Manafonistas

on music beyond mainstream

Keith Jarrett lernte ich durch Jesus kennen. Und das, obwohl ich schon lang nicht mehr in die Kirche ging. Er brachte die dunkelgrüne Kiste “Concerts Bremen / Lausanne” in die Schule mit. Jesus hatte eine sehr schöne kleine Freundin, die ich aus der Ferne bewunderte. Gegen den Archetyp dieses in sich ruhenden Hippies mit dem wallenden Haar wäre ich damals als eher nervöser Romantiker nicht angekommen. Aber er brachte uns die Musik – und da begann vieles! Lang ist es her. The times they are a’changin’.

Ich hätte nie gedacht, das mich noch jemals ein Keith Jarrett-Trio aus den Schuhen hauen könnte, aber hier geschieht es – natürlich keine der arrivierten, ihren Dringlichkeitswert lang ausgereizten Standards-Erkundungen des ewigen Trios mit Peacock und DeJohnette, die in der Unsumme ihrer Veröffentlichungen vielleicht fünf essentielle Alben rausgehauen haben: Standards, Vol. 1, Standards, Vol. 2, Changes, Changeless (das fünfte will mir gerade nicht einfallen). Wie man auf die Idee kommen kann, als Künstler kaum noch die Tin Pan Alley (und andere museale Zonen) zu verlassen, und ein  halbes Leben der perfekten Version von Body and Soul hinterherzujagen, will mir genau so wenig in den Kopf, wie Alt-Hippies, die sich standhaft weigern, aus dem Hotel California auszuchecken und Radiohead für ein Ratequiz der BBC halten.

Aber hier, im Juli 1972, im Hamburger Jazzworkshop, mit Michael Naura im Hintergrund, reissen Keith Jarrett, Charlie Haden und Paul Motian ein Feuerwerk ab, in dem die Musik spürbar auf Entdeckungsreise ist. Kleinste Motive des noch in der Zukunft lauernden “Köln Concert” materialisieren sich für Momente. Entstanden nach dem Soloklassiker “Facing You”, und vor der Gründung des “American Quartet” (mit Dewey Redman und einem frühen Statement wie “Fort Yawuh”), durchdringen sich kollektive Improvisationen, Solotänze auf den Tasten, Hadens elementares  Melodiegespür und Motians Farbenspiele und Pulsierungen: Jarretts Lustschreie und Seitensprünge mit dem Saxofon (schräg und wundersam), Hadens ergreifender “Song For Che”, den sich später auch Robert Wyatt vornahm. Ach, es ist ein Fest. Als Bootleg kursierte es schon lang, so gut klang es noch nie, Manfred Eicher und Jan Erik Kongshaug haben in Oslo das Bestmögliche rausgeholt.

Auf einem Schnappschuss während dieser kleinen Hamburger Sternstunde lächelt Keith Jarrett einmal wie ein grosser Junge. Er spürt, man ist aufregenden Dingen auf der Spur ist – die Zeit der Selbstinzenierung, der “Bayreuthisierung” seiner Kunst und unnötigen Publkumsbelehrungen scheint weit entfernt: schade, daß Jahre des Aufbruchs so oft ihre eigene Restauration nach sich ziehen. Die “Hall of Fame” ist ein totlangweiliger Laden der Fremd- und Selbstbeweihräucherungen. Ruhm ist eine Falle, die leicht satt macht. Hier in Hamburg springt einen der Lebenshunger aus jedem Ton an. Es war einmal. Weil das alles sowas von vorbei ist, Haden und Motian nicht mehr unter uns weilen, musste das Cover geradezu in schlichtem Schwarz daherkommen. Das war dem Zeitensprung geschuldet, schlicht ist hier nämlich gar nichts, nicht mal die einfachste folkloristische Melodie.

