Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Sie schob den Pfeiler mit dem Absperrungsband beiseite. Wir waren special guests und durften die Zone betreten, die anderen Besuchern verwehrt war. Es war ein riesiger, langgestreckter und hoher Saal, Fischgrätparkett auf dem Boden, Stuck an der Decke, die vier Jahreszeiten, vier Elemente, und alle Wände von unten bis oben gefüllt mit Büchern vom 9. bis zum 15. Jahrhundert. Es war etwas Sakrales im Raum, wir sprachen leiser, flüsterten, als würde uns eine Art Geheimwissen umgeben, eine Magie, die in einer alten Zeit stecken geblieben, uns fremd geworden war. Reiseberichte, Religion, Medizin. Eine Welt ohne Elektrizität, ohne Flussbegradigung, ohne Autobahnen. In der Mitte standen ein paar Arbeitstische mit Petroleumlampen. Es war die Bibliothek der Benediktinerabtei in St. Mihiel. Da waren Bücher, die mehr als 25 Kilo wogen. Umschläge aus Ziegenleder, Anfangsbuchstaben bunt verziert. Das Gewicht eines einzelnen Blattes. Die Bibliothekarin erklärte verschiedene Ordnungssysteme: Es wurde sortiert nach Regionen, aus denen die Bücher stammen oder die sie behandeln, nach der Größe der Bücher oder nach ihren Farben, es gab Bücher, die mit einem Fluch belegt waren und ich war fasziniert von der Irrationalität, und wer sagt, was irrational ist. In den Wirren einer Zeit, als die Region mal deutsch und mal französisch war, hatte ein Deutscher ein wertvolles Buch mitgenommen oder gestohlen und als man ihn auffindig machte, schrieb man ihm, das Buch sei mit einem Fluch belegt und dieser Fluch könnte sich nur auflösen, wenn er es zurückgeben würde. Ich gebe hier die Geschichte wieder, wie ich sie verstanden und in Erinnerung behalten habe. Der Mann gab das Buch zurück. Was ist – außer Diebstählen und unsachgemäßer Behandlung durch Menschen – für Bücher gefährlich? A) Das Licht der Morgen- Mittags oder Abendsonne, B) Feinstaub, C) Vollmondlicht oder D) Bücherwürmer? Auflösung gibt´s morgen oder übermorgen.

Ich war vielleicht acht oder neun und wenn ich nicht auf dem Spielplatz herumtobte oder auf den Walnussbaum kletterte, der direkt an der A 6 stand, und es gab noch keinen Lärmschutzwall, spielte ich in meinem Zimmer mit  Legosteinen. Meist baute ich auf die größeren grauen und grünen Flächenstücke zwei oder drei kleine Häuser mit ein paar Räumen, die kein Dach hatten, damit ich mit meinen kleinen Gummifiguren, die beste Freunde waren, darin herumlaufen konnte. Ich hatte zwei Bäume, einen flachen, der Schatten eines Baums, und einen moderneren mit einer Art giftgrünem Pilzkopf. Meine Lieblingsfiguren waren ein weißer Eisbär, ein weißer Wiesel und ein gelber Hund. Es gab aber auch einen Pinguin, der irgendwann seine Flügel verloren hatte. Sie unternahmen alles Mögliche, alles ohne Barbie. Einer ging zur Geigenstunde und ich spielte dann eine Etüde. Ich räumte nicht immer alles am Abend auf. Einmal warf mein Vater einen Blick in mein Zimmer und sagte, wenn ich nicht aufräumen würde, würde ich später mal keinen Mann finden. Er sagte das wirklich. Ich hielt generell nicht viel von Erwachsenen, ich fand mein Leben frei und ihres unfrei.

