Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

In Spanien weiß man es, in Deutschland nicht: mit Martín-Santos hat sich die spanische Prosa aus dem Staub des Bürgerkrieges und aus der literarischen Einöde der Franco-Zeit erhoben. Der Roman Schweigen über Madrid, eines der einflußreichsten Bücher der Epoche, hat unlängst seine 35. Auflage erlebt. Dieser Ruhm kommt nicht von ungefähr.

Ein junger Biologe begibt sich auf eine absurde Odyssee, die ihn durch die Salons und die Bordelle, die philosophischen Zirkel und die wüsten Slums einer erstickten Metropole führt. Das Labor braucht Mäuse. Es geht um Krebsgene und Viren. Aber es sind nicht die Mäuse, es ist der Forscher, der sich auf der Suche nach ihnen in einem Labyrinth verirrt, aus dem es kein Entkommen gibt.

Das Madrid der fünfziger Jahre erscheint hier selber als ein infernalisches Laboratorium, eine geschlossene Anstalt. Seinen deformierten Insassen ist mit dem hergebrachten sozialkritischen Realismus nicht mehr beizukommen. Daher die Verwegenheit, mit der Martín-Santos vorgeht. Seine Bilderwelt läßt an Goyas Desastres denken; sprachlich greift er auf verschüttete Möglichkeiten der spanischen Prosa, auf Delicado und Quevedo zurück. Doch zugleich wirkt seine Thematik bedrückend aktuell und sein Tonfall atemberaubend.

2015 2 Aug

Mapping Knowledges

von | Kategorie: Blog | Keine Kommentare

Sie: “Ich bin sicher, dass es da lang geht.”

Er: “Nein, da lang. Du musst die Karte umdrehen, du verwechselst links und rechts.”

Wer kennt sie nicht, diese Richtungsdissonanzen.

Landkarten sind etwas Wunderbares. Sie haben mich immer fasziniert. Sie orten und leiten, informieren und lassen staunen.. Auf meinen Reisen habe ich trotz Google earth und TomTom meist eine Karte dabei. Sie sind mir vertrauter.

Der Karten wegen bin ich nach Mons gefahren. Mons liegt ca. 50km suedwestlich von Bruessel. Mons ist in diesem Jahr europäische Kulturhauptstadt. Ich habe dort das Mundaneum besucht. Das Mundaneum ist ein Archivierungszentrum, das Wissen aus aller Welt birgt: Traditionell auf Karteikarten und auf Landkarten und – wir sind im IT Zeitalter – auf Internetmaps. Paul Otlet (1864-1944) und Henry La Fontaine (1854-19430) hatten die Idee, das Wissen der Welt zu sammeln und zu archivieren und dieses an die Welt zurückzugeben. Wie sie dabei vorgegangen sind, kann man in der ausgezeichnet kuratierten Ausstellung verfolgen.  Sie gelten als die Pioniere von Google und Wikipedia.

Im Mundaneum ist jetzt die aelteste, bekannte Karte, eigentlich ein kleiner Stadtplan, zu bewundern. Sie zeigt ein einfaches tuerkisches Strassendorf mit wuerfelartiger Siedlungsstruktur mit einer Ackerbauflaeche oder Weideland. 20150730_150528-4

Wenn man die Evolution von Landkarten abschreitet, steht man am Ende – wenn man den Algorithmensprung wagt –   vor der Verarbeitung von Data Materialien  auf Internetmaps. Natuerlich kommen sie einem raetselhaft und verschluesselt vor.20150730_153356

Ich hatte ploetzlich Jim Morrison im Ohr: We want the world and we want it now.

In einem schoenen Café in Mons habe ich in Gedanken Merleau-Ponty gefragt, wie wir diese neue Welt sehen sollen? Wie wir die Pforten der Wahrnehmung finden, um die Welt durch die Daten zu verstehen?

