein offensichtlich gelesene Exemplar von Jonathan Latimer: “Den Toten ist´s egal”. Den Mann kannte ich  nur vom Namen, er schrieb seine Detektivgeschichten vor allem in den 30er Jahren, fand ich später heraus.

An der Kasse wollte ich meinen Käsekuchen bezahlen, und fragte, ob ich der Haussbibliothek diesen kleinen Roman von Latimer abkaufen könne, zum Original- oder Sammlerpreis, egal. Aus dem Off kam dis Stimme einer Dame: Nein! (Ich sah niemanden).  Und noch mal:  Nein! Dann kam sie nach vorne, und funkelnde, lebendige Augen erzählten  mir von der Bedeutung einer solchen Bücherwand, die  halt gelebtes Leben sei, und kein Dekor.  Ich sagte: -ach, so gerne hätte ich das Buch und das Ambiente  den Lesern unseres Blogs vorgesellt, die sich teilweise nicht nur für Musik, sondern auch für gute Bücher interessieren, und Thriller zählen mitunter zu den besten Büchern überhaupt. – Sie sind ein Hinterfurzer, ein Hinterfurzer sind Sie!, gab sie, durchaus charmant, zum besten, drückte mir das Buch in die Hand,  forderte mich auf, ihr dafür einen anderen guten Krimi zu schicken. Am Abend dieses Tages verschwand ich mit Jonathan Latimer  im Bett und fand mich in den Everglades wieder, in Südflorida, in den späten 30er Jahren. Latimer verfügt über einen eleganten Humor und  beherrscht die Kunst der scharfzüngigen Ping-Pong-Dialoge. Er hatte  auch in Hollywood Erfolg, mit den Drehbüchern zu Hammetts “Der gläserne Schlüssel” und Woolrichs “Die Nacht hat tausend Augen” (s.a. Eintrag vom 25. April).   Diese beiden, im besten Sinne altmodischen,  Thriller  sind im Original sicher noch zu bekommen, zumindest antiquarisch.

(Hier also meine Reise- und Übernachtungstipp für die Heide, ein Gasthaus mit Brot, Bett und Buch – und sehr ausgeschlafenen und ursympathischen  Frauengestalten:  (www.dorfcafe-hoesseringen.de)  – ich werde der Chefin, wie abgemacht,  einen brillianten Thriller schicken.

2011 30 Apr

Nine Horses: Snow Borne Sorrow

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David Sylvian hat genau zwei perfekte Platten in seiner Post-Japan-Ära gemacht: BRILLIANT TREES und SECRETS OF THE BEEHIVE, beide bedeutend. (seit BLEMISH sind die würfel neu gefallen) Ausgerechnet mit SNOW BORNE SORROW nun tat ich mich Anfangs schwer. Es erschien mir zu perfekt und zu kalt abgemischt. Ich ließ es 4 Jahre lang links liegen, ohne es mir überhaupt richtig anzuhören.

Dann aber stellte sich heraus, dass weder von Anderen noch von ihm selbst Adäquates nachkam und so widmete ich mich spät noch diesem Werk. Es kam, wie´s kommen musste: ich fand´s plötzlich gut!

Der Song “A History Of Holes” bietet eine abgeklärte, aufgeräumte Rückschau auf ein gelebtes Leben. “Atom And Cell” führt mit seinem notorischen, minimalistischen Dreivierteltakt mitten hinein in die Materie. “Darkest Birds” kann als Hommage gelten an alle Kreaturen, die sich in depressionsnahen Schattenregionen einrichten (müssen). Ihnen wäre mehr “Serotonin” zu wünschen. Das Titelstück “Snow Borne Sorrow” bietet diese experimentelle Vertracktheit, die Sylvians Kompositions- und Arrangierkunst deutlich von Seinesgleichen unterscheidet. Finally “The Day The Earth Stole Heaven”: it´s my Favorite-Sylvian-Popsong, nearly perfect. (just a little sagging at “if you look at her sideways”)

Die Riege der Musiker, die dem Meister des Sophisticated-Upperclass-Songwriting hier zur Seite stehen, darf keinesfalls verschwiegen werden: allen voran Bruder Steve Jansen, dessen Drum-Kunst und Einfluß auf das sylvianische Gesamtkunstwerk imo unterschätzt wird; Burnt Friedman; Keith Lowe, dessen satter Kontrabass an Danny Thompson erinnert; Stina Nordenstam; Ryuichi Sakamoto und Arve Hendriksen, um die wohl Wichtigsten zu nennen. Ja, dieses Album lässt sich heutzutage immer noch gut anhören und man kann nur hoffen, dass die neun Pferde erneut von der Koppel gelassen werden – someday, somehow.  