Das, was Gregor seinen Plattenschrank nennt, besteht bei mir aus einem Regal voller Schallplatten, CDs und Audiokassetten. (Bei Gregor sind auch noch Bücher eingeschlossen und letztlich ist bei ihm alles eingeschlossen, was alle wissen, die seine Rubrik lesen.) Wenn ich eine bestimmte Musik hören will, will ich nicht lang suchen. Das System wird durch CDs ohne Hülle erschwert bzw. mit so einer schmalen Hülle, dass Cover und Bandname kaum oder nicht zu lesen sind, das sind dann die, bei denen ich mir einfach merken muss, dass sie im Kasten der CDs ohne Hülle sind. Have Fun With God zum Beispiel. Oder Aurora von Ben Frost. Oder With US Until You´re Dead, von Archive, aus dem Jahr 2012 (Danke, T.). Ich könnte hier auch nochmal den Gedanken aufgreifen, CDs mit passenden Büchern zu platzerien. Ich stelle den wunderbar aufwühlenden Gedichtband „Crush“ von Richard Siken neben Frank Oceans Debütalbum „Channel Orange“. Eine schöne Idee, aber unpraktikabel. Ich würde meine CDs nie nach Labels ordnen. Ich denke nicht in Labels. Ich denke eher in Stimmungen oder daran, ob ich songs oder reine Elektronik hören möchte. Also steht Beat The Champ neben The Magic Whip. Dann gibt es die Abteilung mit The Necks, dem Kammerflimmer Kollektief, Labradford und Eivind Aarset. Was Audiokassetten angeht, da greife ich manchmal, vor allem vor einer Autofahrt, einfach nur wahllos ins Regal und hole irgendeine der Klanghorizonte-Kassetten raus. Hier ist eine aus dem Herbst 2006. Oh, ein vergessener Song, den ich sicher oft gehört habe. Nachtgedanken, beduselt vom Apfelwein, ein Flirt mit einer Barfrau, Selbstironie. Das waren die Stichworte aus Michaels Kommentar, die ich in die Beschriftung aufgenommen habe. Es ist ein Song aus James Yorkstons Album The Year Of The Leopard: Woozy With Cider. – Rückspultaste. Repeat.

2017 26 Jun

OKNOTOKOK

von | Kategorie: Blog | Keine Kommentare

In den letzten Tagen kam ich, was ich nur zu gerne erlebe, aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wer die „Klanghorizonte“ seit 1990 hört, wird sich womöglich daran erinnern, dass Radiohead zum Stammpersonal der Sendung zählt. Meine Faszination begann allerdings erst mit ihrem vierten Album „Kid A“, „The Bends“ habe ich nie gehört, und als mir „OK Computer“ erstmals begegnete (in einem Umfeld sich überschlagender Begeisterung), liess es mich kalt. Beim zweiten Mal auch, seitdem ignorierte ich das Album zwei Jahrzehnte lang. In dieser Zeit erlebte ich die Band einmal, bei einem regnerischen Festival in Norddeutschland, es war ein Traum. Radiohead  hatte sich einen Platz in meiner Herzenliste der besten „westlichen“ Rock-„undweitdarüberhinaus“-Bands aller Zeiten gesichert, neben den Kinks, den Beatles, den Talking Heads, den Flaming Lips,  Wire (Früh- und Spätwerk), The Go-Betweens, King Crimson, Swans, The Mountain Goats, Can, den Young Marble Giants, Steely Dan, den späten Talk Talk, und einer Handvoll anderer. (Ich nenne hier  nur Bands, die mindestens einen Sänger hatten und keinen Eigennamen im „branding“ führten.) Aber erst vor zwei Wochen, als mir die Promo der „reissue“ von „OK Computer“ ins Haus flatterte, war ich bereit, mich noch einmal auf das  Album einzulassen. Und anders als im Regelfall, wenn das jüngere Ich treffsicher lebenslang geltende Urteile liefert, war ich sprachlos und im eingangs erwähnten Staunen angekommen. Ich schloss keine Scheissbildungslücke, ich öffnete einen Abenteuerspalt!

 


 
 
 

Biotop, 1981 auf dem Hamburger Sky-Label erschienen, war mein Erstkontakt mit der Musik Asmus Tietchens‘. Kaufimpuls war nicht nur Sky (dieses Label war immer der Aufmerksamkeit wert, weil sein Boss Günter Körber ganz offenkundig nur Platten machte, die er sich selber gern anhörte), sondern ein Interview von Steve B. Peinemann mit Asmus Tietchens in dem damals noch lesenswerten Stadtmagazin „Szene Hamburg“. In diesem erzählte Tietchens unter anderem, einen Sarg unter dem Wohnzimmertisch stehen zu haben, dass er einmal Werbetexter gewesen war und woher der Titel „Geisel des Monats“ kam — Geiselnahmen waren damals gerade eine Modeerscheinung und mediales Dauerthema.