 
 
 

 

2014 21 Nov

Der Nostalgiereflex

von | Kategorie: Blog | 2 Kommentare

Wie kann es sein, dass so ein unglaublicher musikalischer Schwachsinn wie das jüngste Pink Floyd-Album so wohlwollend besprochen wird, selbst von renommierten Musikkritikern wie Alex Petridis u.a.? Es ist der Nostalgiereflex. An jedem Echo aus alter Zeit (einer Anspielung an “goldene Zeiten”, die es nie gab) lassen sich Geschichten knüpfen. Und man erzählt und erzählt, und merkt gar nicht, dass das einstige “Shangrila” der psychedelischen Rockmusik im Rückblick nur noch die eigene Lebensgeschichte absichert. Weisst du noch? Das abgesichterte “Wissen” ersetzt jeden Blick ins Unbekannte. Und jede Prüfung einer ernüchternden Gegenwart. Schlimmste Selbstkarikatur. Welche Pilze muss man nehmen, um dem Retro-Rausch zu erliegen? Peyote, das kann nicht sein. Eher Billigchampignons aus der Dose. Etwas, das nach nichts schmeckt. Kein britischer Musikjournalist hat den vollendeten Kitsch des Albumcovers von “The Endless River” ins Spiel gebracht, der Bände spricht. Einen besonders elaborierten Quatsch durfte man spaltenlang in der SZ zu diesem Mist von Alexander Gorkov lesen. Glaubt der das selber, oder verbucht er es unter postmoderner Ironie? Besessen wird nach magischen Momenten geforscht. Wenn man aus den CDs nur Frisbiescheiben basteln könnte: das wäre eine würdevolle Art des Recycling von Herrn Pink und Frau Floyd. Die geriatrische Abteilung der Rockrezeption hat schon lange ihre Pforten geöffnet. Die Platte verkauft sich wie doof. Titelbild in der Mojo. Als wäre das Werk ein Ereignis. After all  these years. Es ist ein Nicht-Ereignis. Die Non-Event-Kultur muss noch erfunden werden. Andy Gill war einer der wenigen, welche Hohn und Spott über dieses Machwerk gegossen haben, und der Sturm der Entrüstung war ihm sicher. Diese Verehrung alter Helden, die nur noch Requisiten rücken, ist peinlich. Da kann man auch gleich Zeuge Jehovas werden. Oder das faschistoide Weltbild von Scientology als Weltkulturerbe verhökern. Alles Wahnsysteme – in solcher Musik bleibt der Irrsinn wenigstens harmlos. Bis auf ein paar Gift spritzende Fans, die den Schluss nicht gehört haben. Vor Jahrzehnten.

 

 
 
 

Jokleba ist das Trio des Pianisten Jon Balke, des Trompeters und Sängers Per Jorgensen sowie des Trommlers und Elektronikers Audun Kleive. Vor Beginn ihrer Europatournee, die morgen in Bristol endet, schrieb mir Jon Balke folgende Mail über das verstörende und widerspenstige Werk eines bereits seit fünfzehn Jahren existierenden Trios:

“Sämtliche Stücke von Outland entstanden aus einem Zustand der Fassungslosigkeit über den Zustand der Welt, der, während unserer Aufnahmen, in direkten Wahnsinn umschlug. Wir nahmen OUTLAND im Frühjahr auf, als all die schrecklichen Dinge aus der Ukraine und Syrien zu uns drangen, und das Barbarentum der islamischen Terrorbrigaden: uns kam es so vor, als würden wir kollektivem Irrsinn direkt ins Auge schauen. Wir haben kein Interesse daran, Programmmusik zu machen, aber diese Realitäten spiegelten sich im Herausströmen der Sounds. Wir versuchten, die Infomationsstücke zu sortieren, mit denen wir gefüttert wurden, und fortlaufend wurden wir von anderen Dingen abgelenkt. Auf die gleiche Weise wird die Klarheit in der Musik, ihr Puls, jedem Mitspieler in kleinsten informationseinheiten angeboten, dabei aber ständig auseinander gerissen von plötzlichen Strömungen paralleler oder gegenläufiger Information. Das Album ist kein Karriereschritt in eine neue Richtung, es ist ein direktes Dokument der Energien, die im Frühjahr 2014 zwischen uns flossen.”