2011 28 Apr

“Alkohol” ist das Dressing für deinen Kopfsalat

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Wisst Ihr, warum mir das Lied so gut gefiel? Weil es Grönemeyer nur gesungen
hatte, nicht aber geschrieben.

Im ersten Moment dachte ich ja, es handele sich um die Abschiedsrede
von Guido Westerwelle für den Bundesparteitag der Liberalen im Mai in Rostock.

“Die Dämonen sind versenkt!” “Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, ist einer,
der den Herbert v…”, möchte man im Anflug einer steifen Brise am Warnemünder Strand ausrufen, bevor man erschöpft in den Wagnerischen Schlick zurücksinkt. Setze die Segel, Du stolzer Krieger, Richard Grönemeyer, besteig den Ruhrpott und brich auf in das Land nach dem Alkohol – “Amerika”.

In diesem Sinne…

2011 27 Apr

Arte: Bad Boy Kummer

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Bad Boy Kummer – Dokumentarfilm, CH 2010, Regie: Miklós Gimes

Er war Tennisprofi, Punk und Hollywoodreporter. Seine Interviews mit Pamela Anderson, Mike Tyson, Sharon Stone und Courtney Love sind legendär. Doch sie waren allesamt gefälscht. Unter dem Schlagwort “Borderline-Journalismus” wurde der Fall des einstigen Starjournalisten Tom Kummer zu einem der größten Medienskandale der letzten Jahre, in dessen Folge die beiden Chefredakteure des Magazins der “Süddeutschen Zeitung”, Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, ihre Stühle räumen mussten, weil sie gefälschte Interviews von Tom Kummer veröffentlicht hatten.

Und noch heute polarisiert Tom Kummer. Für die einen ist er ein genialer Hochstapler, der sein Talent verschwendet hat, für die anderen ist er ein dreister Betrüger, der die Karrieren von Kollegen zerstört hat. Heute arbeitet Tom Kummer als Paddle-Tennis-Lehrer im exklusiven Jonathan Club in Los Angeles.

Filmemacher Miklos Gimes hat als Redakteur beim “Schweizer Tagesanzeiger” seinerzeit selbst Kummers gefälschte Interviews redigiert, ohne die Konsequenzen, die seine Kollegen vom “Süddeutsche Zeitung Magazin” erleben mussten. In seinem Porträt versucht Miklós Gimes nun herauszufinden, was Tom Kummer dazu trieb, so dreist zu lügen. Es gelang ihm, einen spannenden und schillernden Dokumentarfilm zu drehen, ein Stück Popkultur, in dem Wirklichkeit und Unwirklichkeit miteinander verschmelzen. (Quelle: Arte)

2011 27 Apr

reality crashed my brain

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Twin Peaks fiel gestern aus und selbst Manuel Neuer mußte seine One-Man-Show ohne mich starten. Es gab nämlich Dokus über das Reaktorunglück von Tschernobyl. Und jetzt wird´s mal kurz ernst: ich war erschüttert und betroffen, kannte nicht die Dimension dieser fortwährenden Katastrophe. Das war keine Sau, die durch das mediale Dorf von Hysteristan (Thea Dorn) getrieben wurde und wird, sondern eine tiefernste und todtraurige Sache, von Skandalen und menschlichen Tragödien umwittert. Gorbatschow kam auch zu Wort: wir wären haarscharf vorbeigeschlittert an der richtig großen Katastrophe damals. Europa wäre dann für lange Zeit unbewohnbar gewesen. Dieses ließ sich aber abwenden – auf Kosten tausender von Menschen, die im Arbeitseinsatz ihr Leben opferten, um den Schaden einzudämmen. Jungen Männern, die bei diesem Zwangsarbeitseinsatz verstrahlt wurden und die hernach ein immermüdes Frührentnerdasein, genannt Siechtum, führten, unterstellte der russische Staat, sie würden simulieren – und man kürzte ihnen die Sozialhilfe. Dies ist nur eine der unzähligen Horror-Geschichten. Nietzsche sagte, Gott sei tot. Osho meinte, das Wort “F.U.C.K.” sei sein würdiger Vertreter. Das meine ich auch. “Und siehe da, die Schöpfung war nicht gut …” – sagt meine Wut.