Biotop ist die erste von insgesamt vier Platten, die innerhalb von nur zwei Jahren auf dem Sky-Label erschienen. Peter Baumann, der Tietchens‘ Erstling Nachtstücke produziert und beim französischen Egg/Barclay-Label untergebracht hatte, nahm seine Option auf ein weiteres Album nicht wahr, und so landete Tietchens durch seine Freundschaft mit der Gruppe Cluster bei Sky. Diese vier Platten bilden im Werk Tietchens‘ fast so etwas wie eine eigenständige Werkgruppe. „Industrial“ im späteren Sinne gab es noch nicht, und Tietchens experimentierte mit rhythmisch orientierten, melodiösen Stücken, die man schon beinahe Popmusik nennen könnte — wären da nicht Tietchens‘ sarkastischer, gelegentlich sardonischer Humor, der die Stücke immer im letzten Moment davor bewahrt, es zu werden, und die Harmonien, die immer irgendwo haken. Dieser Humor zeigt sich schon im schreiend tageslichtleuchtenden Cover (Grafik: Tina Tuschemess) und dem komplett gegensätzlichen Titel, er setzt sich fort in der „Band“, dem Zeitzeichenorchester, das sich ausschließlich aus Anagrammen des Orchesterleiters zusammensetzt, und einzig ein gewisser Rokko Ekbek passt nicht in die Reihe — grübel, grübel.

Die Aufnahmen, das scheint mir nicht ganz unwichtig zu sein, entstanden vor dem Kontakt mit Körber, sie sind also ohne Produktionsdruck, aber auch ohne die Gewissheit einer Veröffentlichung, eingespielt worden. Das dominierende Instrument ist ein Roland-CompuRhythm, ein programmierbares Rhythmusgerät, der damals sehr beliebte Vorläufer der TR-808, die dann durch Phil Collins zu Weltruhm kam. Das Melodieinstrument ist ein Moog Sonic-Six, der auch später immer wieder bei Tietchens auftaucht. Das Ganze ist auf acht Spuren aufgenommen, ein Eventide-Harmonizer und ein Hallgerät kommen ergänzend zum Einsatz. Das ist schon alles. Kein Stück ist länger als drei Minuten. Auf der usprünglichen Original-LP lief das letzte Stück auf Seite 2 in einer bespielten Endlosrille aus, auf der späteren CD-Veröffentlichung ist es ausgeblendet. Außerdem findet sich handschriftlich ins Deadwax gekratzt der Hinweis „Urbane Musik!“

Körber hatte geäußert: „Wenn das irgendwie erfolgreich ist, können wir gleich ’n halbes Jahr später ’ne weitere LP machen. “ Das wurde dann Spät-Europa. Dazu demnächst mehr in [AT06].

 

Asmus Tietchens:
Biotop
Sky Records – 057 (1981)
Wiederveröffentlichung mit Bonustracks (zu diesen später mehr):
Die Stadt – DS 61 (2003)
Wiederveröffentlichung ohne Bonustracks:
Bureau B – BB 141 (2013)

(This is an early morning version, meaning that some errors have been corrected, some lines changed, and some thoughts sharpened; m.e.) 

 

1 – Einstimmung. Nicht ganz ausgeschlossen, dass Sie der Thriller der Kanadierin oder einzelne Szenen der fantastischen dritten Staffel von Fargo (die eine eigenständige Story erzählt, und insofern nicht auf den vorigen Stoffen oder dem Film der Coen-Brüder aufbaut) in den Schlaf verfolgen, aber das werden Sie schon aushalten! „The haunting and fairy-tale-like“ – etwas Tief-Anrührendes und Märchenhaftes ist all diesen Büchern, Filmen und Alben zueigen, trotz all ihrer unterschiedlichen Ausprägungen von „noir“ und „nostalgic“, von „wahr“ und „erfunden“. Bei „haunting“ schwingt das Bedeutungsfeld weit aus, insofern rechne man nicht permanent mit Geistern.

 

2 – Musik und Bilderbuch. Also, legen wir los: es ist die die alte Lust an den wahren Geschichten, und wie schön, wenn eine Arbeit alles in sich vereint: Stories, Bilderbuch, Feld- und Wiesenaufnahmen, das Hinterland der britischen Ortschaften, in die alle in den Ersten Weltkrieg Aufgebrochenen heil, halbwegs heil, zurückkehrten. Darren Hayman schlägt manchmal den Ton von neuen Kinderliedern an, dann wieder sind es Gespenstergeschichten, oder heiter-verwunschene Choräle, aus dem Nichts klingt er einmal wie Ray Davies nach einem guten Jahr in der Village Green Preservation Society. „Thankful Villages, Vol. 2“ – Musik für Liegestühle, Nachthimmel und Dichterstuben. So abseitig, so gut.