Wer mehr erfahren will: www.mundaneum.org

www.visitMons.be

 

Als Gregs kürzlich in meiner Gegend war, hatte ich ein Picknick vorbereitet. In der Nähe des Dreiländerecks gibt es grosse Wiesen mit Panoramablick, die um die Mittagszeit, auch im Sommer, nur wenig frequentiert sind. Wir hatten einiges zu besprechen: die Vorführung von drei Jukeboxen, ich vermittle die Lokalität, und kassiere bei Geschäftsabschluss eine ordentliche Provision. Der einzige, der eine Jukebox letztlich kaufte, war mein Freund Hans G. In Bergisch-Gladbach. Nach dem etwas anstrengenden Transport in eine Dachgeschosswohnung waren wir wieder zurück, die Temperaturen stiegen auf 34 Grad, und wir verlegten unser Picknick nah an schattenspendende Bäume.  Wie teilten uns, neben Weissbrot und  Camembert, einen Spitzensauvignon Blanc aus Marlborough, der wohl auch Brian Enos Gefallen gefunden hätte. Frisch, spritzig, verschwenderisch in Frucht mit Aromen von Cassis (aber richtig mächtig!), Stachelbeere, und ein wenig grüne Paprika! Tropische Früchte sind auch im Spiel. Das war unser “psychedelischer Neuseeländer”. Ein Sauvignon Blanc, der aus dem Glas springt. Wie mein Dealer im Aix Vinum erzählt, gilt dieses Weingut als eines der Besten in Marlborough,  und es werden nur wenige Flaschen produziert.

Dann kamen wir auf Filme und Musik, die uns jüngst begeistert hatten. Gregs erzählte mir Erstaunliches über die Geschichte dieses sehr speziellen Klaviers, auf dem Andras Schiff Franz Schubert interpretierte, ich versuchte ihn für Yann Demanges Spielfilm ” ’71 ”  zu begeistern, aber auch für die Noir-Serie “Justified” (fünf Staffeln), und  die beiden Staffeln von “Black Sails”. Kein Problem, in fünfzehn Minuten von einem historischen Piano zu dem coolsten Marshall der Fernsehgeschichte und  historischen Piratensagen zu wechseln. Ich hatte gerade das gemischte Vergnügen, die neue Arbeit von David Gilmour zu hören, und riet ihm dringend vom Erwerb dieser uninspirierten Erhabenheiten ab. Irgendwann landeten wir, wo sonst, in den 70er Jahren, und stellten uns vor, was für inspirierende Abende John Martyn einst mit Lee Perry verbracht hatte. Auf Jamaika, und im Süden Englands. Those were the days.

“I was having breakfast with Chris Blackwell and Lee Perry, and we had this tea set and all the cups were little pigs and horses with legs. And Scratch is going, Boy, look at the muff on that!, looking at this horse. Now put this with the pig, see? Now boy, this is one big muff! And he was going on about his big muff, and how it was going to get away with the powder puff and everything.” (John Martyn über die Entstehung des Songs “Big Muff” aus dem Album “One World”) 

2015 1 Aug

Eno & Wine

von | Kategorie: Blog | Keine Kommentare

“Ode To Perfume”

 

“My best wine experiences have been with French wines, so I think the best French wines are the best wines. But there are also so many bad French wines – there’s such a range. A long time ago I wrote an essay called Wines classified according to their effects, because I was convinced there was a different type of drunkenness from each kind of wine. That was the reason I got into Burgundy, because I noticed Aloxe- Corton in particular made people laugh. Bordeaux is a bad drunk for me. I think Bordeaux wines are largely responsible for the decline in French philosophy in the last 50 years. I think the problem is that Bordeaux makes you think that everything you are saying is really quite important.” (Brian Eno)

NEULAND: Flying Saucer Attack / Hilde Marie Holsen / Wayne Horvitz / “Eine Olive des Nichts” / Heitor Alveros /  Monkey Plot / Huntsville / Robert Forster / Sokratis Sinopoulos / Dominique Pifarély / Ghost Harmonic // NAHAUFNAHME: Terje Isungset // ZEITREISE: David Toop / Michael Mantler / Arthur Russell / Brian Eno / Dieter Moebius / Michael Head /  Art Lande  / Rickie Lee Jones / Jan Garbarek / Lloyd McNeill / Steve Kuhn

2015 31 Jul

Hello, I am Erik

von | Kategorie: Blog | Tags: , | 3 Kommentare

 

 
 
 
Das tageslichtleuchtende Brüllorange, in dem dieses Werk daherkommt, wird auf dem Foto nur unvollständig deutlich. Und diese Farbe setzt sich drinnen fort, nicht nur als gelegentlicher Seitenhintergrund, sondern manchmal sogar als Textfarbe. Die in den Buchdeckel eingestanzten Löcher geben drei der insgesamt 35 Portraitfotos auf dem Schmutztitel frei.