2011 25 Apr

John Martyn: London Conversation

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Wenn diese Rezension einem Genius huldigt, dann völlig zu Recht: John Martyn,
leider unlängst im Alter von 60 Jahren verstorben, hat zeit seines Lebens (fast) nur
die Wertschätzung seiner Musikerkollegen und einer treu eingeschworenen Fangemeinde erfahren dürfen.

Während seine Karriere am Boden kleben blieb, schwang er sich zu Songperlen und Hymnen der angelsächsischen Popkultur empor. Im musikalischen Flug und Aderlaß der Emotionen mochte er exaltierter sein als seine Seelenverwandten der englischen Folk-Gilde, aber er manövrierte sich damit vielleicht zu sehr in die Position des Eigenbrötlers und Außenseiters.

Hier nun haben wir das Debüt von 1967 vor uns und es ist in seiner grün- schnäbeligen Abgeklärtheit nur mit dem jungen Bob Dylan zu vergleichen. Dessen “Don’t think twice…” wird dann auch hier auf sehr berührende Weise vorgetragen. Zwei Traditionals werden noch intoniert, und schließlich überzeugen natürlich die wunderschönen, noch etwas verhalten dargebotenen Eigenkompositionen.

Fazit: Hier ist ein ganz Großer noch “klein”. Und wir ahnen bereits, daß unser Glück
noch 40 Jahre währen wird. Rest in Peace, John!

Schiffsverkehr

Entfalte Meine Hand
Die Anker Los
Denn Auch Jedes Tief Dreht Sich Ins Hoch
Fall Auf Meinen Fuß
Die Feuer Sind Gesetzt
Und Die Nebel Leuchten

Deutung: Das lyrische Ich macht sich auf den Weg auf die hohe See.
Es ist sicher, dass nach schlechter Zeit auch mal wieder eine gute Zeit kommt.
Herzlichen Glückwunsch, schon mal vorab, zu dieser Erkenntnis!

Weg Mit Dem Fixen Problem
Ich Will Mehr
Schiffsverkehr
Endlich Auf Hohe See
Endlich Auf Hohe See

Deutung: Ein fixes Problem will das lyrische ich loswerden; es soll nicht starr sein,
sondern in Bewegung geraten. Schau, schau: „Wenn man sich bewegt, bewegt sich was“.
Hey, diese Textzeile hätte auch noch gut gepasst. Das ist nicht Küchenpsychologie,
das ist Besenkammerpsychologie.
 

Werde, Wer Ich Bin
Gute Fahrt
Die Dämonen Sind Versenkt
Aufgeklart
Es Gibt Kein Damals Mehr
Es Gibt Nur Ein Jetzt, Ein Nach Vorher

Deutung: das lyrische Ich will in der Gegenwart leben. Es hat die Dämonen versenkt. Hoffe, die waren schon tot, als er sie versenkt hat. Die Vergangenheit gibt es nicht mehr. Das ist natürlich Blödsinn, Herr Grönemeier. Und für das Jetzt erfinden Sie einen neuen Ausdruck, das “Nach Vorher”. Entschuldigung, aber dieser Ausdruck hat keinerlei
sinnliche Präsenz und wirkt ein bisschen lächerlich.
  

Stell Mich Vor
Das Leere Tor
Ich Schlag Mich Fein
In Seide Ein
Geb Mir Ewigen Schnee
Pures Gold, Wohin Ich Seh
Und Leb Mich Voran
Und Leb Mich Voran
Und Ich Verliere Mich In Mir

Deutung: ich fürchte, hier brennen dem Dichter die Sicherungen durch.
Vor einem leeren Tor trägt er Seide und wünscht sich ewigen Schnee.
Befindet er sich
in Todesnähe? An einer Schwelle? Oder meint er Koks? Oder ein El Dorado im ewigen Eis? Wird er hier gar vieldeutig? Er sieht überall pures Gold. Welche Drogen sind im Spiel?
Ein bisschen holzschnittartig ist das für so viel Psychedelik. Dann wird’s ganz hart:
das lyrische Ich lebt sich voran und verliert sich in sich; das ist nicht mehr Besenkammerpsychologie, das ist trivialer Totalblödsinn!  Er spielt wieder
mit Pseudotiefe und kalauert dabei vollkommen unfreiwillig.