 

3 – Ein Martini für Mancini. Als in der alten Bundesrepublik abends um sieben die Welt noch in Ordnung war, in trügerischer Ordnung natürlich, da einigten sich die Väter des Wirtschaftswunders, die Aufstrebenden, die Mittelklassebewohner, gerne auf Exotik-Urlaube  in Spanien, Italien oder Südfrankreich. Im Kino wurden parallel europäische Träumereien  angekurbelt, die, in den besseren Fällen, auch Raum liessen für Risse, Verwerfungen, Tumulte in Liebesdingen, selbst dann, wenn Hollywood die Himmelsgeigen zahlte. Stanley Donens „Two For The Road“ (1967, das Jahr von Sgt. Pepper, Audrey Hepburns Garderobe ähnlich farbenfroh wie das legendäre Cover!) war so eine Gewebe aus ultraleichten Schwingungen und Beziehungsdrama, kunstvoll begleitet von Henry Mancinis Soundtrack. Wie Nino Rota verstand es Mancini, in Evergreens kleine schwarze Löcher einzuflechten – alles Glück viel zu federleicht, um nicht im nächsten Moment ein Hauch von Nichts zurückzulassen.

 

 

4 – Cardiff 1980, Meilenstein. A touch of nothingness? Fitting the black, the noir, the empty spaces, here we are: the first book ever that moves around the gist of one of my all-time-favourite albums, „Colossal Youth“ by Young Marble Giants! Modt of the time I’ve been flying through the pages of the book by Michael Blair and Joe Bucciero. The stories  of the teio are at times more interesting than some of the commonplace references to  „Vexations“, Cage’s „4’34“, or Eno’s eternally quoted story about his key experience to make Ambient Music happen. The revealing and more stunning pages are still holding majority, and you will love sinking  into the music even more after reading the little book. When I was speaking to Alison Statton and Philip Moxham some years ago, I asked them at one point – because their record was so anti-punk and different to the fashions of that era – what they had been listening to in the time of the creation of their masterpiece, and they answered, nearly unisono, that they were listening a lot to Brian Eno’s „Another Green World“. With their kind of minimalism, they created more of „Another Bleak World“, though the vibes of childhood, old hymns, nursery rhymes and merry-go-rounds were never that far away.

 

5 – Into the black. Andrée A. Michaud ist der „slow burner“ dieser Sammlung. Es ist auch eine coming-of-age-Geschichte über das Ankommen im Erwachsenensein, das Herantasten an eine Welt voller Verantwortungen, in der man möglichst viel von der „alten“ Lebendigkeit und Neugier erhalten möchte. Umso schwerer, wenn ein furchtbares Verbrechen aus leider nicht uralter Zeit ganz reale Ängste befeuert. Ein stilles, trauriges, ergreifendes Buch, ein Anti-Thriller nahezu, der einfach deshalb nicht in reinem horror vacui erstarrt, weil er so gut geschrieben ist, keine „patterns“ abarbeitet, und mehr als einen Hauch von magischem Realismus verströmt.

 

6 – Der bislang letzte grosse Coup von Noah Hawley. Und jetzt, fast paradox, Noah Hawleys dritte Staffel von „Fargo“ bedient sich etlicher „Muster“/“patterns“, die vom Kinoklassiker bis zur nunmehr finalen „season“ durchgespielt werden, nur selten bestätigt eine Ausnahme die Regel: ein oft winterliches Minnesota, gewalttätige Irre, gepeinigte Charaktere, ein hochintelligenter, gebildeter „alpha-Psycho“ als Personifizierung des Bösen, trottelige Polizisten, und jeweils eine starke Frauenfigur als Ermittlerin, die sich gegen alle Wirrnis durchschlagen muss. In diesem Fall ist es Corrie Coon, die wohl zu meiner neuen Lieblingsschauspielerin avanciert (oder sind es ihre Figuren in „Fargo 3“ und den bislang zwei überragenden Staffeln von „The Leftovers“, die es mir so angetan haben?!). Noah Hawley erweitert das vertraute Feld, neben der Groteske schleichen sich Elemente von Horror und Mystery und „fairytale“ ein, Dialogschärfe a la Elmore Leonard. Ganz en passant klingen  „Twin Peaks“ und „Lost“ und „The Big Lebowski“ an. Die Kunst ist, der Bogen wird nie überspannt. Da geht es nicht um ausgefuchste Referenzen. Die Musik, die Kameraführung. das Drehbuch, nahe an der Perfektion. Wie in alten Zeiten, habe ich immer eine Woche auf die nächste Folge („Netflix“) warten müssen – eine der angenehmeren Fieberkurven. Unbedingt im Original sehen! Übrigens hat Noah Hawley für seinen Roman „Vor dem Fall“ jüngst den „Edgar“ erhalten.

