Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2016 25 Mai

Zweitklassig

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Wenn ich an das 1. Manafonistas-Treffen auf Sylt vor ziemlich genau einem Jahr denke, dann fällt mir auch die Hotelbar mit Sky-Schild und den unbequemsten Hockern der Welt ein. Es war der letzte Tag der Bundesligasaison 2014/2015, an dem erst Minuten vor Schluss die Entscheidung über den Abstieg fiel. Wäre damals der VfB Stuttgart aus der 1. Liga geflogen, wäre meine Laune sicher das restliche Wochenende schwer erträglich gewesen. In diesem Jahr reichte eine Viertelstunde European Song Contest, um sicher zu sein: es gibt Schlimmeres als Fußball. Der Abstieg in die 2. Liga ließ mich kalt – abgesehen davon, dass das letzte entscheidende Spiel gegen die Mannschaft aus einer Stadt stattfand, in der höchstens drittklassige Autos gebaut werden – in Stuttgart ist bekanntlich alles erstklassig. So auch der Abgang; Stuttgart ist die bisher einzige Stadt mit 3 in 1 Saison abgestiegenen Profi-Fußballvereinen! Das konnte auch der grüne Oberbürgermeister mit seinem Dekret, der VfB müsse erstklassig bleiben, und seiner Analyse des Zusammenhanges zwischen Sport und Kaufkraft nicht verhindern. Immerhin trat der Präsident kurz entschlossen zurück; so bleibt es dem Verein erspart, den präsidialen Phantasien folgend eine Marke zu werden. Andere Nachrichten sind eher beunruhigend, legen sie doch nahe, dass alles beim Alten bleibt. Einer der ersten Beschlüsse nach dem Abschied aus der 1. Liga sicherte die Höhe der Managerbezüge auch für die 2. Liga. Sportlich wird der direkte Wiederaufstieg beschlossen. Dazu brauche man Trainer mit großer Bundesliga-Erfahrung. Ein Co-Trainer ist bereits gefunden: er hat die letzten 5 Jahre unter Berti Vogts in Aserbaidschan gearbeitet. Lajlas Worte für Hannover- und Stuttgart-Fans sind leider nicht angekommen. Ein schlechtes Zeichen? Ab morgen: mehr music, weniger beyond.

 

 
 
 

Bob Dylan ist mit Abstand der Kuenstler, der mich bereits ein Leben lang begleitet. Ich habe ihn auf sehr vielen Konzerten erlebt und leider waren da auch schlechte Auftritte dabei. Wie menschlich. „The superhuman crew“ nannte sich mal eine Ausstellung mit Bob Dylan und James Ensor. Ich wuensche Bobby auf diesem Weg Gesundheit und viel Glueck:

 

So if you find someone that gives you all of her love,
Take it to your heart, don’t let it stray …

 

… und an meine Dylan Sammlung gerichtet, sing ich weiter:

 

For one thing that’s certain,
You will surely be a hurtin‘,
If you throw it all away.

(I swear, I keep all my Dylan tapes).

