Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 
 


 
 

2017 28 Feb

A quote interposed

von | Kategorie: Blog | Keine Kommentare

What happens if you get all your vocabulary together, you learn some tunes, then you get up on the stage thinking, I know what to do, but somebody counts the tune off too fast? Now everything that you thought you wanted to play suddenly doesn’t make sense. So you have to figure out how to make that work.

There’s something else about that – it’s called flow. Our ability to control things and analyze things is in direct opposition to a mantra that I have: Thought is the enemy of flow. People ask me, „What do you think about when you’re playing?“

The answer is basically nothing. Thought happens in a completely different way out of flow. Out of flow, it’s contemplative and analytical and problem solving. In flow, it’s completely different. It’s like a real-time program running the background that doesn’t interfere with what’s going on. The ability to adapt in a given moment is beyond the scope of another type of focused thought process.

(Vinnie Colaiuta, Drummer)

 

James Ensor Karneval in Ostende, 1933

 

Mit diesen 3 Wörtern macht Jan bei gesichtsbuch aufmerksam auf einen Artikel in der NZZ.
 
Die Klassik wird politisch. Ist das gut?
 
Manafonistas wird politisch. Ist das gut?
 

literature
fine arts
music
film
life

 

Da haben wir’s: Manafonistas war nie unpolitisch. Hier wird nur selten explizit darüber geschrieben. Gut so.
 
Vor kurzem hat Lajla Bachtin mitgebracht. Bachtin?
 

In MEYERS TASCHENLEXIKON aus dem Jahr 1992 finde ich ihn nicht. Er müsste zwischen Bachtiar und Bächtold-Stäubli stehen. Wikipedia hilft weiter. Der Fährte folgend sammle ich ein:

In den 1920er Jahren gehörte Bachtin zu einem Leningrader Zirkel
von Literaturtheoretikern.

Bachtins Werke dieser Zeit wurden zum großen Teil erst seit den
1960er Jahren veröffentlicht.

Dazu gehörten sein Formalismus-Essay
‚Das Problem von Inhalt, Material und Form im Wortkunstschaffen‘

Ende 1929 wurde Bachtin von Stalin nach Kasachstan verbannt.

Als Russischer Formalismus wird eine literaturtheoretische Schule
bezeichnet, die etwa um 1915 entstand, aber bereits 1930 aus
ideologischen Gründen unterbunden wurde.

Die sowjetische Doktrin des Sozialistischen Realismus beendete
den ideologisch nicht konformen Russischen Formalismus Anfang
der 1930er-Jahre.

 

Sozialistischer Realismus – nun bin ich angekommen bei einem Thema, mit dem ich mich einmal intensiv beschäftigt habe, Musik & Politik.

Schostakowitsch
Lady Mcbeth von Mzensk
1948
Solomon Volkov, Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch

 

Und wenn ich schon bei Russland bin, dann möchte ich auf einen Artikel in der SZ vom 23. Februar 2017 hinweisen, der hier online gestellt ist. Moment mal! Was da zu lesen ist kenne ich doch schon seit dem 7. Februar 2017:
 
 
Video
 

2017 26 Feb

Spiegelungen, im Blau

von | Kategorie: Blog | Keine Kommentare

 

 
 
 

Die Kuppel im Eingangsbereich der Bibliothek sorgt für kleine, durchdachte Irritationen. Die Akustik ist enorm, ein Spiel mit den Absätzen. Wer an einem hellblauen Tag erst am späten Nachmittag das Gebäude betritt, wird über eine Strecke von einigen Metern von der Wucht der Sonnenstrahlen geblendet, strauchelt, bevor er oder sie die nächste Glastür erreicht, die Eintrittskarte für den Skanner schon bereit. An der Garderobe sitzt eine Lady, die Beine übereinander, sie blättert durch ein buntes Magazin, gelangweilt im Sommer, wenn ihr Platz nur eine symbolische Bedeutung hat, weil niemand eine Jacke trägt, die abzugeben wäre. Schräg gegenüber haben auf einer größeren und etwas erhöht liegenden Theke zwei Männer ihren Platz. Es sind immer Männer, dort. Ich habe keine Ahnung, welche Bedeutung sie haben, security undercover, es sieht so aus, als hätte ihr Job etwas mit Technik zu tun. Am späten Abend, kurz bevor die Bibliothek ihre Tore schließt, betätigen sie ihre Hebel, sie schalten die Lichter aus, zuerst die in den Lesesälen. Dann spiegeln sich Computerarbeitsplätze mit ihren Bildschirmen auf solche Art im Glas zwischen den Streben der gläsernen Kuppel, dass ich gern zurückkehren würde, ein einziges Mal. Doch jetzt passieren die letzten Besucher, die Angestellten der Spätschicht die Ausgangskontrolle. Die Schlösser der Spinde drehen sich, sie geben die eingeworfenen Münzen zurück.