Was haben Sex, Musik, Meditation, im Gleichschritt marschieren, Depression und Demenz gemeinsam? Sie sind neurophysiologisch mit einer verlangsamten gleichsinnigeren Hirnaktivität verbunden, einem Modus, der für unser Gehirn offenkundig seit Jahrtausenden ein höchst wichtiger Attraktor ist. Aber deshalb empfinden noch längst nicht alle Freude daran: was des Einen Lust ist, ist des Anderen Horror vacui! Wobei es durchaus einen wichtigen Unterschied zu machen scheint, ob jemand diesen Zustand aktiv und erfahrungsoffen ansteuert (wollen kann man ihn scheinbar nicht) oder krankheitsbedingt einfach reinrutscht.

In angenehm lässiger Schreibweise begeben sich die Autoren auf eine Reise durch Philosophie, Neurowissenschaft (die eher beiläufig vermittelt wird und nicht unbedingt vorausgesetzt wird), Psychopathologie (Epilepsie, Depression und Demenzen) bis hin zu den Tätigkeiten, die in einem intendiert positiven Verhältnis zur Leere stehen: Neurofeedback und die Stille beim Meditieren, Reizdeprivation und das Floaten in Isolationstanks, der Flow beim musizieren und Musik hören und nicht zuletzt dem Ansteuern des Orgasmus, der von einigen Neurobiologen für die stärkste Triebfeder der Sehnsucht des Gehirns nach Leere gehalten wird. Der Beweis dafür steht aber leider noch aus …

Zumindest zeigen die Autoren auf, dass die bewertenden und handlungssteuernden Areale von der sensomotorischen Verarbeitung im Zustand der zunehmenden Leere im Kopf abgekoppelt werden und auch das für Gefahrenmeldung zuständige System heruntergefahren wird. Die Eigenwahrnehmung wird reduziert und bald entsteht im bewertungsarmen bis -freien Modus des Gehirns eine Entleerung des Ichs – es kann nicht länger verborgen bleiben, dass auch dieses nicht mehr als ein Konstrukt des Gehirns ist. Während der Zen-Mönch am Ziel seiner Aktivitäten angekommen zu seien scheint oder der Musiker einfach nur befreit und glücklich in Flow spielt, nimmt der Wegfall bedeutsamer Objekte und Beziehungen beim Depressiven oder Dementen schnell bedrohliche Dimensionen an. Denn wer die Leere fürchtet, leidet eher unter ihr.

Im Vermitteln von Wissen um diese Zustände und den Umgang damit wird dieses Buch ein kleiner Reiseführer durch eine vernachlässigte, aber außerordentlich wichtige Funktionsweise unseres Gehirns und vielleicht auch einiger Regionen jenseits davon. Denn, wie schon Albert Einstein sehr vorausschauend anmerkte, kann man Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Vielleicht hilft hier eine echte Pause der Stille, der Reset durch die gelegentliche Erfahrung einer Leere im sonst so überfüllten Kopf?

Stephen: I’ve always been chanting „Michelle“ with wrong words, never been keen on getting the French and English right. All I needed to know it’s that love song with this floating melody …

(noises on the tape, a kind of xylophone in the background, a hole of six minutes)

Anne: Sam Genders‘ voice is strongly rooted in a long and winding and very English road of delivering vocals – slim, clear, small brush, kind of. Most of the words I got from first hearing, though my Kentucky accent is slightly different.

David: „Dorothy“ is quite an addictive experience. He really put the poems of Dorothy Trogden into motion opening up quite different landscapes, soundwise…

Anne: Ha, yep, I think hearing these poems from a classically trained female soprano voice adding a string quartet with a knack for the Second School of Vienna, oh me, there would be no shivers down the spine …

David: This pair is a perfect match. Allow me to recite this one, called „Everything“ – „Only connect, Forster said, and I remember moments under an umbrella on a wet city sidewalk, my arm locked in another’s, our steps in sync. I lived for that even as I knew its passage. Everything is on its way to being something else, beginning or undoing, brighter than it was, or darker.“

Anne: Beautiful in its simplicity. And now really becoming something else, transported to a kind of folk idiom, neither traditional nor weird. You are literally drawn onto these these „wet city sidewalks“, everyday motives with a twist, seductive in a silent way.