Na gut, kann man so machen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das Resultat nun eine besonders originelle Buchgestaltung ist oder eine echte Designkatastrophe. Tut mir leid, das muss jeder für sich entscheiden. Aber mit so etwas muss man wohl rechnen, wenn man es mit Erik Spiekermann zu tun hat.

Er wird es nicht besonders originell finden, als Designguru bezeichnet zu werden, aber dass Erik Spiekermann einer der wichtigsten Schriftgestalter und Designer der Gegenwart ist, wird man nicht bestreiten können. Mit seinem Werk ist jeder, der mit halbwegs offenen Augen durch die Gegend läuft, schon in Berührung gekommen. Er hat etliche Bücher des Rotbuch-Verlages grafisch und typografisch gestaltet, er hat Schriftdesigns für die Deutsche Bahn entworfen, für die Telekom, für das Informationssystem der Berliner Verkehrsbetriebe nach der Wiedervereinigung, für den WDR, für Bosch, für Audi, für VW und für den Düsseldorfer Flughafen, von ihm stammt das Corporate Design der City of Glasgow — und hunderte kleinerer Arbeiten, denen jeder mal begegnet ist. Mit ein bisschen Übung kann man seinen Stil sogar erkennen.

Oft wird die Typographie eines Buches, einer Zeitung oder einer Website gar nicht wahrgenommen. Wie anders ist es zu erklären, dass wir permanent mit der Helvetica (oder ihrem Microsoft-Klon Arial) oder der Times New Roman zugetextet werden, als gäbe es keine anderen Schriften auf der Welt. Wobei ich gegen diese gar nichts habe, sie sind nur schon längst so abgenudelt, dass keine Überlegung mehr hinter ihrer Nutzung zu stecken scheint. In den USA werden inzwischen selbst die Namen auf Grabsteinen in der Times New Roman eingraviert; wahrscheinlich einfach deshalb, weil sie standardmäßig auf jedem Computer vorhanden ist.

Ich habe seltsamerweise schon als Kind einen Blick für Schriften gehabt, ohne dass mir das damals bewusst war. Eines meiner frühen Lieblingsbücher, Michael Endes “Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer” von 1960 war für mich nicht nur die Geschichte selbst, es war (und ist bis heute) auch die Palatino, aus der es gesetzt ist. Auch die grüne Ausgabe des “Herrn der Ringe” ist für mich untrennbar mit dieser Schrift verbunden; die andere Schrifttype der englischen Ausgabe (irgendeine etwas schmal geratene Times-Variante) verändert für mich die inhaltliche Färbung der Geschichte mindestens so stark wie die Sprache selbst. Die Musik der Gruppe Kraftwerk wird für mich immer gekoppelt bleiben mit der guten alten Futura — sie hätten für ihre “Mensch-Maschine”- und “TEE”-Covers keine bessere finden können. Typographie bestimmt den Sound eines Buches oder überhaupt aller beschrifteten Objekte und beeinflusst dadurch auch den Inhalt selbst. Mein erster Blick gilt meist den Buchstaben W, R, a und g, dazu auch den Ziffern 1, 2 und 5. Sie tragen die Substanz einer Schrift in sich. Immer fand ich, dass das “g” im Logo der Süddeutschen Zeitung irgendwie verkümmert wirkt. Ein Roman, gesetzt aus der Bodoni, ist für mich eine Geschichte; derselbe Roman, gesetzt aus der Garamond, klingt für mich anders, er ist nicht dieselbe Geschichte. Es war und ist für mich ein Rätsel, weshalb so viele Autoren und Verlage offenkundig überhaupt keinen Gedanken daran verschwenden, für den Text, den sie veröffentlichen wollen, die richtige Schrifttype zu finden.