Brauch Meinen Tag
Kein Schicksalsschlag
Das Salz In Mir
Die Vorfahrt
Radikalkur
Klare Natur
überholspur
Kein Radar
Den Abendstern

Deutung: Na, klar, jetzt zieht es unsern Freund zum Abendstern, natürlich auf der Überholspur. Schliesslich will er keine Zeit verlieren. Er reimt im Staccato, will sagen:
auf Teufel komm raus, Radikalkur auf klare Natur. Da steckt natürlich Potential drin,
wenn eine Brauerei mal wieder einen Song für einen Werbespot sucht. Da passen auch
Form und Inhalt, denn wenn man Lyrik auf einen Promillegehalt untersuchen könnte,
wäre das hier schon was für eine Zwangausnüchterung.
 

Endlich Freie Sicht
Die Segel Sind Gefüllt
Und Keine Liebe Bricht Mich

Deutung: das lyrische Ich hat freie Sicht. Prima. Die Segel sind gefüllt: ich ahne,
es weht eine steife Brise (da fällt mir ein Bierwerbespot mit Joe Cocker-Musik ein).
Und er ist frei von allem Liebeskummer. Das überrascht nicht: denn die Vergangenheit
hat er ja abgeschafft (s.o.), und eine Braut ist bei dem Verrückten glücklicherweise  
nicht mit an Bord.

2011 25 Apr

Ein Song von Jenny Hval und eine Radionacht in Melbourne

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Sie ist jung, schreibt Romane, Short Stories, und singt. Manchmal denkt man,
ihre Stimme sei elektronisch bearbeitet, aber da zapft sie nur uralte Gesangstechniken diverser Ethnien an. Ihr Album VISCERA wurde gerade bei Rune Grammofon veröffentlicht. Sie ist eine Bewunderin der neuen, kühnen Alben von David Sylvian und freut sich,
ihn beim diesjährigen Punktfestival in Kristiansand (1.9.bis 4.9.) persönlich zu erleben.
Mir erzählte sie zu einem der Songs ihres Albums Folgendes:  

“This is a thirst” ist wahrscheinlich der am stärksten improvisierte Song auf meinem neuen Album VISCERA. Es begann als spoken word-Stück. Ich sprach und summte vor mich hin, während ich andere Musik hörte. Und dann begann ich diese Session, bei der ich nur meinen Part aufnahm, diese gesprochenen Sätze und Bilder, und ich sang zu einem tiefen und langsamen Puls. Und von da an entwickelten wir das Stück. Es ist mehr Improvisationsmusik als ein Song, und wenn wir es live spielen, stellen wir uns vor, es gehe um das Bewahren eines inneren Zustandes, im Gegensatz zu einer voranschreitenden Form. So entsteht ein Raum beim Hören, vielleicht ein Zustand, bei dem man Minuten lang verweilt – es ist anders als bei einem Song, der dich anhand seiner Story  mitnimmt…spielen wir das Stück live,  ist es manchmal kurz, manchmal lang… manche Leute halten THIS IS A THIRST für einen toten Song , und andere, die es berührt, geniessen diese Stille. Ich halte es für wichtig, die stillen Momente frei  improvisierter Musik in den Rahmen von Popmusik transportieren zu können. Der Platz, den ich bei diesem Song kreieren möchte, ist ein dunkler,  aber auch ein positiver Ort – so als wärst du in einer dunklen Höhle, innerhalb  eines Körpers. Durch das Sprechen und das Wiederholen einzelner Wörter, die sich auf das Fühlen und Empfinden von Welt beziehen,  habe ich versucht, diesen dunklen Raum in einer Weise zu erfahren, die ich vorher noch nicht kannte. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang, wie ich einmal einen Song aus David Sylvians Album Blemish hörte, im Radio, das war 2003, damals lebte ich noch  in Melbourne, und das war so eine verblüffende Radioerfahrung. ich vergass alles, Zeit und Raum, und war auf einmal innerhalb einer Musik, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte. Ich denke David Sylvians „Blemish“ war eine große Inspiration für  “Viscera.“