Spannend wird es erst, wenn der Bewerber die Bühne verlässt, und die Jury zu diskutieren beginnt. Wie subjektiv sind die Maßstäbe der Jurymitglieder, welche Dynamik entsteht – durch Begeisterung, Ablehnung, Argumente? Drei Jahre hat der Dokumentarfilmer Till Harms gebraucht, bis er die Erlaubnis erhielt, an der Hochschule für Film, Theater und Medien in Hannover das zu drehen, was die Jury hinter geschlossenen Türen bespricht. Was sucht die Jury eigentlich? Wie zeigt sich Begabung, was ist ein no-go? Alle Bewerber werden zum Vorspielen eingeladen, im Jahr 2013, im Jahr der Dokumentation, waren es fast 700. Ausgewählt werden fünf Frauen und fünf Männer, jeder hat eine Chance. In der ersten Runde geht es darum, einen kurzen einstudierten Monolog zu spielen. Die Frauen sind besser, sagt einmal ein Jurymitglied, die Männer stellen einfach einen Stuhl hin und setzen sich irgendwie darauf, dann sehen wir nicht mehr, wie sie mit ihrem Körper verbunden sind. Natürlich geht es nicht um Perfektion, es geht um Entwicklungsfähigkeit. Emotionen transportieren können. Zeigen, wie sich Emotionen entwickeln, als Figur allein, und vor allem – schwieriger – im Dialog. Dabei aber nicht allzu sehr in sich verwickelt zu sein. Das erfordert eine Reife, die nicht jeder hat, mit Anfang, Mitte Zwanzig. Gelungenes Schauspiel entsteht aus einer selbstkontrollierten Fähigkeit zur Illusion und aus der Freude am Spiel. Das gilt für jede Kunst. Was Harms am meisten überrascht hat, war, dass die Jury jede Ablehnung begründet hat und dass es im Verlauf der Prüfung mehrere Chancen für Bewerber gab. Das geht dann zum Beispiel so: Okay, hier sitzt jetzt also der Vater am Tisch, und dann setzt sich ein Jurymitglied an den Tisch und wird gegenüber dem Prüfling autoritär. Hier ist dann Interaktion gefragt, und Spontaneität. Ob jemand eine Stimme schätzt oder eine bestimmte Rolle, das ist subjektiv, und natürlich geht es auch um Sympathie und um die Frage, ob man mit jemandem vier Jahre lang zusammenarbeiten will oder kann. Deshalb ist ein „Nein“ eines Jurymitglieds bei der abschließenden Frage, ob jemand aufgenommen werden soll, Anlass zu einer erneuten Diskussion. Nach dem Dokumentarfilm „Die Spielwütigen“ aus dem Jahr 2004 von Andreas Veiel, der vier Schauspielschüler vom Ausbildungsbeginn bis zum Berufsstart begleitet, ist „Die Prüfung“ von Till Harms ein weiterer unbedingt sehenswerter Film für alle, die sich für den Schauspielberuf interessieren. Für die Vorbereitung auf die Prüfung ist auch eine Wanderung im Wald zu empfehlen. Überqueren Sie einen Bach, springen Sie von Stein zu Stein, und verharren Sie dabei einen Moment. Sie werden diesen Augenblick in der Prüfung wiederfinden, in einer vorgerückten Runde.

Kinostart war am 19. Mai.

 

 

 

 

 
 
 

Zuordnungsgedicht oder Wunschkonzert

 

Hey you flying burrito in the desert

You don’t remember your name

Even if a steamhammer reflects you

Or a gorilla stroke you

Com‘ on you with the pride of a man

Do it just

Just for love

You with your image

Imagine Red White &Blues

What a day, Oh Yeah

Tomorrow on

Grand Funk Railroad

again with

Four days in Rain

Brown Eyed Girl beside you

 

Und als ich wieder aufschaute waren vierzehn Tage vergangen. Ich blinzelte verbluefft. War das moeglich? Eben hatte ich doch noch im Schatten gesessen, einen Stapel Buecher neben mir. Dann schwang das Wetter um, „after the heat“. Und abends, alleine auf dem Zimmer, waren drei Alben bei mir: die neue CD von Brian Eno, „The Ship“, das dankenswerterweise neu aufgelegte „Cyborg“ Album von Klaus Schulze und „MG“ von Martin L. Gore. Ruhige Tage des Innehaltens waren es; die Musik dieser drei Alben lief ausschliesslich und trug mich mit sich: zu lang verschuetteten Erinnerungsfetzen, Begegnungen und neuen, diffusen Gedanken.

 
 
 

 