Mit einer Spielweise, die allen Regeln eines groovefreudigen Jazz widerspricht, mit bizarren Sounds, und einer Palette zwischen abgrundtief brüchiger Melancholie und gespenstisch eruptivem Furor ist Jokleba eine so aufregende wie widerspenstige Produktion gelungen: in diesem Jazz fliegen Fetzen, stolpern Rhythmen – und auch wenn Balke, Jorgensen und Kleive auf der Bühne nicht in exotisch Masken schlüpfen, sind gewisse Parallelen zu einigen Stilelementen des frühen Art Ensemble of Chicago alles andere als weit hergeholt. Bei den Chicagoer Pionieren wie bei den drei Norwegern geht es auch da, wo die Musik, surreal, wild, unberechenbar daherkommt, darum, eigene Ideen nicht zu lange in sicheren Zonen zu dulden. Jokleba trauen ihren Kontrasten und Brechungen zurecht emotionale Durchschlagskraft zu: gerade in solch rauen, explosiven energiefeldern gewinnen lyrische Momente eine besondere Strahlkraft (jenseits des gepflegten, guten Tons).

Wenn sich laut Jon Balke bei “Outland” die Musik nicht zuletzt “um den Verstand dreht, wenn er dabei ist, verloren zu gehen” – ein Titel lässt den Kinoklassiker “Einer flog über das Kuckucksnest” anklingen – dann handelt das Album eben nicht nur von der Wut über die Schräglage der Welt anno 2014. Mit OUTLAND legt das Trio das Potential offen, dass der Jazz auch da entfalten kann, wo einzelne seiner sogenannten gesicherten Bestandteile zu kollabieren drohen. Diese Arbeit verlangt vollkommene Konzentration und belohnt sie mit einem nur zu Anfang verwirrenden Klangfarbentheater, mit aufblitzendenden, abtauchenden Ideen der atemraubenden Art, mit lerztlich kinderleichten Drahtseilakten. Der Jazz braucht wueder mehr Chaosforschung, Jokleba bietet dazu ein paar unvergessliche Lektionen. Wehe, wer jetzt an Free Jazz denkt.

Zum Ende des Jahres erscheinen bei ECM einige umwerfende Alben: Keith Jarrett, Charlie Haden und Paul Motian spielen in Hamburg 1972 wie entfesselt (jetzt wird das lang kursierende Bootleg, klanglich überarbeitet, offiziell!), es ist nicht mehr lange hin bis zum “Köln Concert”, und als ich gestern in der Jazzredaktion das erste zwölf Minuten lange Stück des Doppelalbums “Souvenance” von Anouar Brahem hörte, versuchte ich erst gar nicht, aus dem Staunen herauszukommen. Die Streicher kamen nicht aus Hollywood. Und so ein Cover hat man bei dem Tunesier auch noch nie gesehen: ihn liessen die Unruhen und Gewalttätigkeiten im eigenen Land nicht kalt und scheinen den Stücken eine dunklere Tönung mit auf den Weg zu geben, in der ersten Komposition jedenfalls werden manche Sounds in freier Jazzmanier, von Kontrabass und Blasinstrument, angerissen, kurz in den Raum geworfen: die Violinen besänftigen nicht.