Stephen: From the point of view of one of my current favorite song albums, Sam’s songs have a tiny little bit in common with Grandaddy’s recent album, that „mellow yellow“ vibe, sun-drenched, loving to let the lyrics dissolve in whispered melodies …

Anne: Hush, hush! Is it on „Winter River“ where the musicians move, for a short passage of time, into Ennio’s wide prairie territory? There are small surprises everywhere.

Stephen: There are only 50 seconds I don’t like too much, with that electric guitar at the end of one track. But, ha, even on „Sgt. Pepper’s“ there’s one whole song I don’t like, the one with the chickens in the morning.

Anne: Hopefully it will work on the new stereo mix, Stephen, You really are a Beatles maniac. „Dorothy“ feels, in moments, like stepping its toes in early English folk moods from the late 60’s. More breezy and rolling than rocking. Remember the pilgrimage of Vashti Bunyon.

David: At least that’s what they do have in common, a journey!

Anne: By the way, what are we looking at here? In this old exhibition?

Stephen: I’m not too sure. They have no guide here in the morning. It’s a stunning view, isn’t it? Mrs. Trogdon’s lines come to mind: „So just let me watch the cinema of my perceptions, let me
 catch them and let them go.“

k

– excerpts from a tape recording at Morrison Planetarium, San Francisco. Morrison Planetarium shows are fueled by cutting-edge scientific data, resulting in stunning visualizations of the latest findings, discoveries, and theories about our Universe. Every star or galaxy a viewer encounters in the planetarium precisely mirrors a real-world counterpart, and when this virtual cosmos is projected onto Morrison’s 75-foot-diameter screen, the dome itself seems to disappear, resulting in a uniquely immersive experience. You might have similar sensations listening to Diagrams‘ „Dorothy“.

Zur japanischen Woche soll heute eine besondere Spezialität serviert werden. Wir treten durch das Spiegelkabinett in das kleine japanische Restaurant, wo verstörend leise zum Studium der Speisekarte die seltsam perkussive Musik des Mkwaju Ensembles gespielt wird. Ein feiner Senchatee wird serviert und es gibt einen Seetangsalat mit Sesam zur Vorspeise und schon beginnen wir mit Henri Rousseau zu träumen (Mr. Henri Rousseau’s Dream). In früheren Kommentaren hatte ich schon angedeutet, dass wir vielleicht über die Compilation Fairlights, Mallets and Bamboo sprechen sollten. Leise aber, damit das Träumen nicht gestört wird und vielleicht noch klarer werden kann.

Denn da ist etwas versteckt, das erst kürzlich wieder hinter den Spiegeln aufgewacht ist und langsam mit einem hypnotischen Rhythmus in unser Bewusstsein kreuzt (Crossing). Quasi wie die optische Rhythmik auf einem Sushiteller, der mit Wasabi und Gari eine gewisse Schärfe erreicht, loopend wie die Bänder beim Sushi-Circle und mit Overdubbing, bei dem die genussvoll entstandenen Lücken immer wieder aufgefüllt werden und das Band nie leer zu werden scheint. Aber ist das nicht reine Augenwischerei (Trompe-l’oeil) zu den reduzierten Klängen einer kleinen Holzorgel, Glöckchen und einer leeren Colaflasche? Zeit für eine Udon-Nudelsuppe und zum Nachdenken:

 

„When I thought about it in retrospect, all the tracks actually have the same concept. The only subtle difference from track to track were the techniques I experimented with, and yet the main theme of the music on this album was the notion of time and body, of physicality. While approaching this idea in a multitude of variations, I wanted to understand how my physical body would react.“

 

Während dessen hat im Hintergrund die Musik angezogen, Fahrt aufgenommen und sich in den Vordergrund gearbeitet – nein: sich zur Summe der Katastrophe emporgeschwungen (Catastrophe Σ) – und beginnt heftiger zu oszillieren, dichter zu werden. Multirhythmisch – Steve Reich würde das Herz aufgehen. Das Gespräch ist verstummt und jeder im Raum versteht spätestens an diesem Punkt, warum andere über 600 Euros für dieses kleine Wunderwerk bezahlten, bevor es wieder neu aufgelegt wurde. Ein Album, das 1983 fast keine Beachtung fand bei seiner Veröffentlichung. Das in bloßen zwei Tagen eingespielt wurde und sich aus Mangel an finanziellen Mitteln durch konsequentes Overdubbing auf wenigen Tapes auf seine künstlerische Höhe auffaltete.