Jedem gezielten und ungezielten Wohlklang widersetzt sich der isländische Komponist Johann Johannsson, als er die Filmmusik für Denis Villeneuves letzten und ruhig inszenierten Kinofilm „Sicario“ entwickelt hat: ein dunkles Erdbodenzittern, das mit der Dunkelwelt im Nirgendwo zwischen Arizona und Mexiko verschmelzt. In diesem Fall besteht die Qualität der Filmmusik darin, in keinem Moment nach Autonomie von den bewegten Bildern zu streben. Der Soundtrack allein bereitet wenig Freude. Aber für den Film ist er (wie der beteiligte Kameramann, ein As!) Gold wert. Es geht um den amerikanischen „War on Drugs“ und eine Reise ans Ende der Nacht. Einer der besten Filme des Jahres 2015. Dem Meisterwerk von Don Winslow ebenbürtig, „Tage der Toten“. Und nun zum guten alten „Downbeat-Rating“ (* – *****) eines kleinen Stapels neuer Platten. Bob Dylan hat schon früh seine Liebe zu Songschreibern der Tin Pan Alley entdeckt, und in Harold Arlens Liedern bluesige und folkige Wurzeln aufgespürt, denen er sich nah fühlte. Eine Art „Memory Memoir“. Aber machen wir es kurz. Bob Dylan – Fallen Angels: *** : for melancolic moods with a knack for the uplifting stoicism of longing (red wine music, maybe, soon, in the wee hours, I will add another half star) // Radiohead – A Moon Shaped Pool: *** – sometimes I get it, sometimes I don’t (first impressions) // Terry Reid – The Other Side Of The River: ***1/2 – very interesting discoveries from the legendary „The River“- sessions with a beautiful, earthbound flair of drifting // Beyonce – Lemonade – *** : great voice, great variety, great arrangements, kind of Madonna 3.0, but it leaves me quite cold; is it not a bit over the top, in its grandiosity? // Golfam Khayam & Mona Matbous Riahi – Narrante: **** – highly idiosyncratic (sorry for this word, please replace by „unique“) and (no paradox here) eclectic visions that leave me stunned, speechless, and using some cliched words for quick shots to mark the unmarkable // Wire – Nocturnal Koreans – *** – I love this band whenever they only slightly touch that magic area of their first three albums (long time ago), and here they do, okay, just a little bit, but with fervour and dignity! A propos Fieber  und Würde – und Würdelosigkeit und Abgründe und Dialoghärte: immer wieder fallen lassen kann ich mich in die Titelmelodie der TV-Serie „Transparent“ – das Schweben der Klaviertöne wirkt wie Version Nr. 187 von Erik Saties „Gymnopedies“, und ist von Dustin O’Halloran geschrieben worden. Man folgt dabei flirrenden Vorspannbildern, welche ins Irritationsfeld männlich-weiblicher Identitätsfindung locken, Biographien und Zeiträume mischen. Die Stories der zwei Staffeln widerstehen jedem pädagogischen Appeal – das ist kein Goodfeel-Streifen zur Einfühlung in transsexuelle Empfindungszonen – dem Reigen der Lüste, Sinnfindungen und Breakdowns wird ein freier, verstörender Lauf gegönnt.

2016 21 Mai

Narrante

von | Kategorie: Blog | 1 Kommentar

 

 
 
 

Es entsteht hoffentlich nicht, über die Jahre, der Eindruck, aus meinem Autoradio käme immerzu Musik. Ich habe in den letzten sechs Tagen 1478 km zurückgelegt, und dabei stets auf die Momente gewartet, in denen die Lust auf eine der mitgenommenen Compact Discs besonders gross war. Und so kamen diesmal, zwischen dem Rheinland, Strasbourg und Auxerre, meistens nur einmal, dafür immer in voller Länge, folgende Alben in meiner fahrenden (und oft keinen Laut von sich gebenden) Jukebox zum Einsatz: The Traveling Wilburys (sowieso ideale Autobahnurlaubsmusik), Damon Albarn (Everyday Robots, für mich eines der wundervollsten Songalben der letzten Jahre), Carla Bley (Andando el Tiempo), Culture (Two Sevens Clash, ein guter Grund, eine dezente Roots-Reggae-Obsession zu entwickeln!), The Beatles (Revolver). Letzteres lief dann doch drei, viermal am Stück. Und dann – es musste dunkel werden am Himmel, um dafür in die rechte Stimmung zu kommen – ein Album, das kaum einer der ersten hundert Leser dieses Textes kennt (offiziell ist es gestern erschienen), und mich schon am Abend vor der Abreise beim ersten Hören faszinierte. Über „Narrante“, gespielt von den zwei gebürtigen Teheranerinnen Golfam Khayam (Gitarre) und Mona Matbou Riahi (Klarinette), wird noch zu reden sein. Nein, keine iranische Folklore, nein, kein Irano-Jazz, nein, keine Zeitgenössische Klassik. Alle Etiketten schwindeln hier. Im Zwischenwo zuhause. Gehört auf einem Rastplatz. Nieselregen, der Himmel begann fünfzehn Meter über der Erde. Der Wasserfall begann vierzig Meter über mir. Ein paar Tage zuvor. Zeitsprung: am rechten Ortsausgang von Vauchignon findet sich eine steinige Strasse, die zu einem Wanderweg ums Ende der Welt führt („au bout du monde“). Dort entdecke ich den lang ersehnten Wasserfall, reisse mir die Klamotten vom Leib (nur die Sonne ist Zeuge), und stelle mich unter die wilde Dusche. Ein famoses Einstürzen, die Sinne werden durchlüftet. Bei 15 Grad Lufttemperatur bleibt das Wasser unerschütterlich kalt, die Haut rötet sich an den Schultern, und hellwach setze ich die Reise fort. Wasserfallmusik.