2014 20 Nov

Another Another Green World

von | Kategorie: Blog | 1 Kommentar

 
 

 
 

“How old are you?” asked Alfie during one of our early meetings. “Twenty-eight,” I replied. “It’s a dangerous age,” grinned Robert. “Don’t go near any high windows at a party.” (Marcus O’Dair, Autor der gelungenen Robert Wyatt-Biografie) – Die Anspielung versteht jeder, der den Weg des englischen Song-Exzentrikers verfolgt hat, oder heute Abend den JazzFacts um 21.05 Uhr im Deutschlandfunk lauscht. Karl Lippegaus ist deutlich weniger angetan von dem Buch als ich, aber ich belasse es bei einem knappen Satz, um ein Gegengewicht herzustellen. Fast alles Norweger heute in der Show, und ich hatte einen Norwegerpulli angezogen, als ich auf dem Dach des Senders den Heliographen platzierte. Da wehte ein eisiger Wind, und ich erinnerte mich daran, dass ich in aller Früh Eis von der Frontscheibe meines Toyoten kratzen musste. Ein Heliograph dient bekanntlich der Bestimmung der Tagessonnenscheindauer, bis zum Mittag kam er auf eine kärgliche Stunde, ich sorgte für Abhilfe, in dem ich im Plattenladen meines Vertrauens jene Platte abholte, die ich seit Jahrzehnten vergeblich suchte und nun in der Auflösung einer Plattensammlung auftauchte: Famadou Don Moye: Sun Percussion, Volume One. Aus dem Jahre 1975. Ich bin noch etwas müde von den Schmerzarien der letzten zwölf Tage, aber in diese Erschöpfung mischt sich reine Lebensfreude. Jetzt geht es erstmal am Wochenende mit Sancho nach Sylt, ein neuerlicher Badeunfall steht nicht zu befürchten, und Sancho kriegt rohen Fisch. Wir stromern an der Küstenlinie entlang und beobachten die Drachen im Wind. Keine Abenteuer diesmal, das haben wir uns geschworen. Der alte Racker wedelt mit dem Schwanz. Gerade meldet sich der Heliograph bei meiner Computer-App. Sonnenlicht in Köln. Das Gerät prüft dann die Temperatur, die Lichtqualität und empfiehlt ein entsprechendes Sonnenlied aus seinem Spotify-Anschluss. Jetzt ist es, nicht gerade einfallsreich, einer der schönsten Songs der Welt, “Sunny Afternoon”. Ich hätte gerne mal eine Version von Robert Wyatt gehört. 

 
 
 

 

 

 
 
 

Wenn es draussen novembergrau ist und es drinnen im Cafe auch ganz still ist und ploetzlich von der sweet waitress eine CD reingeschoben wird und eine Stimme “Follow the Sun” singt, dann geht ein gelber Luftballon mit mir durch.

 

 

 
 
 

Ö lag auf dem Sofa und hörte sich auf dem Handy einen Song nach dem anderen an. Ich hatte keine Ahnung, was in den türkischen Charts lief. Zeig mir doch mal ein Video, das du richtig gut findest. Sie führte mir mehrere vor, am besten fand ich “Sakin Ol” von Dogukan Manco Feat. Ist eigentlich gar nicht meine Musik und nicht mein Humor, trotzdem hat es mich zum Lachen gebracht. Vielleicht weil es so abstrus ist. Sehr türkisch, sagte Ö. “Sakin Ol” sei derzeit überall zu hören. Bleib mal locker, schön entspannt bleiben. So etwa kann man es übersetzen. Link direkt zum Video im Kommentar.

 
bleeding edge
 
 
 

Auf Seite 401 lesen wir das, womit wir, seitdem wir erfahren haben, dass Pynchon seinen Roman im Jahr 2001 spielen lässt, längst gerechnet haben: Flugzeuge krachen in die beiden Türme des World-Trade-Centers. Dass von den beiden Türmen eine besondere Symbolkraft ausging und sie gerade deshalb Ziel der Angriffe werden mussten, ist längst bekannt. Pynchon stellt aber einen weiteren sehr interessanten Zusammenhang her. In einem Gespräch zwischen Maxine und Shawn erinnert letzterer an die Buddhastatuen in Afghanistan, die von den Taliban zerstört worden seien. Zwei Buddhastatuen, zwei World-Trade-Center-Türme, eine interessante Parallele. Shawn sagt: “Die Trade-Center-Türme waren auch religiöse Symbole. Sie haben das symbolisiert, was dieses Land mehr anbetet als alles andere: den Markt. Immer dieser verdammte heilige Scheißmarkt.”