Der Ober trat an den Tisch, verneigte sich in vollendeter japanischer Diskretion und Höflichkeit und fragte, nachdem er einen kurzen Vortrag zur mathematischen Präzision und dem damit verbundenen Versuch jeglichen persönlichen Ausdruck hinter dem Klang zum Verschwinden zu bringen gehalten hatte, ob ein Nachtisch gewünscht werde. In die Stille hinein bot er einen japanischen Eisbecher zur Abrundung des Gesamterlebnisses an – bestellt!

In der Porzellanschale kamen drei Kugeln wunderbaren Speiseeises: eine apricotfarbene, eine grüne und zu meinem leichten Befremden eine graue Kugel. Nein, er wolle nichts dazu sagen, um die Geschmackserfahrung nicht durch Vorwegnahmen zu schmälern. Nie hätte ich gedacht, dass apricotfarbenes Misoeis so köstlich, grünes Algeneis so unfassbar esoterisch und graues geröstetes Sesameis so erdend seien könnten. Die Sinne waren nun endgültig überwältigt und wer schließlich wieder mühsam durch die Spiegel zurück in die Welt, aus der er kam gefunden hatte, weiß: es wird nie wieder dieselbe sein wie zuvor. Nie wieder.

Keine Frage, Patti Smith, die berühmteste Bingewatcherin englischer Kriminalserien jenseits des Atlantiks, hätte mitgefiebert in der dritten und finalen Staffel von „Broadchurch“. Das Ermittler-Duo Hardy (David Tennant) and Miller (Olivia Colman) gehört zu den gemischtgeschlechtlichen „Klassikern“ der jüngeren und älteren TV-Geschichte, und dürfte im „all-time-ranking“ einen Platz sicher haben knapp hinter Emma Peel und John Steed. Was einst makaber und surreal und exzentrisch war (und eine unschlagbare Titelmelodie hatte), schlägt in „Broadchurch“ ganz andere Tonarten an: zerrüttete Beziehungen, Gier, Kälte, und der unendliche Blues der Hinterbliebenen. Das pittoreske Dorset ist weitaus mehr geeeignet für das Zeug, aus dem die Träume von Rosamunde Pilcher sind, doch belegen Regie und Kameraführung stets aufs Neue, dass es nicht den ewigen Regen von Wales oder die karge Tristesse der Shetlands braucht, um der Nichtfarbe „noir“ neue, ungewohnte Schattierungen zu verleihen.

Jene britischen „crime series“, die sich fernab der grossen Städte abspielen, nutzen allesamt das Potential des Hinterlandes und seiner geographischen Verwitterungen, ob „Happy Valley“, „Shetland“ oder „Hinterland“ – letztere nicht nur ganz oben auf der Liste von Mrs. Smith, sondern auch Beleg dafür, dass sowohl die britische, wie natürlich auch die skandinavische Fernsehkultur, deutschem Serienstumpfsinn weit überlegen sind. Ich habe schon lange aufgehört, mich über das Münsteraner Idiotenduo amüsieren zu können, und selbst, wenn man mal „hard core“ versucht, wie beim Dortmunder „Tatort“, wiederholen sich einzelne Szenen und Muster, als wären die Drehbücher am Reissbrett entworfen worden. All diese biederen oder sozial furchbar betroffenenen „Tatorte“ werden in Punkto Dämlichkeit und/oder Sozialrealismus für Doofe nur noch von „Sylt-Krimis“ übertroffen.

Da ist „Broadchurch“, auch in der finalen Staffel, ein anderes Kaliber und vollkommen abnutzungsfrei. Und die Qualität gerät nicht einmal dadurch ins Wanken, dass wir es hier einmal mehr mit einem klassischen „whodunnit“ zu tun haben, mit gefühlten 175 Verdächtigen, und noch mehr falschen Fährten, die zwar selten der Wahrheit nahekommen, dafür aber einen Abgrund nach dem andern freilegen. Die Dialogschärfe, die Fähigkeit der Kamera, sich all Zeit der Welt für erstarrte und entgleitende Gesichtszüge zu nehmen, der homöopathisch dosierte Humor der trockenen Sorte: es gäbe einiges aufzulisten, was „Broadchurch“ ein besonderes Gütesiegel sichert.