 

It’s a dream world, and it’s a jungle. The working methods change as do the places to be. As I said, we’re in the jungle this time, and it’s  not mighty. Not too mighty. Not mighty at all. More Walt Whitman than Walt Disney. They are three, but they sound like a tribe on this double album, vinyl only. Every side of UNFOLD covers one original composition, and as different as they are,  from mood and air and heat, it’s still and always jungle time. Everyone will get lost there, get lost in his own favourite undergrowth, favourite power spot and favourite outpost. The percussion man seems like a bunch of percussionists. Branches and leaves and squelchy rain drumming. The keyboards can easily be drowned in these textures of high density, but  a clearing is going to happen from time to time. The bass is a bass in the wilderness, sends signals, heartbeats, and farewells. Those searching do not always find, but THE NECKS discover a lot in their thrilling modus operandi of getting, well, lost, turning the old piano trio format upside down again and again.

 

Gesucht und gesucht hab´ ich, allein, ich konnte sie nicht finden. Zwischen 1997 und 1998 hat Michael Naura eine Weltmusik-Sendung anmoderiert, also da blieb wirklich kein Auge mehr trocken. Meine unzähligen Kassetten sind natürlich bestens geordnet und ausgezeichnet, aber Pech, die TDK-90 mit dieser Sendung von Naura ist nicht zu finden. Gerne hätte ich ein paar Sätze aus diesem Beitrag hier zum Besten gegeben. Beim Thema Weltmusik konnte der Meister ja richtig garstig werden, da war dann von „Gemischtwarenwahnsinn“ oder „Multi-Kulti-Gepansche“ die Rede. Sprachlich gewaltig war Naura ja wie sein Freund Peter Rühmkorf. Letzterer schrieb einst Haltbar bis Ende 1999 und widmete das Gedicht Michael Naura, dem Krapotkin des Pianos.

2002 veröffentlichte Naura das Buch Cadenza – Ein Jazzpanorama, hierin findet sich besagtes Gedicht quasi gleich zu Anfang, dort heißt es:

 

Kommkomm, die Haare liegen doch, der Schal sitzt.

Irgendwann muß sich einer vermutlich entscheiden,

ob er Dichter oder Pressereferent werden will:

Andere in deinem Alter

bieten heut schon den Landesvater;

andere lungern noch immer herum, wo´s grad was zu glauben gibt –

Ich aber sage euch, dieses totenwurmhafte Geticke

darf doch nicht alles sein

H i e r  i s t  e i n r i c h t i g e s  H e r z, d a s  s c h l ä g t!

N i c h t s  d r u m h e r u m.

 

Und dann bietet Naura Sounds aus dem Blätterwald, Essays zu Monk, Taylor, Wynton Marsalis, Knef, Bill Evens, Jarrett und vielen anderen. Es folgen vier kurze Texte im Flattersatz: zum Beispiel ein Abgesang auf den Jazz, eine Grabrede oder Naura geht der Frage nach: Welchen Jazz hört Gott?

Dann Sieben purpurne Märchen, herrlich, über einen Bluesmusiker, eine Jazzsängerin, eine Jazz-Pianistin, einen Saxophonisten (der träumte, er hätte zwei Köpfe), eine Jazz-Flötistin, eine Jazz-Komponistin und einen Jazz-Trompeter (der ein Freund von Dizzy Gillespie war, aber noch mehr ein Freund der Wolken).- Unsere Neugier wird befriedigt durch den Abdruck von Briefen an Naura, etwa vom Staatsminister beim Bundeskanzler Dr.Michael Naumann, Joachim-Ernst Berendt (sechs gedruckte Seiten lang!), Friedrich Gulda und – wow – Carla Bley: June 26, 1998 Dear Michael – Good to hear your voice! We were just talking about you (Fancy Chamber Music is coming out in Europe this week – with your Commission on it). Here are a few things you might not have. (Wow! A 10 hour program of me?) And a catalog in case you want anything else. Say hi to Christine. Stay well. Carla.

 
 
 

 
 
 

Und es gibt noch viel mehr zu entdecken in diesem Buch.

Aber ich gehe jetzt erst einmal ganz schnell zu meinem Plattenschrank und nehme Carla Bley: Fancy Chamber Music heraus und erfreue mich an dem wunderbaren Wolfgang Tango, dem fast fünfzehnminütigen Eingangstück der Platte…. Und danach lege ich eine ganz besondere Platte auf, sie ist heute erschienen, ich konnte sie aber auf npr.org schon einmal probehören: Rhiannon Giddens: Freedom Highway, großartig, ich bin total begeistert, schon wieder eine Jahres-Top-Twenty-Scheibe!