Maxine fragt erstaunt, ob er ernsthaft glaube, dass es etwas Religiöses war und Shawn antwortet: “Ist es denn keine Religion? Wir reden von Leuten, die glauben, dass die unsichtbare Hand des Marktes alles lenkt. Sie führen heilige Kriege gegen Konkurrenzreligionen wie den Marxismus. Obwohl wir wissen, dass die Welt endlich ist, hängen sie dem blinden Glauben an, dass die Rohstoffe nie zur Neige gehen und die Profite immer weiter steigen werden, ebenso wie die Weltbevölkerung – noch mehr billige Arbeitskräfte, noch mehr abhängige Konsumenten.”

Später meint Shawn noch: “Wir leben von gestundeter Zeit. Wir wollen billig davonkommen. Wir denken nie darüber nach, wer dafür bezahlt, wer irgendwo anders auf engstem Raum mit anderen hausen und hungern muss, damit wir billige Lebensmittel haben, ein Haus mit Garten in einem Vorort … und das weltweit, jeden Tag mehr – unsere Schuldenlast steigt und steigt. Und alles, was die Medien uns anbieten, ist: Scha-luchz, all die unschuldigen Toten …”

“… wir denken nie darüber nach, wer dafür bezahlt …” – ja, in diesem Zusammenhang fällt mir ein Artikel ein, den ich kürzlich in der SZ gelesen habe. Stephan Lessenich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, schreibt in seinem Artikel Neben uns die Sintflut von der Externalisierungsgesellschaft. Der Autor erläutert, was dieser Begriff meint: in einer solchen Gesellschaft leben die Leute nicht über ihre Verhältnisse, sie leben über die Verhältnisse anderer. Eben: Neben uns die Sintflut. Lessenich beschreibt genau das, was Pynchon hier meint: die Rechnung zahlen andere.

“Doch die Tatsache all dieser positiven Nebeneffekte der kapitalistischen Kolonialisierung unserer Lebenswelten hängt unmittelbar mit der weiteren Tatsache zusammen, dass all diese positiven Nebeneffekte anderen Menschen, hier und insbesondere anderswo, strukturell und systematisch vorenthalten geblieben sind und bleiben – und dass diese anderen stattdessen mit den extranalisierten Nebeneffekten kapitalistischer Kolonialisierung leben müssen. Beziehungsweise sterben. Denn nicht hier, daheim, aber wohl da draußen sterben die Leut´ und zwar ganz real. Always look at the bright side of life: Singen Sie das doch bei Gelegenheit mal wahlweise dem gehetzt klingelden Paketauslieferer an der Haustür, einem unter freiem Himmel schlafenden Flüchting in München oder Ihrer persönlichen Näherin aus Bangladesch ins Gesicht. Sie werden sich bestimmt freuen.”

Da sag mir mal einer, bei Pynchon sei alles Comic, alles Spaß, alles würde ins Lächerliche gezogen. Eben nicht!

Gregor M.
 

 
Unmittelbar auf die Attentate folgt eine der eindringlichsten Stellen: Pynchon schildert die Ruhe, den Geruch und die Trauer – der überdrehte, hyperaufmerksame und intellektuelle Ton hält einmal für drei Seiten inne. Aber eben nur kurz, dann geht es weiter mit “Vertreibungsgeschichten”. Driscoll und Eric sind durch 9/11 obdachlos geworden und kommen bei Maxine und Horst (!) unter. Wunderbar, wie beiläufig Pynchon schildert, dass die beiden wieder ein Paar sind.