2016 21 Mai

Pagnol

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Kaum war ich im Burgund angekommen, rief das Flair der Landschaft etwas im Grunde Verschollenes in mir wach. Wie rasch, dachte ich im Zuge dieses Erinnerungsspiels, entgleiten uns Geschichten, selbst wenn die jeweiligen Bücher in bester, wenngleich extrem lückenhafter Erinnerung geblieben sind!? Ich weiss ziemlich genau, dass ich vor langer, langer Zeit ein Buch von Marcel Pagnol gelesen habe, das fernab der Städte spielte, „sur la campagne“, und mich mit seinen Figuren, Stories und Dörfern bezauberte. Ich glaube, es war „Das Wasser der Hügel“ (bei Wikipedia nachgeschlagen), aber sicher bin ich nicht. Die Figuren und die Orte (eher die Provence als das Burgund, aber es gibt, über den Zungenschlag hinaus, Verwandtschaften) sind mir allesamt entfallen, die Erinnerung ist vage und bestimmt zugleich: unstrittig verbrachte ich eine erfüllte Zeit mit dem Buch.

2016 19 Mai

In a cavern in a canyon

von | Kategorie: Blog | Tags:  | Keine Kommentare

Doctor Miriam Jocovic raised her eyebrow.

„Are you kidding – you stepped into that cavern to cover a song?“

„That´s exactly what happened“, her patient Karl Wagner replied.

„I came from Pacific Palisades way up to Mulholland. Found the quiet and inspiring place in that area long time ago, it allows high concentration needed for the book project I´m working on. But it is narrow and stony. Climbing down with a guitar and a notebook as baggage is tricky: you have to wind like a snake same as you wind into the objects of your study – a process of imitation, mimikry.“

„And now you pay the bill for your regression in the service of discovering. This will require a surgery of your wounded knee! But I can´t deny sympathies for your project. I also play some guitar if time allows, you know, the Joni Mitchell style. So, no regrets, coyote!“ The doctor smirked. „Was it a song by Grateful Death you were working on that fateful day?“

„No, it was a tune from the John Renbourn Group called „Maid In Bedlam“ that challenged me by chance. The album A Maid In Bedlam, with guitarist Bert Jantsch, singer Jaqui McShee, american fiddler Sue Draheim, tabla player Keshav Sathe, John Roberts on flute and all on vocals was once an impressive mix of different styles.“

„Did you at least figure out the harmonics?“

Karl reached her a piece of paper with pencilled letters and the tiny fragment of a verse.

 

aG ae aG – a/ e/ aG ae – a/ e/ D/ e/ – eD e/ a/ G/ – a/ eD aG –

aG ae aG – a/ e/ aG ae – etc …
 
Abroad as I was walking one evening in the spring
I heard a maid in Bedlam so sweetly for to sing.
Her chain she rattled with her hands and thus replied she:
„I love my love because I know my love loves me“.

 

Miriam Jocovic had a look at it. „I guess, the capitals are major chords, the lowercases minor ones and one sign stands for two beats of a common time.“ She took her Takamine and immediatly began to play. In doing so she was as beautiful a woman in L.A. can be, with her white overall on and a stethoscope around her sun-kissed neck.

„The Field is a lot. It wants its life to be honest and true and surprising. But how. The Field doesn’t know.“

(Martin Glaz Serup)

 

Wer denkt jetzt nicht an Martin Heidegger: an die Zuflucht des Feldweges.

Wer denkt jetzt nicht an das harte Wochenende. Ich kam in der Ökostadt Bremen an, als just Werder in letzter Minute seinen Klassenerhalt rettete. Trotzdem herrschte Friedhofsstimmung, kein Gehupe, kein Gegröle, kein Polizist aktiv im Einsatz. Paralyse pur.

Den Stuttgartblues verfolgte ich mit Empathie, schickte den leidenden Manafonisten Muntermacher.

Und dann Fortuna. Unglaublich, dass die Düsseldorfer mit ihrer Gruseltrainerauswahl noch die Linksrechtsgeradeauskurve erreichten. Ich glaube, ich habe Turu ausgestopft auf der Spielerbank sitzen sehen. Oder war er doch auf dem Feld?

Löw lässt gerade Schweinsteiger präparieren und PotzPoldi soll bei der EM für Harmonie sorgen. Vier Bambini dürfen mit nach Frankreich. Ob sie auch intelligent und mutig sind und Schilder hochhalten werden: UEFA / FIFA faîtes votre jeu honnêtement! On verra.


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