Klar, dass mich jemand wie Erik Spiekermann interessiert. Gerade auch, weil er nicht nur sein Handwerk versteht, sondern auch ein recht meinungsstarker Typ ist. Johannes Erler, der diese Biographie verfasst hat, lässt Spiekermann selbst, aber auch viele seiner Wegbegleiter und Mitarbeiter zu Wort kommen, darunter Neville Brody, Christoph Niemann oder Stefan Sagmeister. Das Buch ist eine Collage aus Interviews, kurzen Essays, Fotos — und natürlich jeder Menge Schriften und dem Prozess ihrer Gestaltung. Manchmal geht es um Millimeterbruchteile, die den Charakter einer Schrift verändern können, und das sieht man hier.

“Hello, I am Erik” verwendet übrigens nur eine einzige Schrifttype, “Real” genannt. Diese allerdings in etlichen Varianten. Das Buch ist deutsch und englisch in identischer Aufmachung zu bekommen; am Ende findet sich ein Code, mit dem man einen kompletten Fontsatz von Erik Spiekermann downloaden kann.

 

Johannes Erler:
Hello, I am Erik — Erik Spiekermann: Typographer, Designer, Entrepreneur
Verlag die gestalten, Berlin 2014
ISBN 978-3-89955-519-6

 

1) Die lange Weile von Bossa und Nova 

2) Eine Geschichte mit George Duke

3) Magie im Theatre de Mouffetard anno 1973

4) Eine der ersten englischsprachigen Besprechungen der neuen Arbeit von Robert Forster

5) Der Abschied vom Punktfestival (eine preisverdächtige Short Story)

6) Wie ich einen Abend mit Lloyd McNeill in New York verbrachte

7) Die Moebius-Schleifen in der langen Nacht der Klanghorizonte 

 

Aus gegebenem Anlass: Jazz em Agosto in Lissabon
 
 
Zunächst ist man skeptisch, wenn man liest, um was es sich bei diesem Album handelt: um das Update eines Werkes, das der junge Österreicher Mantler 1968 als Fünfundzwanzigjähriger mit den ebenfalls jungen Grössen einer kleinen New Yorker Szene dort aufnahm, das heisst mit ebenso eigenwilligen und höchst fähigen Musikern wie Cecil Taylor, Don Cherry, Gato Barbieri, Roswell Rudd, Pharoah Sanders etc … Es ist evident, dass die Entstehungssituation dieser Musik weder mit den alten (soweit noch verfügbar) noch mit neuen Musikern auch nur annähernd zurückholbar ist. Mantler hat also eine Reihe von Eingriffen in das Werk vorgenommen, wozu auch andere Instrumentationen gehören. U.a. spielt im Update die elektrische Gitarre, besetzt durch Bjarne Roupé, eine prominente Rolle. Neu eingeführt auch ein Streichquartett besetzt durch das Radio.string.quartet.vienna. Für solche Bearbeitungen, die man bei klassischen Komponisten für recht normal ansieht, gibt es zahlreiche berühmte Beispiele.

Was ist dann im Mantlerschen Fall anders und was liefert uns dieser Update, der mit der 19köpfigen Nouvelle Cuisine Big Band unter Leitung von Christoph Cech aufgenommen wurde? Wenn man hineinhört, was auch in beliebiger Reihenfolge der Tracks möglich ist, ist man erstaunt. Erstaunt über die Wucht dieser Musik, ihr wild-fröhliches, fast unbekümmertes Herumströmen. Erstaunt über das, was da alles beinahe urwüchsig auftaucht, sich verbindet und verschwindet. Intuitiv bestimmt, aber getrieben von starkem Formempfinden und Ausdruckswillen. Vor allem aber kann man (immer noch) klar hören, dass die Klänge aus dieser, d.h. jener Zeit stammen, dass sie auch in diesem Update noch reichlich jene Zeit atmen.