2011 25 Apr

Winters Knochen – der magische Realismus des Daniel Woodrell

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Wie würde Genazino schreiben, wenn er in den Ozarks groß geworden wäre? Sicher bar aller Ironie, Josie! Vielleicht wie Daniel Woodrell, der sich auf seinem kleinen meisterhaften Thriller “Winters Knochen” ins niemandlandige Amerika begibt, wo sich viele Kleinkriminelle und manche Mörder mit dem Kochen von Crystal Meth über Wasser halten. Der Film
“Winter´s Bones” läuft gerade in unseren Kinos und wird von der Presse zurecht gerühmt.

Im Film waltet ein kalter sozialer Realismus, der es äußerst lohnend macht, die literarische Vorlage zu lesen, die gerade im feinen, kleinen Verlag “Liebeskind” erschienen ist. Man hat das Gefühl, dieselbe Story ganz anders zu erfahren, denn der Film blendet den magischen Realismus des Schriftstellers komplett aus. Die Sprache ist sinnlich, vibriert, macht atemlos: in der Schilderung der Nachtseite der Dinge ist sie einem Cormac McCarthy ebenbürtig. Der Regisseur hätte ja auch mit der “subjektiven Kamera” arbeiten müssen,
um z.B. darzustellen, wie die junge Anti-Heldin sich gelegentlich in andere Wirklichkeiten versenkt, in dem sie das trostlose Immergrau des Winters mit Hörkassetten vertreibt,
auf denen ihr tropische Landschaften, warme Brisen und blaues Meer vorgegaukelt werden.

Als ich den Namen des Autors zum ersten Mal las, dachte ich, es handele sich um Cornell Woodrich –  so nah liegen die Namen beieinander. Der ist schon lange tot, seine Leben war eine einzige Tragödie, und er hat, glaube ich, zur Zeit von Hammett und Chandler, seine exzellenten schwarzen Thriller geschrieben. Etwa “Die wilde Braut”, ein lang vergriffenes Diogenes Taschenbuch. Woodrell und Woodrich – zwei Meister ihres Fachs. Aber, naja,
bei den Manafonistas bin ich der Thriller-Experte, und ich bin gespannt, wann sich einer
der Mitstreiter mal daran macht, meine unerbittlichen Lesebefehle in die Tat umzusetzen. Aber die Jungs sitzen wohl jetzt in Outdoor-Cafes in Thüringen und Niedersachen, lesen wahrscheinlich Italo Svevo und fragen sich, warum sie einen Regenschirm für diesen Tag mitgenommen haben.

2011 22 Apr

“Achtung Baustelle” …

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… ist der Titel eines Buches von Wilhelm Genazino – und freundlicher Hinweis für den geschätzten Leser unseres frisch entstandenen Blogs: auch hier läuft noch nicht Alles
rund. WordPress, that means “Work in Progress”. Wir hoffen aber inständig, dass
sich Volkshochschulkurse zu diesem Thema für alle Beteiligten vermeiden lassen. ;)

Das genannte und empfohlene Buch gliedert sich in 3 Teile. Im Ersten pflückt Genazino
mit der humorvollen Feinsinnigkeit, die unsereins seit “Ein Regenschirm für diesen Tag”
zu schätzen lernte, Zitate aus der Literatur auseinander. Der Zweite beinhaltet Essays
zu Joyce, Proust und Svevo; und der Dritte öffentliche Äußerungen des Autors.

Von Walter Benjamin heißt es zum Beispiel: “Ich lese auf meinem Zimmer Proust,
fresse dazu Marzipan.” Genazino lotet im Folgenden die Tiefe solcher Sätze aus:
“Wer Proust liest, das hören wir immer wieder, gilt als besonderer Mensch.
Wir stellen uns diskrete Individuen vor, die unauffällig, fast versteckt leben …” -

Spüren Sie diese rehscheuen Wesen auf und lesen Sie Genazino.
Sie werden es nicht bereuen. Proust Mahlzeit!


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