 
 
 

 

Als ich jüngst eine gute Freundin und Thrillerexpertin nach den spannendsten Lektüren der letzten Jahre fragte, nannte sie, ohne lang zu überlegen, „Glut und Asche“ von James Lee Burke und „Sohn“ von Jo Nesbo. Wer also einen Pageturner in der Vorfrühlingszeit sucht, ist mit diesen Empfehlungen fraglos bestens bedient. Bei unseren Monatsempfehlungen rate ich dann doch eher zu reiflicher Überlegung, ob Sie sich auf das eine oder andere Abenteuer einlassen wollen.

Wir werden hier ganz sicher nicht GAME OF THRONES diskutieren – es gibt im Netz wohl an die drei Millionen Besprechungen der gesammelten Episoden, aber wer jemals als junger Erdbewohner fasziniert in die Welt von Sagen und  Mythen eingetaucht ist, könnte hier im Reich der „Seven Kingdoms“ ungeahnte Schätze entdecken. Mystery mit Tiefgang und eine visuelle Sprache, die ihresgleichen sucht. Sechs Staffeln, sechzig Episoden, da brauchen Sie für Homer womöglich länger.

THE OTHER PEOPLE PLACE. James Stinson war Lastwagenfahrer, hatte sieben Kinder, ein Herzproblem, machte Jahre lang dunkle elektronische Musik, bevor er „Lifestyles of a Laptop Café“ kreierte, und dann, gerade mal 32, anno 2002 starb. Damals fiel auch die Musik unter den Tisch, heuer wird sie als Klassiker dem Lied zugewandter Elektronik geachtet. Das Einfache hat eigenartige Tiefenwirkungen – und Projektionsflächen. Wie schön sich diese Musik in einer Sequenz mit dem Penguin Cafe Orchestra machen würde, immer im Wechsel … Simon Jeffes, der Meisterpinguin, starb 1997 und erzählte mir ein Jahr vor seinem Tod in meiner Dortmunder Wohnung von seiner Traummusik eines „organischen Gartens“.

Der totgeborene Zwilling von Elvis Presley erwacht in den Twin Towers, die aus dem Nichts im Hinterland von Dakota  neu auferstanden sind. Er ist natürlich schon gross, und sieht ein mächtiges Flugzeug auf die Glaswand rauschen, was sich als Halluzination heraus stellt – und dann immer diese Liedfetzen in seinem Ohr, „Heartbreak Hotel“, zahlreiche andere auch. Songs führen ein Geisterwesen in einem Geisterland, in dem sich Menschen aus Fleisch und Blut, wie du und ich, einen Reim machen auf all das Unerhörte. SHADOWBAHN ist natürlich kein Thriller, aber American Noir allemal, und dem introspektiven Leser wird nicht entgehen, dass es bei der Lektüre von STEVE ERICKSON diverse „altered states“ zu erleben gilt.

Das ergeht einem kaum anders, wenn man das Buch von Ayelet Waldman liest. Postnatale Depressionen, die dauern und dauern, bedrohen die Integrität des eigenen Lebensmodells, alles kann auseinanderfallen. Mit kompetenter Hilfe begann sich die Autorin in die Obhut eines (etwas kompetenteren) Timothy Leary der Neuzeit, und erlebte ihre allmähliche Genesung auch dank minimaler LSD-Einnahmen. Waldman ist aber auch kundig, was den amerikanischen „war on drugs“ angeht, und so ist das Buch ein spannender Genre-Mix, in dem Existenzielles und Politisches (und Neuroscience) Tür in Tür gehen – und die Pforten der Wahrnehmung weit geöffnet sind (und, liebe Teenager und Kiffer, nichts leichtfertig imitieren. Dummheit kann tödlich sein).

Everything about us is a lost machine / Everything about we is a forgotten dream„, das singt Jason Lytle in einem ergreifenden Song-Epos – so langsam könnte den Leser dieser Zeilen das Gefühl beschleichen, ein gewisser Wayne Coyne von den Flaming Lips wär der Kurator dieser Monatsempfehlungen. Die Filmdokumentation über die Band aus Oklahoma, „The Fearless Freaks“, würde  in diesem Kreis bestens aufgehoben sein. Soviel Psychedelisches und Traumverlorenes, soviel Dystopie, Mythenstoff und Desintegration. Und SOVIEL Melodisches – das war immer die Spezialität der Gruppe GRANDADDY gewesen, feinste Ohrwurmstoffe ins zerklüftete Gelände zu schleusen, in dem es wunderlich wirrwarrt mit analogen Synthesizern, Mellotronen und gitarristischer Verzerrungskunst. Schön, dass diese Band sich wieder gefunden hat, und Jason Lytles spezielle Gesangsstimme wieder all jene verzaubern könnte, die es nicht grell und vollmundig brauchen.