Jüngere oder jüngste Musiker aus dieser, der heutigen Zeit würden so nicht schreiben (können). Die Updates enthalten diese Spannung und zeugen mit der nötigen Dialektik vom damaligen Tumult – um ein einschlägiges Wort Enzensbergers zu gebrauchen. So gesehen ist es gut, dass man die Originalaufnahme nicht dabei hat. Neugierig wird man schon. Nicht nur auf die alten Aufnahmen, sondern auch auf die Beantwortung der Frage, wo die Unterschiede zu dem liegen, was vergleichbare Dreiundzwanzigjährige heutzutage an Musik entwerfen.
 
Mantlers Update ist bei ECM herausgekommen. Die Rezension ist eher auch im Printmagazin Jazzthetik erschienen.
 
Mantlers Werk wurde beim Moers Festival gespielt (siehe ARTE tv und meine Besprechung) und nun, ein paar Monate später mit dem besten grossen Jazzensemble von Portugal, dem Orquestra Jazz de Matosinhos aus Porto eine Truppe, die eine stolze Tradition der Zusammenarbeit mit Jazzgrössen hat.

 
 
Besetzung In Lissabon
 
 
CHRISTOPH CECH (direção)

MICHAEL MANTLER (trompete)
WOLFGANG PUSCHNIG (saxofone alto, flauta)
HARRY SOKAL (saxofones tenor e soprano)
DAVID HELBOCK (piano)
BJARNE ROUPÉ (guitarra elétrica)
JOÃO PEDRO BRANDÃO (saxofone soprano, flauta)
JOÃO GUIMARÃES (saxofone soprano, clarinete)
MÁRIO SANTOS (saxofone alto, clarinete, clarinete-baixo)
JOSÉ PEDRO COELHO (saxofone tenor, flauta)
RUI TEIXEIRA (saxofone barítono)
GILENO SANTANA (trompete)
JAVIER PEREIRO (trompete)
JOÃO GASPAR (trompa)
ANDRÉ GOMES (trompa)
DANIEL DIAS (trombone)
GONÇALO DIAS (trombone baixo)
SÉRGIO CAROLINO (tuba)
DEMIAN CABAUD (contrabaixo)
JOSÉ CARLOS BARBOSA (contrabaixo)
DIOGO DINIS (contrabaixo)
MARCOS CAVALEIRO (bateria)
 
 
P.S.: Für diejenigen, die nicht gleich etwas mit dem Namen Michael Mantler verbinden können: Mantler hat immer wieder mit Robert Wyatt zusammengearbeitet, wovon auch einige Alben zeugen.

 

 

Flying Saucer Attack’s new album, simply called “Instrumentals”, is a fine example of an artist who does an old-school job with guitar and tape delay – and succeeds. Nothing much happens here, all has been there before, somehow, somewhere, between bedroom record history, ambient music, and delicate noise. But here it is, nearly undescribable: the magic factor “X” that captures our attention or lets our thoughts run wild (in slow motian). Not a bad idea to listen to this music in the background while reading the first chapter of “How We Are”, ahem, in parts, a, well, self-help book: don’t run away now. And why should you? Some change might be welcome in the best of lifes. It’s on the bright side of this genre, a richly textured book about breaking routines and patterns, or just about sticking to well-trodden paths. (“Don’t try to change me,” Bertie Wooster says in one of PG Wodehouse’s stories. “It spoils the flavour.”). Vincent Deary is a psychologist and philosopher, and he’s moving far beyond the simple pleasures of “positive thinking”: “We live in rooms haunted by ourselves”. You are the main character of this book, dear reader, one that might make spin your head, in good ways. And you can have a lot of fun when reading the book, cause Dreary never turns on the modus operandi of a guru. Be happy you’re not the protagonist of the brilliant new thriller of Carol O’Connell: of course Mallory is a young, attractive, female and intelligent detective, but, she’s a sociopath, too. Carol O’Connell is quite unknown in Germany, but her “Mallory novels” belong to the rare examples of thrillers pushing boundaries and successfully mixing elements of surrealism with American nightmares, black humour and highly inventive story-telling. “The Chalk Girl” (“Kreidemädchen”, btb-Taschenbuch) is a pure reading adventure, the translation very good.  In some ways you can regard Fred Vargas as a soulmate of Carol O’Connor. Kicking genres is their favourite game. “The Strange World of the Strands” offers insights into another dream world, but here we are in Liverpool, watching Michael Head (back in the late 90’s) finding buried melodies in the Mersey River, fighting demons of drug addiction, searching for exits, love and a way out of a self-built prison. With songs that go under your skin. 