Interessante Deutungsversuche: “Als hätte die Ironie (…) die Ereignisse vom 11. September eigentlich sogar herbeigeführt, indem sie das Land an hinreichendem Ernst gehindert und so sein Verständnis von der `Realität´ geschwächt hat.” Später (fast) dazu: “Wird das eine Jetzt-kneift-mal-die-Arschbacken-zusammen-Rede? Amerikas lasche Moral lässt Al-Qaida-Leute in Flugzeuge steigen und bringt das World Trade Center zum Einsturz?”

Parallelen werden zwischen dem World Trade Center und den Buddhastatuen in Afghanistan gezogen: beides religiöse Symbole, die Zwillingstürme für den “heiligen Scheißmarkt”, den “blinden Glauben (…), dass die Rohstoffe nie zur Neige gehen und die Profite immer weiter steigen werden …” Spannend, wie die Personen die Katastrophe unterschiedlich deuten und einordnen.

Die “Gegenwart” wird seltsam, es scheint eine “Zeitschleife” zu existieren: die Erwachsenen entwickeln sich zurück, die Kinder scheinen wie vorzeitig gealtert. Maxine und Shawn “fühlen sich, als wären sie hinterrücks niedergeschlagen worden: keine klare Vorstellung, wie man aufstehen und mit einem Tag weitermachen soll, der auf einmal voller Löcher ist – Angehörige, Freunde, Freunde von Freunden, Telefonnummern im Rolodex, alle einfach nicht mehr da … an manchen Morgen das düstere Gefühl, dass das Land selbst vielleicht gar nicht mehr da ist, sondern Bild für Bild lautlos durch irgendetwas anderes, irgendein Überraschungspaket, ersetzt wird, und zwar von denjenigen, die auf Draht sind und bleiben und den Finger auf der Maustaste haben.”

Ansonsten scheint Windust zu bekommen, was er verdient – es gibt eine Schießerei, in die Maxine verwickelt ist. Ice will Maxi einen Auftrag geben. Die Handlung folgt öffentlichen Ereignissen und Feiertagen: Halloween, NYC-Marathon, Thanksgiving. Schönes Zitat: “Memo an mich: Igor fragen – der muss schließlich wissen, was es zu bedeuten hat, verdammt. Unleserlich auf einen virtuellen Post-It-Zettel gekritzelt, den sie an eine wenig benutzte Gehirnwindung klebt, wo er sich sogleich wieder löst und zu Boden segelt, aber immerhin einen gewissen Erinnerungsrestwert hat.”

Olaf W.
 

 