 
 
 

 

2017 23 Feb

Rhiannon und Co.

von | Kategorie: Blog | 6 Kommentare

Ich bin ja voll des Lobes für eine gern verrissene Platte, Peace Trail, von Neil Young. Viel unbekannter, vom Sound ausgefeilter, ohne rohe Kräfte auszusparen, ist ein morgen in den Läden erscheinendes Album mit einem ähnlich optimistischen Titel, Freedom Road, von Rhiannon Giddens. Auch hier ist, über die ganze Liederstrecke hinweg, der Blutzoll beträchtlich, und wer mag, sieht hier eine weitere Folk-Revivalistin in Aktion, und so verkehrt ist das nicht. Mindestens bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg gehen manche Stories zurück, machen Zwischenhalt in der Bürgerrechtsbewegung der Sechziger Jahre, entzünden Kerzen an Gräbern im Finsteramerika der Gegenwart. Manchmal darf man von den alten Geschichten nicht genug kriegen, weil sie sich bis heute wiederholen, und falsche Wehmut zum Glück rasch in den Widerstandsmodus umschaltet. Gospel, Folk, Jazz, Blues, Funk, Rap, das alles, ja, aber nicht als gepflegte Mixtur. Neil Youngs Peace Trail ist ungeschliffener, und bei Rhiannon geben Coverversionen den Ton an. Und, um sich ganz sicher vor bloss flüchtigem Ergriffensein zu schützen, sind hinterher englische Tapas zu empfehlen, „English Tapas“, das neue Album von Sleaford Mods. Kommt dann Freitag in einer Woche raus. Ich habe gestern, nach Ewigkeiten, „The Searchers“ von John Ford gesehen, mit einem grossartigen John Wayne, und halte es für ratsam, lustvoll und fesselnd,  noch einmal Tom Sawyer und Huckleberry Finn zu lesen. These will be the days. Memory works sideways.

… und bringt bitte einen Text mit, der euch sehr gut gefällt, den ihr aber nicht selbst geschrieben habt, Genre egal, maximal eine Seite, bitte für alle kopieren und ein paar Argumente überlegen, die aus eurer Sicht für die Qualität des Textes sprechen …

 

D. hatte einen schmalen Erzählungsband von Denis Johnson dabei: Jesus´ Sohn. Er fing einfach an zu lesen und es war gleichgültig, dass wir weder den Zusammenhang noch den Titel der Geschichte kannten. Er begann so: „Kurz darauf standen Autoschlangen auf beiden Seiten der Brücke, Scheinwerferlicht schuf um den dampfenden Schrotthaufen eine Stimmung wie bei einem nächtlichen Fußballspiel, und Kranken- und Polizeiwagen bahnten sich zögernd ihren Weg, so dass die Luft farbig zuckte.“ Ein paar Absätze später folgte eine Passage, die die Stimmung im Raum veränderte.

„Dann kam die Frau den Gang hinunter. Sie war eine Pracht – sie glühte. Sie wusste noch nicht, dass Ihr Mann tot war. Wir wussten es. Das gab ihr diese Macht über uns. Der Doktor bat sie in ein Zimmer mit einem Schreibtisch am Ende des Ganges, und unter der geschlossenen Tür strömte ein strahlend heller Glanz hervor, als würden dort drinnen in einem phantastischen Verfahren Diamanten zu Asche verbrannt. Was für Lungen! Sie schrie schrill auf, so wie, vermute ich mal, ein Adler aufschreit. Es war ein wunderbares Gefühl, am Leben zu sein und das zu hören! Überall habe ich seither dieses Gefühl gesucht.“

Während D. darüber sprach, was ihn an Denis Johnson faszinierte und welches seine Lieblingsbücher waren, klebten meine Augen auf dem Satz: „Das gab ihr diese Macht über uns.“ Worin liegt die Macht einer Frau, die in der Illusion lebt, ihr Mann würde leben? Sie lebt in der Gewissheit, dass ihre Liebe existiert. Dies ist ihre Wahrheit und eine Erfahrung, die in ihrem Körper gespeichert ist. Es ist ihre Kraftquelle, der sich die anderen nicht entziehen können. Darin liegt ihre Macht. Die Nachricht des Arztes verändert ihren Körper, die Konfrontation mit der Wirklichkeit zerstört die Frau. Und welches Gefühl sucht der Erzähler, vergeblich? Die Lebendigkeit. [Heute mal große Worte, Guerrilleros, der Mond irgendwo über dem Lagerfeuer.]


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