“Das ist das Fragwürdige am Fortschritt: Im Licht der Städte kannst du die Sterne nicht mehr sehen.” Unendlich ernst vorgetragener Existenzialismus aus den siebziger Jahren, Lebensweisheiten eines Tramps. Mallory, Katzengesicht, grüne Augen, kein Vorname, hat auf dem Beifahrersitz ihres als VW-Käfer getarnten Porsche einen Packen alter Briefe liegen.

Diese Reiseerinnerungen und ein Guidebook mit den Sehenswürdigkeiten der mythischen Route 66 sind ihre Orientierungshilfen. Und die Leichen, die ein Serienkiller am Rande der Nebenstraßen drapiert hat, die einmal die berühmteste Verbindung zwischen Chicago und Santa Monica waren.

Carol O’Connell, geboren 1947, hat Kunst studiert und sich lange mit Gelegenheitsjobs und surrealistischer Malerei durchgeschlagen. Surrealistisch sind auch Szenerie und Erzählweise ihres neuen Kriminalromans Such mich! Alles ist im Fluss. Mit schnellen Sprüngen zwischen den Szenen in New York (Auffindung einer erschossenen Frau in Mallorys Apartment), Chicago (vor dem Institute of Art liegt eine Leiche und weist westwärts: dieser Route müsst ihr folgen) und Tankstellen, Imbissen, Telefonzellen gerät der ganze Roman in rollende Bewegung.

Wie aus dem Fenster eines fahrenden Autos gesehen sind die Szenen mal scharf, mal verschwommen. Eingeschoben Briefzitate, Bibeltexte, Albträume. Als Kind hatte Mallory täglich in der Central Station New Yorks die Vorübereilenden gemustert: Hast du meine Augen, bist du mein verschütt gegangener Vater? Jetzt ist sie erwachsen, gehärtet vom Schmerz. Sie ist die coolste, gefühlsärmste, penibelste und erfolgreichste Kriminalbeamtin New Yorks. “Eine Soziopathin”, sagt ihr Partner Riker, und man weiß nie, was sie tun wird.

Mit ihrem getarnten Geschoss rollt sie die Route 66 lang, inmitten eines Pulks von Eltern, die die Fotografien ihrer seit Jahren vermissten Kinder hochhalten. Unter ihnen ein abtrünniger Priester und Internet-Therapeut. Der hält – doppelt an Beichtgeheimnis und ärztliche Schweigepflicht gebunden – mobiltelefonisch Kontakt mit dem Killer, der nicht mehr, wie früher auf kleine Mädchen aus ist, sondern auf größere Opfer.

Die Kinder hat er an der Mother Route vergraben, und die Eltern hoffen, das die Jammerkavalkade begleitende FBI-Team werde ein paar der wieder ausgebuddelten Knöchelchen ihrer Familien-DNA zuordnen können. Dieser Zug der verzweifelt Hoffenden entlang einer sterbenden und musealisierten Straße, flankiert von dem rasenden kalten Engel Mallory ist ein verstörendes Bild amerikanischen Lebens – wahrhaftig, weil durch eine dieser polarisierten Sonnenbrillen verzerrt betrachtet.

O’Connell erzählt ihre Detektivgeschichte als Abenteuer, als traumatisch-groteske Wiederkehr des großen amerikanischen Trecks nach Westen, als Reiseepos zur Erlösung durch Untergang. Mallory wird, das darf verraten sein, ein Ende ihrer persönlichen Suche finden. O’Connell hat mich süchtig gemacht. Im Sommer will der Verlag den ersten Band der Serie mit Mallory wieder veröffentlichen. Und dann: immer weiter!” (Tobias Gohlis, unredigiertes Skript, Die Zeit, 2010) 


Manafonistas | Impressum | Kontakt
Wordpress 4.2.2 Design basiert auf Gabis Wordpress-Templates
55 Verweise - 0,592 Sekunden.