“A bitter chemical smell of death and burning that no one in memory has ever in this city smelled before and which lingers for weeks”. Im aktuellen 100-Seiten-Brocken geht es um die Nachwirkungen des Terroranschlags vom 9. September und die Versuche, irgendwie zur Normalität zurückzukehren (“Hey, it´s New York. American flags appear everywhere … on cabs driven by members of the Muslim faith.”). Igor weist Maxine auf eine versteckte Videospur auf der Stinger-DVD hin, Horst zieht in Maxines Schlafzimmer um und Fußliebhaber und 9/11-Opfer Eric im Gästezimmer ein. Die Atmosphäre in der Stadt ist angespannt (“… every time a kid tries to jump a turnstile, subway services gets suspended and police vehicles of every description, surface and airborne, converge and linger.”). Merkwürdige Begebenheiten lassen Überlagerungen von DeepArchers virtueller Welt und dem “Meatspace”, der realen Welt, erahnen: Heidi hört Girlie-Talk, dreht sich um und und sieht zwei ältere Frauen sich unterhalten (“11 September infantilized this country. It had a chance to grow up, instead it chose to default back to childhood.”). Maxine sieht statt der drei Kids, die jeden Morgen an der Bushaltestelle stehen, plötzlich drei grauhaarige Männer und weiß, dass dies die Kinder sind (“Standing in exactly the same spot, was three middle-aged men, gray-haired, less youthfully turned out, and yet she knew, shivering a little, that these were the same kids.”). Horst wird immer mehr zum “homebody” und Maxine steigt tief in DeepArcher ein. Dort trifft sie auf Lucas, einen der beiden Programmierer von DeepArcher, der ihr mitteilt, dass der Code von DeepArcher als Open Source frei zugänglich ist. Sie trifft auch auf Opfer des Terroranschlags, die dort weiterleben (“… have been brought here by loved ones so they´ll have an afterlife, their faces scanned in from family photos …”), und erkundet die Grenzregionen von DeepArcher. Zurück im “Meatspace” gesteht Vyrva ihr, dass sie ein Verhältnis mit Gabriel Ice hat. Hallowe´en findet für Maxine und ihre Kinder im Deseret statt, wo sie auf Misha und Grish trifft, die als OBL, Osama bin Laden, verkleidet sind (“`We were going to go as World Trade Center, but decided OBL would be even more offensive.´”). Maxine macht Misha und Grischa mit Justin bekannt, dem anderen Entwickler von DeepArcher (“You are the Justin McElmo?”). Die “Torpedos” wissen, das auch Maxine DeepArcher kennt und dort gewesen ist, und stellen fest: “… with what could be either naive faith or raving insanity, `it´s real place!´”. Beim NYC Marathon hat Maxine eine kurze Begegnung mit Windust, der während des Terroranschlags Tacitus gelesen hat (” `Who makes a case that Nero didn´t set fire to Rome so he could blame it on the Christians.´”).

Wieder viele Details, viele Personen, viel Lesearbeit! Viele Momentaufnahmen von der Bewältigung des 9/11-Traumas und den atmosphärischen Veränderungen, die sich daraus ergeben. Handlungsstränge scheinen aufeinander zuzulaufen, ob sie sich allerdings tatsächlich treffen, bleibt abzuwarten. Was mir zunehmend fehlt, ist ein Spannungsbogen, der mich auf der Handlungebene weiter fesselt. Das Buch wird immer mehr zu einer Herausforderung, der ich mich nicht ungern stelle, auf deren baldiges Ende ich mich inzwischen aber sehr freue.

Thomas S.
 

 
Es wäre vielleicht ein noch erfolgreicheres Buch geworden, wenn es rechtzeitig einem guten Lektor in die Hände gefallen wäre. Der hätte erst mal dafür gesorgt, dass es kürzer geworden wäre; er hätte alle Figuren, die nicht in den ersten Kapiteln mindestens 20 Seiten für sich bekommen hätten, rausgeschmissen. Dasselbe hätte er mit einem Großteil der Assoziationen getan, was vielen Gelegenheitslesern das Verständnis erleichtert hätte. Die echten Pynchon-Leser aber wären enttäuscht gewesen!

Die meisten Witze, Scherze, Wortspiele usw. hätte der gute Lektor nur dann im Text stehen lassen, wenn der Autor bereit gewesen wäre, das Wechseln zwischen Joke und Realität zu kennzeichnen. So etwa wie Rolf Miller, der Meister der in der Luft hängen bleibenden Sätze, Witze ankündigt: “Pass amol uff: Witz!” Sicherlich wäre es auch Aufgabe des Lektorates gewesen, zumindest die Witze zu streichen, die selbst im Kindergarten nur ein müdes Lächeln hervorgerufen hätten. Dazu gehören alle Witze, die aus Wortspielen mit den Worten Pimmel oder Möse bestehen. Zum Vergleich hier ein Witz, der schon für einen Grundschulhof geeignet wäre. Also: “Pass amol uff: Witz! Kommt ein Junge in einen Spielzeugladen. Sehnsüchtig schaut er hinauf ins oberste Regal, wo die Schlümpfe stehen. Die Verkäuferin fragt: “Soll ich dir einen runter holen?” “Von mir aus, wenn ich dann so einen Schlumpf kriege.”