Ohne Schwächen ist dieser finale Zehnteiler nicht, ich nenne es das „Lost-Syndrom“. Diese falschen Versöhnungsarien am Ende grosser Staffeln. Da kamen sie nun auch wieder in einer Kirche zusammen, um sich auf eine grosse Predigt einzulassen: cinematographischer Schmalz, der dann doch einmal einen Pilcher’schen Nachgeschmack hinterlässt, und der Klasse des Dramas in drei Staffeln unwürdig ist. Aber wer in Dorset lebt, ist wohl leichter für die Bergpredigt empfänglich. Sie vergeben etwas zu leicht, die Frauen von Broadchurch. Und sonst: die Abspannmelodie mag psychohygienisch ihre gute elegische Arbeit verrichten, sie ist allerdings auf Dauer allzu einlullend und sentimental. Das sind aber nur Kleinigkeiten, die von unserem gebannten Eintauchen in diese kleine Welt an der Südküste spielend absorbiert werden.

Noch ein paar Empfehlungen: lassen Sie sich, wenn möglich, auf die englische Originalfassung ein, die drei Staffeln gibt es seit kurzem in einer Box. Und geniessen Sie, bei Bedarf, die begleitenden Texte in „The Guardian“ (Google-Eingabe: z.B. Broadchurch, season 3, episode 1, recap, The Guardian). „It makes home cinema a less solitary experience. You’ll never watch alone!“ Und, wenn Sie Patti Smith irgendwo treffen, bestellen Sie ihr einen schönen Gruss und sagen sie ihr, sie möge sich rasch die gesammelten vier Hammer-Staffeln von „Line Of Duty“ besorgen. Da geht es dann allerdings ab in die Grosstadt!

2017 24 Jun

After 20 Years

von | Kategorie: Blog | 1 Kommentar

„OK Computer never stopped sounding timeless. In its new form as OKNOTOK, unreleased songs feed off beloved B-sides, forming a web that supports the concrete themes of the original album so as to make its points even sharper. For a record of technological dread and personable anxieties, it never felt so good to be reminded of what a dystopia the future could become — a future we’re already living in — and how predictable our very existence is that we already know how it’s going to end. Perhaps Radiohead’s greatest feat with this record wasn’t predicting the future, but accepting it. They don’t welcome it warmly. Rather, they accept it as an inevitable evil, and the intimacy that comes with peace of mind like that can be heard from top to bottom, all the way down to a the knowledge that the only option is to move forward, no matter how harrowing that direction may be.“

(Nina Corcoran, consequence of sound)

2017 21 Jun

Jeff Tweedy’s quiet hour

von | Kategorie: Blog | 2 Kommentare

„Laminated Cat“ (Video)

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Als Jeff Tweedy mit seinem Sohn tourte, war es eine „family affair“, nichts Grosses, allenfalls vermittelten mir die Tweedys einen Hauch von Truthahn und Hinterhöfen der Kindheit. Immerhin, eine Herzenssache, Wilco blieb die aufregendere Welt, und mich wundert nach wie vor, dass in den Köpfen so vieler Daddies mit nicht völlig entschärftem Hippiebewusstsein so selten der gezielte Koboldsprung von den Eagles zu Wilco geglückt ist. Gut, ich gebe zu, es ist ein kleiner Umstieg vom „Hotel California“ ins „Yankee Hotel Foxtrot“. Wilco ist eine fantastische amerikanische Rockband, welche immer schon unvergessliche Stimmungen, experimentelle Kraftfelder, und Melodien der Marke „heartbreaking“ unter einen Stetson brachte.

Wenn Jeff Tweedy nun allein mit Gitarre und Harmonika in einen Loft, mit dezent analoger Aufnahmetechnik, die „coffee table“-Version ausgewählter Lieder aus Jahrzehnten auftischt, nehmen Innerlichkeit und eine Portion Verwundbarkeit die Position der Risikozonen an diverse Grenzen getriebener Sounds ein (kein Glenn Kotche, kein Nels Cline in der Nähe), nur das Mikrofon, die Lieder, und der geneigte Zuhörer. „Together At Last“ erscheint diesen Freitag, und aus reiner Sentimentalität (ich liebe Wilco und den Songschmied) empfehle ich die Vinylversion. Dass von  Neil Young in Kürze ein lang in den Archiven schlummerndes nächtliches Solosingen aus dem Jahre 1976 das Licht erblickt, passt richtig gut ins Bild. (m.e.)

 


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