Eine weitere Aufgabe des guten Lektors wäre es gewesen, darauf zu achten, dass das Gefühlsleben der Personen nachvollziehbar bleibt, und dass sie dem Leser immer mehr vertraut werden. Warum Maxine in dem Moment, als sie vom Anschlag auf die TwinTowers erfährt, lediglich ein 0-oh von sich gibt, ist nicht klar zu verstehen. Vielleicht liegt es an der beschriebenen Computer-, Medien-, Internet-Szene und ihren coolen aber kühlen Beziehungsmustern? Dann würde ich als Leser sozusagen in dieses Muster hineingezogen: kein Wunder, dass ich zu Maxine keine Lese-Beziehung aufbauen kann. Es findet ein klassischer Übertragungs- / Gegenübertragungsprozess statt (mehr dazu im letzten Teil des Berichtes vom Parallellesen).

In anderen Szenen spürt man Lebendigkeit viel intensiver. Besonders gelungen ist die Schilderung der Halloween-Nacht, die von Jung und Alt gefeiert wird. Das um Süßigkeiten bettelnde Herumziehen von Haus zu Haus, bei dem die Kids seltsamerweise von ihren Müttern begleitet werden, ist ebenso vergnüglich beschrieben wie das Treiben der gruselig verkleideten Erwachsenen.

Pass amol uff: Witz zu Halloween! Es klingelt an der Haustür. Der Bewohner macht auf und sieht sich einem winzig kleinen Skelett gegenüber, so etwa 30 cm groß; es sagt mit unheimlicher Stimme: “Ich bin der Tod!” Der Bewohner ist wenig beeindruckt: “Sie habe ich mir viel größer vorgestellt.” – “Ich komme ja auch bloß wegen des Kanarienvogels”.

Ob der Lektor die Witze stehen lassen würde? Mir sind sie halt gerade eingefallen; und wahrscheinlich ist auch Bleeding Edge durch unaufhaltsames Einfallen bzw. Einfallenlassen entstanden, und daran hätte wohl ein Lektor, besonders ein guter, nichts geändert.

Wolfram G.
 

2014 16 Nov

Another Green World

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11:45. Der Schmerz, den die Harnschiene beim Urinieren auslöst, bleibt unerträglich. Und hält meist bis zu zehn Minuten danach an, mit ungeheurer Wucht. Ich habe meine Rituale: erst schreien, um dem Schmerz ein Ventil zu öffnen. Dann in den Schmerz hineinatmen. Ich habe meinen wuscheligen weissen Schmerzteppich, Selbsthypnose geht gar nicht. Der Plan ist heute, wenigstens den ersten und letzten Text zu verfassen (der Jokleba-Part, im Moment ist es unklar, ob ich Jon Balke in Köln noch interviewe; hängt davon ob, ob nach der Entfernung des Schlauches am Dienstag mein altes schmerzfreies Ego reibungslos die Geschäfte übernimmt). Die Erschöpfung nach jeder einzelnen “Schmerzarie” ist so beträchtlich, dass es leicht fällt, ins Blaue zu schreiben, aber schwer, konzentriert zu arbeiten. Das ist wie die Aufforderung, nach einer kleinen Schmerzfolter die Hausaufgaben zu machen. Ich kann defokussieren, aber nicht so gut fokussieren. Ich schreibe dies als Divertimento, und “Tagebuch des Projekts: JazzFacts.” Als kleine Spannungsgeschichte mit offenem Ausgang. Morgen früh Vorbesprechung in der Anästhesie – keine Scheu zu fragen, ob man mich einen Tag ins künstliche Koma abschiessen kann. Das wäre bis zur OP wie Wolke 7 im Traumland. “Cuckooland”. Ah ja, Robert Wyatts Biografie, ruhig erzählt, gut geschrieben, Karl Lippegaus stellt sie in der Sendung vor.


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